Nach tödlichem Unfall: Schulleiter wünscht sich Tempo-30-Zone

Die Kreuzung vor dem Lessing-Gymnasium ist lebensgefährlich. Die Verkehrsbehörde weiß das. Vergangenes Jahr starb dort eine Frau durch einen Laster. Erst jetzt versucht die Stadt, diese Straßen zu entschärfen.

Plauen.

Er hat sie nicht gesehen, sagt der Lasterfahrer. Da war die Schülergruppe, die über die Straße lief, und da war der Gegenverkehr. Kurz nach den Kindern muss sie über die Fußgängerampel gelaufen sein. Schwarze Hose, roter Mantel, Baskenmütze und ein Beutel mit Einkäufen aus dem benachbarten Netto. Am 25. Januar vergangenen Jahres, nach der sechsten Unterrichtsstunde, wurde eine Plauener Rentnerin vor dem Lessing-Gymnasium vom Lkw angefahren. Elf Tage später starb sie im Krankenhaus.

"Ich habe sie nicht gesehen", sagt der Lasterfahrer, als er zum ersten Mal in seinem Leben als Angeklagter vor Gericht sitzt. Richterin Andrea Hörr hat ihn jetzt wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Sie wirft ihm Augenblicksversagen vor. Er hätte vorm Linksabbiegen beobachten müssen, ob nicht doch noch jemand über die Straße läuft. Der Mann muss 2800 Euro Geldstrafe zahlen. Die Kreuzung, an der der Unfall passierte, gehört zu den gefährlichsten der Stadt. Sie liegt direkt vor dem Gymnasium. Die Jößnitzer Straße und die Chamissostraße kreuzen sich dort. Der Lkw-Fahrer kam von der Jößnitzer Straße, bog links ab und erfasste die Frau. Die Verkehrsbehörde führt die Kreuzung seit 2017 als Unfallhäufungsstelle, weil es innerhalb eines Jahres zehn Unfälle gab. Binnen fünf Jahren zählte die Behörde dort 30 Unfälle. Ein Reporter der "Freien Presse" machte einen Stadt-Mitarbeiter vor Jahren darauf aufmerksam, dass die Ampel schlecht schalte und die Sicht schlecht sei.

Torsten Kleditzsch

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Die Unfallkommission wusste schon vor dem Tod der Rentnerin, dass die Schulkreuzung sicherer werden muss. Die Änderungen kamen erst jetzt. Zwei Tage nach dem Gerichtstermin, mehr als ein Jahr nach dem Tod der 79-Jährigen und auf Nachfrage der "Freien Presse" ließ die Behörde die Ampelschaltung ändern. Sie ließ auch den grünen Blechpfeil abschrauben, der von der Jößnitzer in die Chamissostraße wies. Die Veränderungen sollen zwei Unfallrisiken minimieren, so die Verkehrsbehörde.

Wahrscheinlich hätten die Veränderungen die Rentnerin nicht gerettet. Ihr Tod lag wohl am toten Winkel des Lkw, nicht an der Ampelphase. Dennoch passierten 2017 drei Unfälle, weil Autofahrer wegen querender Fußgänger eine Vollbremsung machen mussten. Sie waren am Grünpfeil von der Jößnitzer Straße rechts abgebogen und sahen die Schüler an der Fußgängerampel der Chamissostraße zu spät, weil die Friedhofsmauer die Sicht versperrt.

Dass die Änderungen so lange dauerten, lag am Geld, sagt Tiefbau-Chef Steffen Ullmann. 2018 hatte die Unfallkommission darüber beschlossen. Danach folgte der übliche Amtsweg. Geld bereitstellen, Angebote einholen, Planung in Auftrag geben, Ausführung beauftragen.

"Wissen Sie, wie manche entlangbrettern vor der Schule?", sagt Frank Maik Richter, der Direktor des Lessing-Gymnasiums. Er wünscht sich, dass die Stadt noch mehr tut, um seine Schüler zu schützen. Er hätte gerne eine Tempo-30-Zone vor der Schule und mehr Radarkontrollen: "Warum steht direkt bei uns nie ein Blitzer?" Für Richter, seit 30 Jahren im Amt, ist die Gefahrenzone hausgemacht. Die Verkehrsplanung sei nicht durchdacht.

Bevor die Straßen in seinem Viertel ausgebaut wurden, habe er vor den Folgen gewarnt. Mit der Sanierung der Reißiger Straße habe man den Verkehr nach oben gezogen auf die Jößnitzer Straße und damit direkt vors Gymnasium. "Die Laster fahren jetzt alle hier hoch. Damit bin ich unzufrieden", sagt er.

Der wegen des Todes der Rentnerin verurteilte Lasterfahrer nutzt die Strecke viermal jede Woche. Jedes Mal ist der Unfall wieder in seinem Kopf. "Er sagt immer, dass er mit der Frau tauschen würde", erzählt seine Anwältin vor Gericht. Erst seit ein paar Monaten fährt der 51-Jährige wieder Lkw. Er hatte seinen Arbeitgeber gebeten, eine Weile im Innendienst arbeiten zu dürfen.

Er muss die Frau mit seiner Zugmaschine gestreift haben, denn die Polizei fand Wischspuren am Stoßfänger und darüber. Auch die Blutergüsse am Arm und am Oberschenkel sprechen dafür, dass der Laster sie berührt hat, sagt der Rechtsmediziner. Sie stürzte, fiel auf den Kopf und erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Andere Gründe, die zu dem Sturz geführt haben könnten, fanden die Mediziner nicht.

Als sie stürzte, wartete eine Mutter vor der Schule auf ihre Tochter. Sie beschreibt ein dumpfes Geräusch. Sie habe eine ältere Dame im roten Mantel zur Seite fallen sehen und sie hingerannt. "Der Lkw-Fahrer stand unter Schock", erinnert sich die Frau, die den Notarzt anrief.

Gott sei Dank sei noch keiner seiner Schüler an dieser Kreuzung verunglückt, sagt Frank Maik Richter. Die meisten Schüler kommen aus anderen Richtungen gelaufen.

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