Mit Graffiti gegen Graffiti: Apothekerin beauftragt Profis

Ihre Apotheke wird seit zehn Jahren immer wieder mit Farbe beschmiert. Die Täter wurden nie gestellt. Jetzt hat Daniela Hänel professionelle Graffitisprüher um Hilfe gebeten.

Plauen.

Die Apotheke an der Gartenstraße muss auf die unerwünschten Kritzelbrüder wirken wie ein leeres Blatt Papier: Sie malen sie an, immer wieder. Mit schwarzem Edding und Farbsprühdosen kritzeln sie die Fassade voll. Buchstaben, Kringel, Zahlen. "Ich hätte nichts dagegen, wenn es schön aussähe. Wenn jemand gefragt hätte, ob die Wände künstlerisch nutzen darf", sagt Daniela Hänel.

Die Apothekerin hat aufgehört zu zählen, wie oft ihr Haus beschmiert worden ist. Nach der zehnten Strafanzeige gegen unbekannt hat sie sich das Mitzählen abgewöhnt. Aber der Ablauf war immer gleich. Nach Monaten schrieb ihr die Staatsanwaltschaft, dass die Ermittlungen eingestellt wurden. Jetzt hilft sich Daniela Hänel selbst, und zwar mit Graffiti. Sie hat Profis gebeten, die Fassade ihrer Apotheke zu bemalen. Die Greizer Brüder Christian und Heiko Rank von der Firma "Starkinform" sind gerade dabei, die letzten Striche an das Haus in Plauen zu sprühen. Daniela Hänel bekommt Kräuter an die Wände, so groß wie Bäumchen, verteilt auf insgesamt über 40 Meter Fassade. Ringelblumen, Lavendel, Kamille, Fingerhut. Alles Heilpflanzen, die zu ihrer Arbeit passen.


Unter Sprühern gibt es einen Ehrenkodex: Man vergreift sich nicht an dem, was andere markiert haben. Die Rank-Brüder kennen die Szene seit 20 Jahren, malen deutschlandweit Auftragswerke, und ihre Erfahrungen sind gut. "Wir legen die Hände nicht dafür ins Feuer. Aber beschädigt worden ist so gut wie nicht", sagt Heiko Rank. Die Apothekerin hat drei Jahre auf die bunte Fassade gespart. Die Riesen-Kräuter kosten sie eine fünfstellige Summe.

Das graue Haus an der Gartenstraße ist ein Hingucker geworden, weil die Besitzerin verzweifelt war: "Ich fand es beschämend, wie mein Haus aussieht." 2006 hat sie die Apotheke übernommen, 2008 begann die Schmiererei.

Das Gekrakel setzte eine Abwärtsspirale des Ekels in Gang. Hundebesitzer ließen ihre Hunde an die Wände pinkeln und hörten auf, die braunen Tretminen ihrer kleinen Freunde einzusammeln. Junge Menschen holten sich nachts Alkohol an der benachbarten Tankstelle, tranken ihn auf den Apotheken-Treppen und ließen den Müll dort liegen.

Daniela Hänel macht zweimal im Monat Arzneimittel-Notdienst über Nacht. Manchmal für Notfall-Medikamente und manchmal nur für Hustensaft. Einmal wurde ihr Silvester die Briefkasten-Alage gesprengt, dreimal gab es Einbruchsversuche, und einmal, vor einem Feiertag, wurde der Schulranzen ihrer Tochter aus ihrem Auto geklaut, während sie Notdienst hatte.

Weil sie sich nicht länger ärgern will, versucht sie, mit ihrer Kunst-Fassade ihre Marke zu setzen: "Ich möchte zu Respekt vor fremdem Eigentum aufrufen." Sie hat sich über die Polizei geärgert, die pro Schmiererei 100 Euro Schaden angesetzt hatte. Mit 100 Euro lassen sich nur Farbkleckse über Farbkleckse setzen, sagt sie: "Das sieht man doch, die Ränder."

Nach der Statistik, die die Polizei führt, passieren weniger Graffiti-Straftaten in Plauen. Laut Polizeisprecher Oliver Wurdak haben seine Kollegen den niedrigsten Stand seit mindestens fünf Jahren erreicht. 171 Anzeigen wegen Schmierereien gingen vergangenes Jahr im Revier ein. 2014 zählten die Beamten 226 Anzeigen. Daniela Hänel hat zuletzt nur noch Online Strafanzeige gegen unbekannt gestellt, das habe ihr die Polizei so geraten. Und wenn über die Jahre keiner erwischt wird, verliert man die Lust, neues Gekrakel überhaupt zu melden.

Die Sprüh-Profis aus Greiz haben Piktogramme auf den Sockel gemalt. Das sind Bildchen von durchgestrichenen, pinkelnden Hunden. Wenn es nach unten geht, geht es auch wieder nach oben, hofft Daniela Hänel. Und will als Unternehmerin in Plauen mit gutem Beispiel vorangehen.

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