Historiker: Plauen zählte 700 Stasi-Spitzel

Der Politikwissenschaftler Helmut Müller-Enbergs war zu einem Vortrag im Malzhaus. In Plauen sei in Sachen MfS manches anders gelaufen als im Rest der Republik, sagte er seinen Zuhörern.

Plauen.

Wer das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR in aller erster Linie für einen Repressionsapparat gehalten hat, der liegt nach Meinung von Helmut Müller-Enbergs falsch. "Das deckt sich nicht mit der Aktenlage", sagte der Stasi-Experte jetzt bei einem Vortrag in der Malzhausgalerie vor etwa 150 Besuchern. Enbergs muss es wissen. Denn der Wissenschaftler befasst sich bereits seit 1992 mit dem Thema. Er war unter anderem wissenschaftlicher Referent beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und hat diese gründlich durchforstet.

Die Mitarbeiter der Kreisdienststelle Plauen zum Beispiel hätten weitaus mehr Aufgaben gehabt, als nur Andersdenke auszuhorchen. Acht Leute kümmerten sich dort um die Spionage-Abwehr, sieben um die bewaffneten Organe wie die Polizei und die Zivilverteidigung. Bei größeren Unfällen mit Produktionsausfällen in den Betrieben rückte das MfS an. Man fürchtete Sabotage westlicher Geheimdienste. Sechs Leute waren für Sicherheitsüberprüfungen zuständig und vier gehörten dem Auswertungsreferat an. Das Referat für Untergrundtätigkeit hatte neun Mitarbeiter. "Hier wurde Haft produziert", schätzte der Autor und Herausgeber mehrerer Publikationen ein. Plauen war eine von 211 Dienststellen in der DDR.

In allen diesen Dienststellen teilte man die Inoffizielle Mitarbeiter (IM) in mehrere Kategorien ein - je nach ihren Aufgaben. "Die Plauener haben noch die Kategorie 'Gute Menschen' eingeführt", gab der Redner das Ergebnis seiner Nachforschungen wieder. Mit "Guten Menschen" waren Bürger gemeint, die ganz freiwillig und aus Überzeugung informiert haben. "Die kamen 1990 nicht in die Überprüfung", gab Helmut Müller-Enbergs zu bedenken. In Plauen hatte die Kreisdienststelle insgesamt 700 Spitzel - ein Spitzenwert. Rund jeder 105. Einwohner arbeitete also mit.

Dass oft Druck ausgeübt wurde und Notlagen von der Stasi ausgenutzt worden sind, um Menschen als IM zu gewinnen, hat Hans Müller Enbergs bestätigt. Aber: "Man konnte 'Nein' sagen und es ist nichts passiert", stellte er klar. Dass nichts passiert, habe man sich damals vielleicht denken können. "Aber man konnte es nicht wissen", ergänzte er. Viele hätten aus Angst dann doch zugestimmt. Es wurde aber auch "Nein" gesagt. Von drei Befragten erklärte sich nur einer zur Zusammenarbeit bereit. Enbergs gab die Antwort einer vom MfS angesprochenen Plauenerin wieder: "Ich arbeite doch nicht mit der Roten Gestapo zusammen".

Die Akten jener IM, die in Kontakt mit später verhafteten Leuten kamen, seien meistens verschwunden, gab der Experte seine Erfahrungen wieder. In Plauen seien das 40 Leute gewesen.

Weitaus höher war noch im Jahre 1969 die Zahl ehemaliger NSDAP-Mitglieder in der Stadt: 8000. Auch darum hat sich die Stasi gekümmert. 13 hauptamtliche Gestapo-Leute lebten noch in den 1960er Jahren in der Stadt - darunter zwei Vollzugsbeamte. Die seien "nicht eingesammelt worden". In Plauen lebte lange verdeckt außerdem der 1982 wegen Mitwirkung an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer Gefängnisstrafe von 15 Jahren verurteilte Erich Geißler. Er war zu diesem Zeitpunkt 83 Jahre. Unter den Nazis war er Untersuchungsrichter und Anklagevertreter des Oberreichsanwaltes am Volksgerichtshof (VGH). Geißler starb 1983.

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