"Hauptsache, Sie wählen demokratisch"

Wahlen 2019 Zum ersten Mal seit Langem könnte ein Grünen-Politiker aus dem Vogtland in den Landtag einziehen. Unterstützung dafür gab's jetzt von der Parteichefin.

Plauen.

Annalena Baerbock hat wenig Zeit an diesem Freitagabend. Eine Stunde. Sie muss noch weiter zum nächsten Termin. 60 Minuten also bleiben den gut 150 bis 200 Besuchern im Plauener Malzhaus, um mit der Grünen-Parteichefin ins Gespräch zu kommen. Keine lange Vorrede, die Besucher sollen Fragen stellen. Arme schnellen in die Höhe.

Gut zwei Wochen vor der sächsischen Landtagswahl am 1. September ist Annalena Baerbock, 38, ins Vogtland gekommen, um Gerhard Liebscher, 63, im Wahlkampf zu unterstützen. Der Lottengrüner kandidiert im Wahlkreis Plauen. Seine Chancen stehen gut. Er hat Platz 12 der Landesliste inne. Bekommen die Grünen mehr als zehn Prozent der Zweitstimmen, schafft Liebscher den Sprung in den Landtag. Im Mittelpunkt steht an diesem Abend aber nicht der frühere Vosla-Chef, sondern die Parteivorsitzende.


Wie kann das Vogtland wieder besser an den Bahn-Fernverkehr angebunden werden? Baerbock: "Viele Menschen fühlen sich nicht nur abgehängt, sie sind abgehängt. Bund und Land müssen massiv investieren." Was sagt sie zum geplanten Kohleausstieg 2038? "Das Gefühl der Unsicherheit für die Beschäftigten ist das größte Problem. Während Sachsen und Brandenburg weiter abwarten, hat sich Nordrhein-Westfalen längst auf den Weg gemacht, den Strukturwandel anzugehen." Welche Rolle spielt das Bündnis 90 noch bei den Grünen? "Das Konzept des Runden Tisches hat mich geprägt. ... Dass die Menschen 1989 auf die Straße gegangen sind, dafür können wir dankbar sein." Radwegbau, Bildungsföderalismus, Meinungsvielfalt. Die Themen springen hin und her. Annalena Baerbock antwortet klar, kein Zögern, sie spricht schnell, fast jedes Mal bekommt sie Beifall. Sie sei "erfrischend", sagen mehrere Besucher später, viele machen Fotos, einige fragen nach einem Selfie. Andere sind enttäuscht: "Nur Sonntagsreden."

Ein Mann mit hellgelb leuchtender Kleidung und dunklem Bart stellt sich vor, er ist Mitglied einer Bürgerinitiative gegen Windkraft. "Wir sind gegen den Bau von Windkraftanlagen im Wald. Wälder müssen dafür abgeholzt werden, Vögel und Insekten sterben. Wollen Sie das stoppen?" fragt er die Parteichefin. "Klares Nein", antwortet sie. Der Ausstieg aus Atomenergie und Kohle sei eine "Riesen-Aufgabe", doppelt so viele Windräder wie bisher müssten noch entstehen. Freie Flächen seien dafür Favorit, doch gerade in dichter besiedelten Räumen gebe es kaum freie Flächen. Der Wald als Windrad-Standort - er komme deshalb durchaus in Frage, aber nur als "der letzte Schritt", sagt Baerbock.

Altersarmut, bedingungsloses Grundeinkommen, Integration von Flüchtlingen. Die Vogtländer haben viele Fragen mitgebracht, vor allem zur Bundespolitik. Das hat Annalena Baerbock überrascht, sagt sie später. Auch die Vielfalt der Themen.

Blick auf die Uhr: Die Stunde ist fast vorbei. Noch drei Fragen, drei Themen. Plastikmüll. Großviehbetriebe. Was tun, wenn kein Wind mehr weht? "Dann greifen wir auf Kombinationen alternativer Energien und auf Speicher zurück", sagt die Brandenburgerin.

Es ist kurz vor 20 Uhr. Schluss für heute in Plauen. Nur eine Botschaft will Annalena Baerbock unbedingt noch loswerden. "Sie sind 1989 auf die Straße gegangen, um für freie Wahlen zu kämpfen. Man weiß nicht, was am 1. September rauskommt, aber rufen Sie Ihre Schwiegermutter an und sagen Sie: Es ist ein schöner Tag für einen Spaziergang am Wahllokal vorbei. Hauptsache, Sie wählen demokratisch."

Dann ist aber wirklich Schluss. Annalena Baerbock macht sich auf den Weg. Mit dem Auto. Sie muss noch in die Uckermark, sagt sie - ein Zug dorthin fährt aus dem Vogtland um diese Zeit nicht mehr.

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 2 Bewertungen
15Kommentare
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  • 4
    2
    Tauchsieder
    22.08.2019

    Einer geht noch.
    Wahrscheinlich haben die "Grünen" nach langer Suche endlich den Vierten Hauptsatz der Thermodynamik gefunden, der da lautet: - Kaffee wird kalt, Bier wird warm -.

  • 5
    2
    Einspruch
    21.08.2019

    Wenn ich so durchs Land fahre, sehe ich Massen von Windrädern, die nichts tun.
    Riesige Wasserfälle fallen mir auch nicht ein, die genügend Energie erzeugen.
    Solar? Nicht im großen Maßstab bei uns denkbar. Fast nur auf Erneuerbare setzen zu wollen, ist einfach grüner Unfug. Das Netz mit weitläufigen Erklärungen doch noch als Speicher darstellen zu wollen, nun Cbo.... hat es versucht. Und die von ihm aufgeführten Gaskraftwerke für Engpässe, na, da brauchen wir sicher nicht lange auf Grüne Verbote warten.
    Wer Wälder für Windräder ernsthaft abholzen will ist für mich nicht wählbar. Und was intelligente Netzoptimierung anrichten kann, na mal abwarten. Auch in anderen Bereichen kann Digitalisierung keine Wunder vollbringen. Energie muss nun mal erzeugt werden, sicher und zuverlässig, nicht herbeigequatscht.

  • 4
    0
    Nixnuzz
    21.08.2019

    Tauchsieder: Dachte jemand wäre da aktuell informiert. Na gut. Nach dem Essen...

  • 4
    2
    Tauchsieder
    21.08.2019

    Sehr gut diese Erwähnung "Zeit.....", um es etwas genauer zu sagen - etwa 5% sind die physikalisch bedingten Reibungsverluste in den Übertragungsnetzen - und da könnte man noch weitere negative Ergänzungen machen, wie z.B. die von "Zeit...".
    Vielleicht wird später einmal der "Netzspeicher" als die Baerböcksche Netzkonstante benannt, weiß man`s ?
    Seit über einhundert Jahren gibt es Elektroingenieure die sich mit dieser Technologie befassen. Die "Grünen" schaffen es innerhalb weniger Minuten in einem Interview dies alles auf den Kopf zu stellen. Sollen sie doch über etwas reden von was sie etwas verstehen. Bloß dazu fällt mir gerade auch nichts ein.

  • 4
    2
    Zeitungss
    21.08.2019

    Schon mal jemand von Übertragungsverlusten in den Netzen gehört ? Selbst Transformatoren, sogenannte ruhende elektr. Maschinen, fallen darunter. Sie müssen ab einer bestimmten Leistung gekühlt werden um deren Funktion zu gewährleisten. So richtig brauchbaren Speicherplatz kann ich im Netz nun wirklich nicht finden, außer Frau Baerbock erklärt es mir einmal.

  • 2
    0
    Tauchsieder
    21.08.2019

    Aber "Nix.....", da gibt ihnen das Inter(netz) seitenweise Auskunft darüber.

  • 4
    1
    Nixnuzz
    21.08.2019

    Wieviel private Solardachbesitzer haben integrierte Speicher? Wie läuft da die Eigenspeicherung mit der Netzspeicherung? Nutzt das Netz diese private Strombank mit?

  • 4
    1
    Tauchsieder
    20.08.2019

    Das Verteilungsnetz speichert nichts, gar nichts, auch nicht für eine Zehntelsekunde! Was es gibt ist eine maximal Halbsekundenreserve aus der Schwungmasse der Generatoren und Turbinen. Bei Dampfkraftwerken gäbe es noch eine sogenannte „Kesselreserve“ die im Sekundenbereich liegt. Summa Summarum, alle Netzkomponenten, bestehend aus Leitungen und Transformatoren, speichern gar nichts.

  • 3
    7
    cn3boj00
    20.08.2019

    @61charly, ich muss Ihnen beipflichten.
    Selbst Physiker können zu falschen Schlüssen kommen, wenn sie von falschen Voraussetzungen ausgehen. Und inwieweit Frau Baerbock das im Detail durchdrungen hat will und kann ich gar nicht beurteilen (die wenigsten Politiker sind Physiker, und wenn so haben sie doch vieles vergessen), aber sich über die Aussage lustig zu machen zeugt von keinem allzu großen Verständnis.
    Natürlich ist das Netzt im eigentlichen engsten Sinn als Summe aller Leitungen kein Speicher. Draht kann nichts speichern. Dennoch kann man schon allein mit der Netzfrequenz auch im engeren Netz Schwankungen ausgleichen. Wenn man das Netz aber ein kleines bisschen weiter, als Summe von Einspeisern, Verbrauchern und Transport sieht, hat dieses System natürlich Speicherwirkung. Die muss ja auch heute schon da sein, denn kein Generator, der gerade Strom erzeugt (egal auf welcher Basis!) weiß ja schon vorher ob dieser auch tatsächlich verbraucht wird. Deshalb gibt es im Netz Reserven oder Speicher. Man teilt die in Primär-, und Sekundärreserven ein. Während erstere mitlaufende Generatoren sind, sind letztere tatsächlich Speicher. So gibt es eine Anzahl Gasgeneratoren, die als Primärreserve vorgehalten werden. Das wird auch in Zukunft so sein. Und als Speicher wirken etwa die Pumpspeicheranlagen, in Zukunft sicher auch mehr chemische Speicher.
    Dass das Netz an den zunehmenden Anteil unstetig erzeugter Energien angepasst werden muss ist in er Energiewirtschaft heute schon ein Thema und kommt nicht erst "wegen den Grünen" auf uns zu. Da ja die Umstellung auf zunehmend mehr erneuerbare Energien ein Prozess ist und nicht an einem Tag passiert kann man dem Bedarf entsprechend über ein Netzmanagement reagieren.Dieses Schwarz-Weiß-Denken derer, die glauben unsere Kohle ist unendlich, geht total an der Realität vorbei.

  • 5
    4
    Tauchsieder
    20.08.2019

    Das finde ich aber schön, wenigstens etwas ist bei ihnen "61ch...." hängen geblieben.

  • 6
    8
    61charly
    20.08.2019

    Tauchsieder sollte sich mit Äußerungen zu Wissensstand und Naturgesetzen zurückhalten, da er davon keine Ahnung hat. Wer behaupet, daß "der CO2 Gehalt in der Luft war vor der Industrialisierung bei 0,04% und jetzt im Jahr 2016 lieg der Wert immer noch bei 0,04% CO2 in der Erdatmosphäre" und das "bedeutet damals Pille Palle und heut noch immer", hat von Physik keine Ahnung.
    (https://www.freiepresse.de/vogtland/plauen/erfolg-fuer-buergerplattform-windrad-plaene-liegen-auf-eis-artikel10125979)

  • 9
    4
    Tauchsieder
    20.08.2019

    Den Wissensstand von Fr. Baerbock zu den EE kann man an nachfolgenden Aussagen festmachen. Deshalb konnte der Herr in Gelb auch keine andere Antwort erhalten.
    O-Ton Baerbock vom 8.11.18, veröffentlicht am 21.1.19 im Deutschlandfunk: - „Und natürlich gibt es Schwankungen. Das ist vollkommen klar. An Tagen wie diesen, wo es grau ist, da haben wir natürlich viel weniger erneuerbare Energien. Deswegen haben wir Speicher. Deswegen fungiert das Netz als Speicher. Und das ist alles ausgerechnet. Ich habe irgendwie keine wirkliche Lust, mir gerade mit den politischen Akteuren, die das besser wissen, zu sagen, das kann nicht funktionieren.“ - Ende!
    O-Ton Baerbock auf ihrer Homepage: - „Die vielen, dezentralen Anlagen werden über ein leistungsfähiges Stromnetz miteinander verbunden, das den Strom schnell und effizient vom Erzeugungs- zum Verbrauchsort transportiert. Strombedarf und Stromerzeugung werden so über eine intelligente Steuerung jederzeit und an jedem Ort zielsicher aufeinander abgestimmt. So wird die Stromversorgung der Zukunft aussehen. Speicher und Netze wirken darin funktional sehr ähnlich, auch wenn sie physikalisch völlig verschieden sind. Denn beide tragen dazu bei, kurzzeitig auftretende Überschüsse und Engpässe auszugleichen. Damit nehmen sie eine Schlüsselstellung im künftigen Stromsystem ein.“ Ende!
    Mit solchen Aussagen steht uns eine leuchtende Zukunft ins Haus, Wow !
    Gesetze kann der Bundestag ändern. Wahrscheinlich versuchen jetzt die Grünen dies auch mit Naturgesetzen.

  • 11
    2
    DerKuckuck
    20.08.2019

    Na hoffentlich bleibt die auch in der Uckermark. Soviel leeres geblubber ..., die haben nichts anzubieten außer Phrasen.

  • 12
    2
    Zeitungss
    19.08.2019

    Wann bringt man dieser Frau einmal etwas aus dem Bereich Elektrotechnik und Speichermöglichkeiten bei ? Es wäre dringend erforderlich, bevor sie bei ihren Anhängern noch weitere Hoffnungen weckt. Das Leitungsnetz als Stromspeicher fällt schon einmal aus, warum das so ist, könnte ihr der Glühlampenverkäufer um die Ecke schon erklären. Wer das jetzt sieht wie man es soll, darf hier einen Beitrag zur Stromspeicherung in Deutschland abliefern, bei genauerer Betrachtungsweise dürfte dann Ernüchterung eintreten. Die 3 oder 4 medienwirksam aufgestellten "Flachbatterien" werden es nicht richten, denn die Erneuerbaren haben nun einmal ihre eigenen Vorstellungen, welche auch die grüne Lobby nicht beeinflussen kann.
    Sollte der Beitrag verloren gehen, ändert es am gegenwärtigen Zustand auch nichts.

  • 15
    8
    ths1
    19.08.2019

    "Was tun, wenn kein Wind mehr weht? `Dann greifen wir auf Kombinationen alternativer Energien und auf Speicher zurück`". Das ist grüner Schwachsinn, der einfach nur wütend macht! Oder auch gerne flapsig ausgedrückt: Mehr Wald verbessert unsere Luft - weniger Grüne verbessern unser Klima.



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