Pausen-Würstchen zwischen Ost und West

Die Autobahnbrücke von Pirk ist ein symbolträchtiger wie historischer Ort für Teilung und Wiedervereinigung. Eine Frau hat dort nach der Wende im Dienst hungriger Mägen gearbeitet - und ist heute mit ihrem Brückenstübl eine Instanz.

Pirk.

Es sind Bilder, die sich in ihren Kopf eingebrannt haben. Bis heute hat Judith Hertwig noch genau vor Augen, wie sich damals die Trabis, Stoßstange an Stoßstange, auf der Bundesstraße 173 Richtung Hof reihten. Zur Wendezeit hat sie in Pirk für rund zwei Jahre in einem Imbiss gearbeitet, direkt zwischen Hauptstraße und Autobahnbrücke an der Verbindungsstraße zwischen Sachsen und Bayern.

"Nachdem am 9. November 1989 die Mauer gefallen war, habe ich wenige Monate später begonnen, in dem Imbiss zu arbeiten. Es waren Massen von Autoschlangen, die sich zu dieser Zeit in Richtung Westen aufmachten. Es war schwer, mit dem eigenen Auto aus den Ausfahrten zu kommen", erinnert sich Judith Hertwig. Es war auch die Zeit, in der der unvollendete Bau der Autobahnbrücke - fast 50 Jahre hatte er geruht - zum Abschluss gebracht wurde. Der Strom der Autofahrer in den Westen und die Bauarbeiten an der Brücke sorgten dafür, dass die damals 19-Jährige Kaffee und Würstchen wie am Fließband verkaufte. "Wir haben damals ja auch die Brückenbauarbeiter verpflegt. Die Leute standen bis zum Straßenrand bei uns an", so die Gastronomin, die heute nur wenige Meter vom alten Imbiss-Standort entfernt ihr kleines Restaurant Brückenstübl führt.

Ab dem 2. Oktober 1992 war die Autobahn soweit fertig, dass sie einseitig befahrbar war. Dadurch wurde der Durchgangsverkehr weniger, das Imbissgeschäft ging zurück. "Mein Chef hat dann den Imbiss geschlossen. Danach bin ich in einer Gaststätte in Plauen untergekommen und habe nochmals eine Ausbildung zur Hotelfachfrau absolviert." Es folgten weitere Jahre in der Gastronomie, bis sie 2003 bei der Gemeinde einen Antrag auf Baugenehmigung für ihr Brückenstübl an der Autobahnbrücke stellte. Drei Jahre später durfte ihr Restaurant gebaut werden. Am 3. Oktober 2006, dem Tag der Deutschen Einheit, war Eröffnung. Sie führt das Lokal mit ihrem Ehemann Ronny. Bis heute empfängt sie viele Gäste, die immer wieder Geschichten von vor und nach der Wende erzählen.

Auch Judith Hertwig hat Erinnerungen. Ihre Familie hatte zu jener Zeit Verwandtschaft im oberfränkischen Regnitzlosau. "Der Cousin meiner Mutter lebte damals dort und mein Vater hatte ebenfalls Verwandtschaft im Westen. Meine Eltern durften ihre Familienmitglieder immer nur einzeln besuchen. Denn es musste immer jemand zurückbleiben, damit sichergestellt werden konnte, dass das Familienmitglied auch wieder zurück kommt. Ich habe das als Teenager alles nicht verstanden", sagt Hertwig. "Erst als später die Grenze offen war und ich mit eigenen Augen gesehen habe, wie viele Menschen mit ihren Fahrzeugen Richtung Hof fuhren, merkte ich, dass hier etwas Großes passiert." Bereits am ersten Wochenende nach dem Mauerfall hat sie mit ihren Eltern das erste Mal die Verwandtschaft besucht. "Sie haben uns die Kiwis bezahlt, die wir in einem kleinen Tante Emma-Laden kauften. Als wir später dann nochmal rüber sind, um uns das Begrüßungsgeld zu holen, habe ich mir einen knallroten Lippenstift besorgt", schmunzelt die heute 49-Jährige.

Die Gaststätte wird am Samstag live im MDR-Fernsehen zu sehen sein. Ab 9.30 Uhr zeigt der Sender zunächst eine Dokumentation zur Autobahnbrücke. Ab 10 Uhr wird mit MDR-Extra zum Thema 30 Jahre Mauerfall auch aus Judiths Brückenstübl gesendet.

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