Hochwasser: Wut hält in Weischlitz an

Drei Monate nach der Flut fordern die Weischlitzer bei einer Einwohnerversammlung Antworten von den Verantwortlichen an der Talsperre Pirk. Mehr als 30 Fragen gingen vorab ein. Am Schluss blieb auch Enttäuschung.

Weischlitz.

Es gibt keine schnelle Lösung. Das ist das Fazit von einem langen Dienstagabend. Die Aussage von Stefan Dornach, Vertreter der Landestalsperren-Chefs (LTV) aus Pirna, hat viele Erwartungen der vor ihm sitzenden Weischlitzer enttäuscht. Mehr als 50 Menschen waren zur Einwohnerversammlung in die Turnhalle gekommen, um von den Verantwortlichen am Stauwerk Pirk Antworten zu erhalten. Ihre drängendste Frage von mehr als 30 Punkten: Warum hat sie Ende Mai nach nur fünf Jahren wieder eine Flut erwischt?

Betriebsleiter Gerd Zobel hatte Bürgermeister Steffen Raab (Freie Wähler) den Termin für die Aussprache mit Betroffenen bereits direkt nach der Katastrophe angeboten, brachte neben einem Vertreter aus Pirna auch seine Stauanlagen-Chefin im Vogtland sowie seinen Staumeister mit. "Es war ein extremes Starkregen-Ereignis in nur kurzer Zeit, völlig anders als bei der Flut 2013", betonte Zobel vor den Zuhörern. In der Spitze schossen 160 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in die Talsperre. Kurz nach 18 Uhr war der Überlauf erreicht. Die Warnung vom Deutschen Wetterdienst ging nur wenige Stunden vor dem Höhepunkt des Unwetters ein. Pfingstsonntag hätten die Verantwortlichen aber mit dem Ablassen beginnen müssen, vier Tage vor dem Regen. Nur so hätte der relativ kleine Stausee die Wassermassen halten können. "Wir dürfen aber ohne Grund keine künstliche Flutwelle auslösen", betonte Zobel. Vor fünf Jahren habe er wegen so einer Sache vor dem Staatsanwalt gestanden.

Weischlitz sei nicht zu retten, hatte Zobel am Tag nach der Flut zur "Freien Presse" gesagt. Für diesen Satz entschuldigte er sich Dienstagabend bei den Betroffenen. Doch machte er auch keinen Hehl daraus, dass Wohngebiete in Flussauen Risiken haben. "Selbst wenn wir den Rückhaltestauraum der Pirk für Hochwasser um 20 Prozent erhöhen oder gar verdoppeln, sinkt in Weischlitz bei so einem Ereignis der Wasserstand um wenige Zentimeter", erklärte Zobel. "Die Talsperre sorgt aber dafür, dass weniger Wasser im Ort ankommt und hält Geröll und Treibgut auf." Ein Anwohner aus Kürbitz, dem das Wasser 1,30 Meter hoch im Keller stand, machte seinem Ärger Luft: "Ich bin stinksauer", sagte er und schob Beleidigungen nach. Weitere folgten seinem Beispiel. Das Versprechen der LTV, Steuerungspläne für Hochwasserereignisse und auch die Idee, das generelle Absenken des Wasserspiegels zu prüfen, war den Anwesenden zu wenig. Sie forderten Ergebnisse. Der Vertreter aus Pirna bremste die Weischlitzer ein: "Hätten wir ständig an den Talsperren rumgespielt, hätten wir in der jetzigen Situation in den Nachbarkreisen längst kein Wasser mehr", betonte er. Vieles müsse abgewogen, auch andere Interessen beachtet werden.

Betriebsleiter Zobel sicherte den Bürgern bis Ende 2019 verlässliche Daten zu. Bis dahin sei die Weiße Elster neu vermessen und es sei klar, in welchem Ausmaß die Zuflüsse seit 2002 zugenommen haben. "Es deutet sich an, dass sie in kurzer Zeit um 30 Prozent gestiegen sind", sagte er. Das wäre ein Argument beim Ruf nach mehr Hochwasserschutz.


Kommentar: Sachlichbleiben

Der Schaden macht die Betroffenen wütend, die Ohnmacht während der Flut weckt Zorn. Das ist verständlich. Nur sollte die Diskussion dennoch sachlich bleiben. Persönliche Beleidigungen sind fehl am Platz. Fast drei Stunden nahmen sich vier Verantwortliche von der Landestalsperrenverwaltung Zeit, um sich den Fragen der Betroffenen zu stellen. Sie blieben auch in der Turnhalle sitzen, als das Niveau längst abrutschte und eine Gruppe den Saal verließ - aus Frust, weil sie anderes hören wollten oder es spät wurde. Höflich war das jedenfalls nicht. Sicher, es bleiben berechtigte Fragen offen: Warum kam die Warnung vor der Welle nicht früher und bei allen Anwohnern an? Noch am Dienstag, drei Monate nach der Flut, konnten weder Vertreter des Landratsamtes noch der Bürgermeister verlässlich sagen, wer die Sirene im Ort hätte auslösen dürfen. Die Peterkarte wird noch immer hin- und hergeschoben. Das hilft nicht weiter. Die Lücken in der Alarmierungskette müssen aufgearbeitet werden. Ein neuer Plan sollte transparent sein, um Anwohnern wieder ein Gefühl von mehr Sicherheit zu geben. Das baut Frust ab.


Drängende Fragen der Weischlitzer und die Aussagen der Landestalsperrenverwaltung dazu

Warum wurden die Fischbauchklappen geöffnet?

LTV: Der behördlich genehmigte Steuerungsplan sieht bei Hochwasser das langsame Öffnen einer Klappe vor, sie war zur Flut bis 50 Prozent geöffnet. Andernfalls drohen bauliche Schäden am Bauwerk und der Überlauf des Damms, der die Bahnstrecke schützt. Andere Modelle werden geprüft.

Wird wegen des Tourismus der Wasserstand nicht abgesenkt?

LTV: Die Pachteinnahmen durch den Tourismus und der Gewinn aus der Stromerzeugung machen weniger als fünf Prozent des Gesamtaufwandes an der Talsperre Pirk aus. Der Rückhalteraum für Hochwasser ist aber Teil des Wasserwirtschaftsplans in Sachsen, nicht Sache der LTV allein.

Warum wird in Weischlitz keine Hochwasserschutzanlage gebaut?

LTV: Beim Hochwasserschutz geht es nach Priorität. Ausschlaggebend ist der angenommene Schaden. Es ist schwer vermittelbar, mehr Millionen für Wände auszugeben, als die Schadenshöhe beim Ereignis wäre. Neue Berechnungen 2019 könnten Änderungen für Weischlitz ergeben. (nij)

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1Kommentare
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  • 0
    3
    WilhelmTell
    30.08.2018

    Alles Gelaber!
    1. Der Rückhalteraum ist deutlich zu vergrößern, dazu muss der Normalstau niedriger festgesetzt werden!
    2. Sobald die Niederschlagsvorwarnung eingeht muss soviel Wasser abgelassen werden wie ohne Überschwemmungsgefahr für die Unterliger vertretbar ist.
    3. Einmaliger HW-Objektschutz darf sich nicht an den Kosten eines Einmalschadens messen lassen, wenn sich das Schadensereignis mit der hier geschehenen Häufigkeit wiederholt, bzw. wiederholen kann. - Das ist der Staat seinen Bürgern schuldig!

    Um die Effizienz dieser einfachen Präventionsmaßnahmen zu begreifen muss man nicht Wasserbaus studiert zu haben, da reicht Baumschule!



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