Hunderte demonstrieren in der Innenstadt

Die Bilder aus Chemnitz verunsichern. Dennoch sind am Samstag Vogtländer auf die Straße gegangen, um Zeichen zu setzen.

Plauen.

Das Wort leuchtet. Peace. Frieden. In pinkfarbenen Lettern prangt es auf dem Gehweg am Hradschin. Frieden. Vielfalt. Liebe. Respekt. Diese Wörter haben Vertreter des Runden Tisches für Demokratie und Toleranz am Samstag vielerorts auf Gehwege in der Stadt geschrieben. "Es sind freundliche, friedliche, liebevolle Aussagen. Wir wollen uns gegen Hass und Hetze stellen", sagt Pfarrer Hans-Jörg Rummel.

Die rechtsextremistische und vom Verfassungsschutz beobachtete Partei Der Dritte Weg hat für Samstag zu einer Demonstration durch die Stadt aufgerufen. Am Weltfriedenstag. Die Anmeldung erfolgte schon vor Monaten, 50 Teilnehmer hatten die Organisatoren bei der Ordnungsbehörde des Vogtlandkreises angegeben. Am Ende kommen mehrere Hundert. Die Polizei nennt keine offiziellen Zahlen, Ordnungsdezernentin Christina Uhlenhaut spricht von 550 Personen, die Neonazis sagen, es seien mehr als 1000.

Um 14 Uhr, kurz vor dem Start der rechten Demo, herrscht eine angespannte Stimmung in der Stadt. Die Bilder aus Chemnitz von vor einer Woche haben verunsichert. Etwa 250 Menschen sind dennoch an den Albertplatz und die Bahnhofstraße gekommen. Sie sind nicht links, nicht rechts. Sie wollen Frieden, Respekt, ein menschliches Miteinander. Als der rechte Zug sich ihnen nähert, trommeln sie. Lautstark.

"Da drüben stehen Menschen, die sagen, sie seien das Volk - gehören wir nicht dazu?", fragt Philipp Brammer, Schauspieler aus Hof an diesem Nachmittag. CDU-Bundestagsabgeordnete Yvonne Magwas sagt: Jeder, der beim Dritten Weg mitlaufe, habe nichts aus der Geschichte gelernt. Parteien, Kirchen, Bürgerinitiativen und Vereine stellen sich gemeinsam gegen Hass. Zunächst am Albertplatz, später am Tunnel.

Der rechte Demozug, er zieht derweil durch die Bahnhofsvorstadt. Die Teilnehmer rufen Sprüche gegen Ausländer, gegen Politiker, die Presse. Eine dunkelhäutige Frau will die Kaiserstraße passieren. Ein Polizist schickt sie weg. Zu ihrer Sicherheit. Einige Sympathisanten warten am Wegesrand und schließen sich dem rechten Zug an. Ein junger Mann wagt den Versuch einer Sitzblockade, beendet diese aber schnell wieder, als die Polizei anrückt. Eine junge Frau spritzt Wasser aus einem Spielzeug auf den rechten Demozug. Acht Polizisten umringen sie sofort, nehmen ihre Personalien auf.

Am Hradschin hält Der Dritte Weg seine Abschlusskundgebung ab. Tony Gentsch spricht zu den Teilnehmern. Er ist vorbestraft, war einst "Führungskader" der inzwischen verbotenen Kameradschaften im Freien Netz Süd und gilt laut Verfassungsschutz neben dem als "Stützpunktleiter Vogtland" ausgewiesenen Rico Döhler als "überregional maßgeblicher Kader beim weiteren Aufbau" des Dritten Wegs. Gentsch behauptet, die Plauener Innenstadt sei eine Hochburg der Gewalt geworden. Dass die Polizei zuletzt ganz andere Fakten vorgelegt hat, lässt er unerwähnt: Die Anzahl der Straftaten rund um den Postplatz ist in diesem Jahr zurückgegangen, um gut 20 Prozent. Gentsch kündigt an, 2019 bei den Stadtratswahlen anzutreten.

Nach gut zwei Stunden ist die rechte Demonstration beendet. Einige fahren weiter nach Chemnitz. Die Polizei bilanziert einen ruhigen Verlauf aller Versammlungen. 230 Polizeikräfte seien im Einsatz gewesen, es habe keine Störungen gegeben, sagt Sprecher Oliver Wurdak. Drei Anzeigen seien aufgenommen worden wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Am Tag danach ist wieder Ruhe eingekehrt in Plauen. Sonntagsruhe. Doch die Menschen sprechen über die Demo. Und ein Wort leuchtet noch immer vom verregneten Gehweg. Peace. Frieden.


Vogtländer stellen sich gegen Rechts

Max Schmidt (rechts, 21)und Christian Blei (28) versuchten am Samstag auf der oberen Bahnhofstraße, mit Musik Angst und Hass entgegenzusteuern. Vor der Galerie Forum K nahmen sie bei der Aktion "Plauen is(s)t bunt" teil. "Wir sind ein Freundeskreis und wollen nicht nur politisch unterwegs sein, sondern auch etwas für die jungen Leute in Plauen tun", so Schmidt. Vor wenigen Tagen hatte der Student spontan eine Gegendemonstration gegen einen Rundgang der Partei AfD in Plauen initiiert. Auch da sei sein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit Musik gewesen. (sasch)

Maika Heine aus Selbitz bei Hofgehört der Musikgruppe Abandonados (portugiesisch für: "die Verlassenen") an, die während der Kundgebungen des Runden Tisches immer wieder lautstark für Trommelwirbel sorgte. "Wir sind 15 Mitglieder und trommeln gegen Rechts", so die Frau, die regelmäßig bei sogenannten Gedenkmärschen in Wunsiedel dabei ist, um lauter zu sein als die Neo-Nationalsozialisten, welche die oberfränkische Stadt zur Pilgerstätte erkoren. Dort war Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß begraben. (sasch)

Hans-Jörg Rummel, Pfarrer aus Plauen: "Einige der Protestierenden sehen nicht aus wie Neonazis. Die Politiker müssen es schaffen, wieder ihr Vertrauen zu erlangen." Viele seien unzufrieden, etwa, weil Straftaten nicht immer streng sanktioniert würden. "Aber wir leben in einem Rechtsstaat. Die Schuld muss groß und zweifelsfrei sein, um verurteilt zu werden." Angesichts der Geschehnisse in Chemnitz hatte Rummel befürchtet, dass sich weniger Menschen an den Aktionen gegen Hass und Hetze beteiligen würden. "Umso mehr freue ich mich, dass doch viele ihre Solidarität gezeigt haben." (nd)

Anna Striesow, Schauspielerin am Theater Plauen-Zwickau, freut sich, dass sie nach einem Jahr in Plauen und Zwickau hier immer wieder auf Menschen treffe, die offen sind. "Das ist besonders in Zusammenhang mit den Ereignissen in Chemnitz von Bedeutung", sagt die 27-Jährige, die kürzlich noch beim Elvis-Musical auf der Bühne stand. An den Kundgebungen und Aktionen gegen Rechts habe sie teilgenommen, weil sie sich "friedlich, laut und bunt" äußern wollte. Sie war mit Freunden vor Ort. (sasch)

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