Hund verwahrlost: Strafanzeige erstattet

Einem Hund ist das Bein abgefault, weil ihn niemand zum Arzt brachte. Die Fälle drastischer Verwahrlosung von Tieren im Vogtland nehmen zu, sagt das Veterinäramt. Auch Drogen spielen eine Rolle.

Plauen.

Minnie ist eine zarte gelbe Mischlingshündin, und vielleicht war einer ihrer Vorfahren ein Golden Retriever. Statt des linken Vorderbeins hat sie eine Narbe. Das Bein gibt es nicht mehr, das hat die Tierärztin amputiert. Wahrscheinlich hatte Minnie vor vielen Monaten eine eingewachsene Kralle. Wahrscheinlich hat sich der Zeh infiziert. Am Ende war das ganze Bein kaputt. Entzündet und vereitert. Minnie war abgemagert und fieberte, als das Herrchen sie zum Tierarzt brachte.

Bei diesem Hundeschicksal bekommt auch die Amtstierärztin einen Kloß im Hals. Dass Tiere abartig gehalten werden, ist aber keine Einzelfall, sagt Dr. Anne Schilder: "Die Schwere der Verstöße gegen das Tierschutzgesetz nimmt zu. Auch Drogen spielen da eine große Rolle." Inzwischen fährt sie mit ihren Kollegen zu fast doppelt so vielen Tierhalte-Kontrollen wie vor zehn Jahren. Die sechs Tierärzte aus der Behörde fahren dabei quer durch den Vogtlandkreis und gehen Hinweisen nach, die aus der Bevölkerung kommen. Vergangenes Jahr waren es 458 Kontrollen, dieses Jahr bis jetzt 361. Die Routinebesuche bei den Bauern machen da den kleinsten Teil aus.

Anne Schilder zeigt Fotos. Von einem Kaninchen, das in der Regentonne lebt, von mit Katzenkot überzogenen Wohnzimmern und Schafen mit so langem und schwerem Fell, dass sie nicht mehr aufstehen können. "Hinter dem tierischen Leid erleben wir oft menschliche Tragödien", sagt Tierärztin Bettina Thoß, die im Veterinäramt den Tierschutz leitet. Ihre Behörde informiere dann das Sozialamt oder das Jugendamt, denn manchmal sind auch Kinder involviert.

Auch bei Minnie gab es Schwierigkeiten. Die Veterinäre baten den sozialpsychiatrischen Dienst, sich darum zu kümmern. Minnie heißt zum Schutz der Privatsphäre ihr früheres Herrchen nur in dieser Geschichte Minnie. Die Behörde hat ihm ein Tierhalteverbot erteilt. Das ist das drastischste Mittel, zu dem die Veterinäre greifen dürfen. Es gilt unbefristet und wird selten verhängt. Pro Jahr trifft es im Vogtland seit 2006 zwischen einem und sechs Tierhalter. Gesetzliche Grundlage ist das Tierschutzgesetz, das voraussetzt, dass dem Tier zum Beispiel erhebliche oder länger anhaltende Schmerzen zugefügt werden. "Wir handeln nach den gesetzlichen Vorgaben", sagt Anne Schilder Oft stellen sie Regeln auf für die Besitzer: Spazieren gehen mit dem Hund. Zum Tierarzt gehen. Mehr Futter hinstellen. Mehr Auslauf geben. Dann kontrollieren sie wieder, manchmal jede Woche.

Hin und wieder kommen die Tierärzte mit der Polizei, um Türen öffnen zu lassen. Bei einem Einsatz hat die Behörde 260 Kleinsäuger von einem Grundstück geholt. "Tiere sind zu preiswert", sagt Anne Schilder. Sie hält nichts davon, dass es Bartagamen für 25 Euro gibt. Wenn es Reptilien und Hamstern schlecht geht, fällt das den Nachbarn kaum auf. Ähnliches erzählt Karin Oettmeier vom Plauener Tierschutzverein "Herzen für Tiere": "Erst sind sie schön, dann machen sie Arbeit und werden entsorgt. Sie leiden still vor sich hin." Ein "Ballungsgebiet" dessen kenne sie im Plauener Stadtteil Haselbrunn. "Wir können die Probleme nicht lösen. Den Menschen muss geholfen werden", sagt Amtstierärztin Anne Schilder.

Seit diesem Sommer registriert das Kreisveterinäramt Fälle, in denen Pferde nicht artgerecht gehalten werden. Die Tiere stammten aus Rumänien und würden für 100 Euro den Besitzer wechseln, was zu unüberlegten Schnellkäufen führe.

Minnie, die dreibeinige Hündin, führt zwei Monate nach der Amputation ein neues Leben. Tierschützerin Karin Oettmeier hat sie aufgenommen. Gegen das Herrchen habe sie Strafanzeige erstattet. Solche Anzeigen veranlasst das Veterinäramt ebenfalls. Dieses Jahr bisher vier.

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