Nathan trifft Nerv der Zeit

Aktueller denn je ist das Drama "Nathan, der Weise", das morgen Premiere hat, findet Intendant Roland May. Warum ein Blockbuster im Kino das Theater-Erlebnis bis heute nicht toppen kann.

Plauen.

Blut geleckt hat Roland May bereits 2009. Da inszenierte er Gotthold Ephraim Lessings "Nathan, der Weise" in Chemnitz. Sieben Jahre später trifft das Stück noch mehr Nerven, so May, der auch diesmal Regie führte. Denn weltweite Konflikte, die auch Menschen in Plauen bewegen, würden so ab morgen Abend auf der Bühne des Vogtlandtheaters gespiegelt.

Die drei Religionen Christentum, Islam und Judentum lösten auch heute noch Debatten aus, so May. Gerade der Islam werde oft als brutal angesehen. Doch in "Nathan" geht es um religiöse Gleichberechtigung und Toleranz.


Menschen seien schnell dabei, andere Menschen verschiedenen Lagern zuzuordnen - ob Juden und Christen oder in Deutschland Geborene und aus dem Ausland Zugezogene. Doch bei "Nathan" stehe vor diesen Zuweisungen stets der Mensch. Ohne Herkunft, ohne Religion. Die berühmte Ringparabel fordere den Menschen auf, an sich zu arbeiten und nicht die eigene Religion über alle anderen zu stellen. Überzeugung, nicht Belehrung, heißt das Zauberwort.

Es herrschen Unruhen und Fragezeichen, damals wie heute. Es gehe ums europäische Selbstverständnis, so May: Wie soll es in der Flüchtlingsfrage weitergehen? Wie begegne man dem menschlichen Leid, das einerseits Mitmenschlichkeit verlangt, andererseits Ordnung und Struktur, was teils als grausam empfunden werde?

Aggressivität, Vorurteile, Schubladendenken und Schwarz-Weiß-Seherei verhindern im Drama den Frieden. "Die Leute in dem Stück hören sich teils nicht richtig zu", erklärt May. "Sie hinterfragen Gehörtes nicht." Ausnahme: Der muslimische Sultan. Er sucht das Gespräch mit Nathan. Im Zeitalter ungefilterter Info-Ströme im Internet wirkt dies wie eine Erinnerung daran, dass nur Zeit, Geduld und Gespräche ein friedliches Miteinander ermöglichen.

Jerusalem sei im 12. Jahrhundert eine kleine Stadt gewesen - ähnlich wie Plauen, zieht May eine Parallele. Und auch mit ähnlich klammer Stadtkasse, fügt er augenzwinkernd hinzu. Warum man sich denn heute noch einen zeitlosen Klassiker auf der Bühne geben soll, wenn auch im Capitol beim Blockbuster Hunderte Zuschauer kollektiv um Atem ringen, einen Konflikt durchlaufen, etwas lernen? Ganz einfach, sagt May: Theater ist und bleibt ein Live-Erlebnis. Und das ließe sich nicht ersetzen. Damals wie heute.

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