Land unter im Vogtland

Die Natur spielt verrückt im Vogtland. Zu Pfingsten gab es Erdbeben, jetzt Hochwasser. Die Opfer der Flut kennen das leider. Sie kämpften bereits vor fünf Jahren mit Überschwemmungen.

Plauen/Oelsnitz (Vogtland).

Sie sind mit dem Leben davongekommen. Das ist das einzig Gute, was René Witt, Eileen Büttner und die vier Kinder am Freitag fühlten. Ansonsten: Verzweiflung. In ihrem Haus an der Dorfstraße in Unterhermsgrün, einem Stadtteil von Oelsnitz im Vogtland, steht der Schlamm bis zum Fenster. Das Zuhause der sechsköpfigen Familie - zerstört. Das Auto der Familie liegt im Straßengraben, mitgerissen von der braunen Flut.

 

Erreichbar ist das Haus nur noch auf abenteuerliche Weise. Die Dorfstraße ist auf 200 Meter Länge weggeschwommen. Kabel liegen frei, es besteht Stromschlaggefahr. "Wie ein Wasserfall rauschte auch am Freitag noch das Wasser talwärts. Verantwortlich für die Katastrophe ist ein Rinnsaal, das nicht mal einen Namen hat. "Ab jetzt ist es der Höllenbach", sagt René Witt. Galgenhumor. Nach stundenlangem Starkregen wurde das Rinnsal am Donnerstag zum reißenden Strom, der aus Richtung Oberhermsgrün seine zerstörerische Kraft entfaltete.

Die Feuerwehr musste die Familie retten. Die Kinder (15, 12, neun und sieben Jahre alt) wurden per Drehleiter übers Dach in Sicherheit gebracht. "Das Wasser war immer schneller die Treppe hochgestiegen", erzählt Eileen Büttner. "Da stehst du da und weißt nicht, was du machen sollst." Am Freitagmittag Schulterzucken. Was die Versicherung übernimmt? Das Paar weiß es nicht. "Bislang gab es hier noch keine richtige Hilfe", sagt der Familienvater. "Alle gucken nur."

In Oelsnitz waren rund 200 Einsatzkräfte bis nachts gegen vier Uhr im Einsatz. Mit einem Pegelstand der Weißen Elster von 2,14 Meter am Donnerstag gegen 20 Uhr wurde das Jahrhunderthochwasser von 2013 um 20 Zentimeter übertroffen. Mittlerweile ist der Pegel wieder deutlich gesunken. Er lag am Freitag gegen zehn Uhr bei 1,46 Meter. Normal sind hier 35 Zentimeter.

In Straßberg, das zur Stadt Plauen gehört, stand am Freitag Isabelle Pehlke auf ihrem Grundstück, das neben der Bio-Mühle am Elsterufer liegt, und hat den Schlamm vom Pflaster gespritzt. Ihre ganze Wiese war überflutet. So sehr, dass die Schaukel des kleinen Sohnes ins Wasser ditschte. "Das kam die Straße runtergelaufen wie ein Bach", sagt Isabelle Pehlke. Eine Rinderherde musste sich in Sicherheit bringen.

Die Pehlkes hatten trotzdem Glück. Erst seit September wohnen sie in ihrem Eigenheim neben der Straßberger Mühle. Sie brachten den Sohn zur Oma, bauten Dämme aus Sandsäcken und hielten Nachtwache. Das Haus, mit dem sie sich ihren Traum erfüllt haben, ist trocken geblieben. Das Gebiet, in dem sie wohnen, gehörte zu den Hochwasser-Schwerpunkten von Plauen. Vor fünf Jahren stand der Pegel der Elster knapp 40 Zentimeter höher.

Weischlitz, Kürbitz, Straßberg und Thiergarten - durch diese Ortschaften schob sich die Flutwelle. Entlang der Elster zog das Wasser am Freitag die Menschen an. Viele schauten und fotografierten die Spuren der Flut. Tosca Steffen schob den Kinderwagen durch Kürbitz. Sie wohnt im Dorf und wollte sehen, was es dieses Mal angerichtet hat. Nach dem Hochwasser 2013 war sie mit ihrem Mann in eine Ecke des Dorfes gezogen, die sicherer sei.

Damals habe das Wasser fast vor ihrer Tür gestanden. "Gerauscht hat es letzte Nacht. Wie an der Ostsee", erzählt sie. An der Alten Weischlitzer Straße, die man im Dorf den "kalten Frosch" nennt, stand am Freitagmorgen eine Frau. Sie erreiche ihren Bekannten nicht, sagte sie. Das Wasser hat die Straße vom Dorf abgeschnitten, nur mit dem Traktor kam man durch. Die Feuerwehr hatte nachts dort den Strom abgeschaltet und wollte die Bewohner der Straße anderswo einquartieren. Doch viele wollten sich nicht wegbringen lassen, so Gemeindewehrleiter Marco Spiller. Die Kürbitzer wissen, was das Wasser mit ihrem Dorf macht. Sandsäcke haben sie schon oft vor ihre Häuser gelegt. "1954 lief es über die Brücke. 1958 war auch schlimm", sagt eine ältere Dame.

Die Kürbitzer wünschen sich das, was die SPD-Landtagsabgeordnete Juliane Pfeil-Zabel per Presseerklärung vom Freistaat einfordert: "Das Vogtland braucht jetzt schnelle und unbürokratische Hilfe. Wir reden hier von immensen Schäden." Wie hoch die sind, dazu gibt es keine Zahlen. In der Plauener Umgebung fuhren die Feuerwehren etwa 50 Einsätze. Sie pumpten Keller und Garagen aus, überflutete Grundstücke frei und stapelten Sandsäcke.

Die Verzinkerei an der Plauener Auenstraße war einer der Orte, vor denen die Feuerwehrleute Respekt hatten. "Wenn da Wasser reinläuft - gute Nacht. Da besteht die Gefahr, dass sich Knallgas entwickelt", sagt Einsatzleiter Dressel. Seine Kollegen sicherten die Firma ab. In der Straßberger Mühle stand das Wasser im Keller. Der Mühlenhof lag bis Freitagvormittag voller Feuerwehrschläuche. Stundenlang pumpten die Freiwilligen Wehren und die Berufsfeuerwehr das Wasser aus der Bio-Mühle. Ein Déjà-vu für Geschäftsführerin Petra Gerber, die erst am Mittwoch ihre neue Verpackungshalle in Betrieb genommen hatte. Die Flut vor fünf Jahren war deutlich schlimmer, da war ihre Mühle gänzlich abgesoffen.

Das Hochwasser hat am Donnerstag und in der Nacht zum Freitag wieder dieselben getroffen wie schon 2013. "Damals vor fünf Jahren regnete es über Wochen", sagt Erik Dressel von der Berufsfeuerwehr Plauen, der den Einsatz in Straßberg am Freitag geleitet hat. "Dieses Mal kam alles an einem Tag runter."

Alle Beiträge zum Unwetter im Vogtland in unserem Special

 

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