Im Winter 1978/1979 fror auch Plauen

Zweistellige Minusgrade, viel Schnee, viel Wind und damit viele Schwierigkeiten zum Jahreswechsel vor 40 Jahren bekamen vor allen Dingen die Bewohner der Nordbezirke der DDR zu spüren. Aber auch in südlicheren Regionen ging vieles nicht mehr.

Plauen.

Der Winter 2018/2019 verwöhnt das Vogtland bislang mit eher milden Temperaturen und wenig Schnee. Die aktuelle Situation in den Alpen weckt allerdings Erinnerungen an den Winter 1978/1979 in der DDR, wo vor allem im Norden ganze Ortschaften im Schnee versanken und Gebiete von der Außenwelt abgeschnitten wurden. In den übrigen Landesteilen war es vor allem starker Frost, der den Menschen vor 40 Jahren zu schaffen machte.

In der 125-jährigen Geschichte der Plauener Straßenbahn ist deren Betrieb nicht allzu oft ins Stocken geraten oder gar zum Erliegen gekommen. Gegen Eis, Schnee, klirrenden Frost und dessen Folgen war Ende Dezember 1978 und Anfang Januar 1979 aber auch die Tram machtlos. Erst am Mittwoch, dem 4. Januar, schickte der Nahverkehrsbetrieb wieder sechs Hänger-Züge und einen Solowagen und damit deutlich mehr Bahnen als an den Vortagen auf die Strecke.

Kein Strom: Mit dem abgeschalteten Strom, dem vielen Schnee auf den Straßen und weiteren Problemen musste in den Tagen des Katastrophenwinters ab Silvester 1978 jedoch das gesamte Vogtland fertig werden. "In unserem Betrieb kamen gleich mehrere Ereignisse zusammen. In einer Nachtschicht war ein Wasserrohr gebrochen, dann fiel der Strom aus und unser Kraftfahrer, der aus Mecklenburg Garn für den Betrieb holen sollte, war drei Tage eingeschneit und von der Außenwelt abgeschnitten. Erst mithilfe der Armee kam er wieder frei." Daran erinnerte sich Eva Weidlich aus Falkenstein erst kürzlich in einem Leserbericht in der "Freien Presse". Sie arbeitete in einem Textilbetrieb.

An manchen Stellen halfen Notstromaggregate. Bäcker kneteten ihren Teig mit der Hand. So lieferte die Konsumbäckerei Plauen mit Unterstützung von Plaback-Leuten am 2. Januar 1979 dennoch 50.000 Brötchen und zwölf Tonnen Brot aus. Auch die Bäcker Herold in Großfriesen, Roth und Strobel in Kürbitz behalfen sich mit Kneten von Hand. Als der Strom am Vormittag des 2. Januar 1979 wieder zugeschaltet wurde, musste dennoch Energie gespart werden. Das Warenhaus Plauen setzte deshalb damals die Fahrtreppen und die Fahrstühle außer Betrieb. Dämmerbeleuchtung musste reichen in den Verkaufsräumen.

Keine Lieferungen: Aus dem Norden der DDR wurde nicht nur Garn geholt, sondern auch Tiere für den Schlachthof in Plauen. Die Lieferungen aus den Nordbezirken blieben jedoch aus, sodass der Betrieb den Bedarf aus eigenem Aufkommen decken musste.

Kein Wasser: Damit im Volkseigenen Gut (VEG) Christgrün die Kühe, Schweine und das Geflügel mit Wasser versorgt werden konnte, schleppten drei Traktoren sechs im Volksgut Plauen befüllte Wassertonnen mit jeweils 1500 Liter in das Dorf. Denn die Wasserleitung dort war eingefroren.

Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) Neuensalz besorgte sich zwei Notstromaggregate, um die Kühe trotz Stromausfalls weiter maschinell melken zu können. Ohne elektrische Energie konnte auch das Wasser nicht in die Hochbehälter in den Landkreisen gepumpt werden. Von diesen Hochbehältern aus kam das kühle Nass schließlich in viele Haushalte. Eindringliche Appelle an die Sparsamkeit der Bürger standen daher in der Tagespresse.

Keine Heizung: Nur 10 von 15 Kinderkrippen in Plauen konnten in den Tagen des Jahreswechsel 1978/1979 voll beheizt werden. Die Mädchen und Jungen von fünf Häusern zogen deshalb in warme Nachbareinrichtungen um. Ein ähnliches Bild bot sich bei den Kindergärten. Nur zwei Drittel hatten die nötige Wärme. Im Feierabendheim Stadtmitte stand ein Notstromaggregat für den Weiterbetrieb der Heizung.

Was sonst noch passierte: Zwei Lokführer brauchten mit ihren Zügen von Stralsund bis Plauen ganze zwei Tage. In Klingenthal stockte die Gasversorgung, weil der nötige Druck in den Leitungen nicht aufrechterhalten werden konnte. Die Kinos Tivoli, wo gerade der Abba-Film lief, und Capitol waren kurzzeitig geschlossen, ebenso das Theater und die Musikschule. Das Capitol nutzte die Pause für einen Spielplanwechsel: Statt "Sabine Wulff" flimmerte Jean-Paul Belmondo in "Ein irrer Typ" über die Bildwand.

Nach dem 6. Januar normalisierte sich der Alltag Stück für Stück.


Erinnerungen gesucht

Silvester 1978 gingen vielerorts die Lichter aus, weil die Kraftwerke in der DDR nicht mehr ausreichend Strom liefern konnten. Eisige Kälte machte sich breit. Es herrschte tiefster Winter. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit vor 40 Jahren? Wie waren die Plauener betroffen? Welche Herausforderungen mussten im Vogtland bewältigt werden? "Freie Presse" möchte gern Ihre Erinnerungen veröffentlichen. Schreiben Sie an die "Freie Presse" Plauen, Postplatz 7 in 08523 Plauen. Die E-Mail-Adresse lautet Red.plauen@freiepresse.de. Bitte Absender und Rufnummer vermerken. Veröffentlicht wird zum Text nur der Name. (bju)

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