Nacktmalerei - die polarisiert

Lina Ehrentraut ist am Freitagabend in Plauen mit dem e.o.plauenFörderpreis ausgezeichnet worden. Sie präsentiert sich zeitkritisch wie einst Erich Ohser.

Plauen.

Ist Lina Ehrentraut, die Preisträgerin des e.o.plauen-Förderpreises, ein Erich Ohser des neuen Jahrtausends? Vielleicht ein wenig. Es gibt etliche Gemeinsamkeiten, aber auch enorme Unterschiede. Laudatoren, Redner und Gäste waren sich zur Preisverleihung am Freitagabend im neuen Ausstellungssaal des Vogtlandmuseums einig: Die Bilder polarisieren. Meist zeigen sie Frauen und meist sind die nackt.

"Das Thema Nacktheit ist für jeden präsent, ob offensichtlich oder unterschwellig", sagt Lina Ehrentraut. "Für viele ist es ein Problem", nimmt sich die junge Frau, Jahrgang 1993, dabei nicht aus. Für ihre Generation, die so genannten "Millenials", Kinder, die um die Jahrtausendwende herum geboren sind, ist das mediale Bild der Frau klar definiert: Schlank, schön, blond, langhaarig... Lina Ehrentraut prangert genau das an, ist dabei enorm zeitkritisch wie einst Erich Ohser. Und noch eine Gemeinsamkeit lässt sich finden: Erich Ohser, der Vater aus und in den Vater-Sohn-Geschichten des e.o.plauen inszenierte sich in seinen Zeichnungen seinerzeit selbst. Auch Lina Ehrentraut zeichnet sich. In den Comics, mit Acryl, Tusche oder Aquarell ... die junge Frau erzählt ihre Geschichte, ihre Geschichten.

"Dieses Thema Nacktheit tritt nie in den Hintergrund, weil es so wichtig ist", betont die Studentin der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Genau dort hat einst auch Erich Ohser seine Karriere als Zeichner begonnen.

"So jung, so frisch waren wir noch nie", schätzte Elke Schulze, Vorstand der Erich Ohser-e.o.plauen-Stiftung, die Ausstellung ein. "Körperliche und seelische Selbstoptimierung von Frauen ist pervers, nicht aber die Kunstreflektion darauf", ließ Schulze alle Kritiker der Nacktmalerei tiefer nachdenken. Und davon gab es zur Vernissage einige. Etliche wollten sich deshalb zur Ausstellung nicht öffentlich äußern. Die renommierte Plauener Künstlerin Karin Helbig dagegen hat kein Problem mit anderen künstlerischen Sichtweisen. "Die jungen Leute denken und arbeiten heute anders" sagt sie. Helbig selbst ist offen für viele Bereiche der Kunst, Malerei, Gestaltung und Theater. Deshalb war es für sie selbstverständlich, am Freitag unmittelbar nach der e.o.plauen-Förderpreisverleihung noch die mit Spannung erwartete Premiere von "Giselle" im Vogtland-Theater zu besuchen.

"Nur eine Künstlerin der Zeitgeschichte inszenierte sich bisher so wie Lina Ehrentraut", erläuterte Elke Schulze dem Publikum zur Vernissage und nannte Frida Kahlo. "Lina Ehrentraut interessieren visuelle Grenzsetzungen nicht. Nicht nur ihre Kunst, auch die Künstlerin ist eigensinnig", so Schulze. Und wie einst Erich Ohser hat die Preisträgerin des mit 2500 Euro dotierten e.o.plauen-Förderpreises 2019 viele Fans und gute Künstlerfreunde. Einige hat sie nun in Plauen hinzugewonnen, mit ihrer erfrischend liebenswerten Art, mit ihrer besonderen Denkweise, mit ihrer polarisierenden Kunst.

"Ich bin begeistert, wie die Stadt Plauen ihren großen Künstler e.o.plauen ehrt und dieses Erbe nicht nur annimmt, sondern es lebendig hält", lobte Sachsens Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange (SPD). Auch sie bescheinigte der jungen Künstlerin Lina Ehrentraut eine spitze Feder wie sie einst Erich Ohser führte. Wie genau eine "echte Ehrentraut" entsteht, zeigte die junge Künstlerin beim Eintrag ins Gästebuch der Stadt. Auch dort waren ihr Worte zu wenig. Unter den aufmerksamen Augen von Bürgermeister Steffen Zenner (CDU) visualisierte sie ihren Eintrag am Freitagabend in aller Ruhe mit einer Zeichnung.

Zu sehen ist diese besondere Preisträgerausstellung bis zum 20. Oktober im Vogtlandmuseum.

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