"Parteifreunde? Ich hab' echte Freunde"

Jens Pfretzschner spricht im Interview über seine Pläne, den Rauswurf als Chef der Kultur GmbH und christliche Nächstenliebe in der CDU

Das war die Personalie des Jahres 2016 im Vogtlandkreis. Doch mit Jens Pfretzschner ist nicht nur der Geschäftsführer des kreiseigenen Kulturbetriebes gefeuert worden. Der 51-Jährige hat die Region als Vollblut-Entertainer, Initiator von Philharmonic Rock und bunter Hund geprägt. Ulrich Riedel befragte den Reichenbacher.

Freie Presse: Wie verbringt der freigestellte Geschäftsführer eines 50-Mitarbeiter-Kulturbetriebes den Tag?


Jens Pfretzschner: Ich kümmere mich um die Familie und um mich selbst. Wir schmieden Pläne.

Konkrete berufliche Pläne?

Ich stehe vor dem Wechsel in eine völlig andere Branche. Kulturarbeit hat für mich persönlich im Vogtland keinen Sinn mehr, weil Bildung und Kultur als so genannte freiwillige Aufgaben zukünftig von Sparzwängen betroffen sein werden.

Wie kam es zur Entlassung?

Als wir alle durch die Presse von geplanten Einsparungen im Kulturbereich erfahren haben, organisierten sich in der Bürgerschaft Proteste ...

... es heißt, Sie sollen die Leute aufgehetzt haben.

Von den massiven Protesten war ich genauso überrascht wie von den Kürzungsplänen. Ich habe mich für meine Mitarbeiter eingesetzt und wollte das Schlimmste verhindern. Der Gesellschafter nahm dies zum Anlass, mir als 1. Geschäftsführer der Kultur GmbH das Vertrauen zu entziehen und mich durch den Kreistag abberufen zu lassen.

Gesellschafter ist der Landkreis.

Richtig. Vor seiner Wahl zum Landrat hatte Herr Keil mir mehrfach zugesichert, dass die Kultur GmbH erhalten bleibt und durch weitere Einrichtungen vergrößert werden soll. Er wollte mich als Fachmann dabeihaben und die Struktur im Landratsamt grundlegend ändern. Nun, er hat es sich wohl, nicht nur diesbezüglich, anders überlegt.

Nochmal: Viele in der CDU und auch andere Kreisräte und Funktionsträger sagen, Sie hätten den Mund zu weit aufgerissen und den Landrat brüskiert. Was ist an dem Vorwurf dran?

Dass ich kein leiser Mensch bin, war allen klar. Aber ich stehe für meine Fehler genauso gerade, wie für das Erreichte und meine Erfolge. Und als Geschäftsführer einer GmbH, der ich mit Herz und Seele war, muss ich Schaden für das Unternehmen abwenden. Das habe ich getan. Wenn Insolvenz und Entlassung von Mitarbeitern drohen, ist das kein Pappenstiel. Als Geschäftsführer war ich verpflichtet zu handeln.

Standen Sie dem vom Freistaat verordneten und von Landrat Rolf Keil durchgesetzten Sparkurs des Kreises im Weg?

Nach Rolf Keils Wahlsieg blieb von seinen Plänen und Versprechungen nicht viel übrig. Nach Erstellung eines Haushaltskonsolidierungskonzeptes Anfang 2016 gab es ein großes Gerangel um die Finanzen. Einige Einschnitte konnte ich abwenden, aber nicht alle.

Sie sollen sich quergestellt und Änderungen blockiert haben.

Sagt wer?

Kreisräte und Amtsträger, insbesondere aus der CDU. Aber bitte: Beim Interview würde schon gern ich die Fragen stellen. Haben Sie, auch das wird behauptet, finanzielle Notwendigkeiten ignoriert?

Die Kommunen mit Sitz kreiseigener Kultureinrichtungen sollen sich an der Finanzierung beteiligen, das habe ich bereits 2014 in einem Papier vorgeschlagen. Davon hatten beide Landräte, Oberbürgermeister und Bürgermeister Kenntnis. Es gab zu dieser Zeit erste Gespräche. Als dann zu einer Unzeit im Frühsommer 2016 die Streichung der Rechtsträgeranteile durch den Kreistag beschlossen wurde, lag das daran, dass keine weiteren Gespräche geführt worden waren. Wer hat da seine Hausaufgaben nicht gemacht... ?

Ja, wer denn?

Weder der Gesellschafter noch die Beiräte und der 2. Geschäftsführer der Kultur GmbH hatten dazu Stellung bezogen oder das Gespräch mit mir als 1. Geschäftsführer gesucht. Auch nach meinen schriftlichen Hilferufen: keine Rückmeldung. Dann kamen die Proteste auf. Und mir wurde das Vertrauen entzogen. Zu allem Überfluss übernahm Dieter Kießling als 2. Geschäftsführer das Steuer der Kultur GmbH.

Wieso diese Kritik? Ihr Verhältnis zueinander wirkte nach außen stets harmonisch.

Das dachte ich bis dahin auch. Er hat die Kommunikation zu mir jäh abgebrochen, nicht ich.

Sie hatten zu seinem Abschied als Stadtchef das Lied "Dieter" getextet. Grundlage war "Die da" von den Fantastischen Vier.

Absurderweise fast zeitgleich mit meinem Rauswurf durch den Landrat. Künstlerpech.

Welche Folgen hatte der Rauswurf als Geschäftsführer noch?

Anschließend wurde ich auch als ehrenamtlicher Kultursachverständiger des Kulturbeirates im Kulturraum Vogtland-Zwickau abberufen. Insider haben mir gesteckt, dass Landrat Keil - ich möchte es so formulieren - nicht allzu viel getan haben soll, um das zu verhindern.

Seit 20 Jahren gibt es Philharmonic Rock. Sie haben als Musiker das Event im Vogtland etabliert und sich zum Musikmanager entwickelt. Wie geht's mit der Erfolgsgeschichte weiter?

Oh ja, ich bin bereit, diese wunderbare Geschichte fortzusetzen. Mit meinem Sohn Robert habe ich bereits ein komplett neues Programm für 2017 entwickelt und arrangiert. Wie es konkret läuft bei Philharmonic Rock, das hängt aber noch völlig in der Luft. Man versucht, mich auch hier mit aller Kraft rauszu drücken.

Sie sind auch Stadtrat der CDU, haben sich aber rar gemacht. Wie geht es dort weiter?

Seit meiner Bewerbung um die Nachfolge des Landtagsabgeordneten Alfons Kienzle bin ich in Ungnade bei der Reichenbacher CDU gefallen. Ich dachte in meiner naiven Vorstellung von Demokratie, dass ich mich in einem fairen Wettbewerb gegen Stephan Hösl aufstellen lassen könnte. Die Qualifikation für dieses Amt ist bei bestimmten Abgeordneten leider nur schwer zu finden: Redegewandtheit, Fachkompetenz, Sachpolitik. Manchmal denke ich, es geht nur um Parteidisziplin und Parteienkungelei, wer weiß.

Was sagt die Kreis-CDU dazu?

Der Vogtland-CDU sind die Reichenbacher Zustände zwar peinlich, aber sie schaut angestrengt weg.

Wie gehen Ihre Parteifreunde heute mit Ihnen um?

Im Nachhinein lache ich mich über vieles kaputt. Die Reichenbacher CDU, die vogtländische CDU - ich war übrigens im Vorstand der Kreis-CDU - keiner hat sich nach meiner Abberufung in irgendeiner Weise bei mir erkundigt. Das spricht für sich selbst und für die christliche Nächstenliebe in diesen Kreisen.

Gibt es Parteifreunde, die zu Ihnen stehen?

Wenige. Mein "guter Freund" Dieter Kießling hat sich nicht bei mir blicken lassen. Ich habe für ihn alle musikalischen Wünsche erfüllt. Ob Bewerbung zum Tag der Sachsen oder zur Landesgartenschau, ob mit Werken zur Musikstadt-Bewerbung oder Konzerten zu den Großevents in der Stadt. Immer stand dies im Zeichen der Region - und der damalige OB sonnte sich sehr gerne darin.

Das klingt so, als ob es einsam geworden sei um Sie herum.

Nein, ich habe glücklicherweise nicht nur Parteifreunde, sondern Familie und echte Freunde. Die haben sich um mich gekümmert, als ich mit blutender Nase am Boden lag. Es war eine bittere Zeit, die ersten Wochen nach dem Rauswurf. Aber jetzt kann ich wieder nach vorn sehen.

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