Rätsel um historischen Pavillon gelüftet

An der Dürerstraße wird ein imposantes Gebäude aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Seit es von Wildwuchs befreit ist und wieder in voller Größe zu sehen ist, bietet es Anlass zu Spekulationen - vor allem, was seine Historie betrifft. Und was ist mit der Zukunft?

Plauen.

Seit Jahren verfolgt die Stadtverwaltung Plauen in der Elsteraue ehrgeizige Pläne entlang der Hofwiesenstraße - angefangen vom Areal der Hempelschen Fabrik bis zum Weisbachschen Haus. Doch die Realisierung zieht sich. Nur ein paar Schritte entfernt, an der Dürerstraße, tut sich längst Beachtliches.

Roland Fuhrmann und Christian Ketzel sind dort die Geschäftsführer des gleichnamigen Ladenbau-Unternehmens, das mit 30 Mitarbeitern sowohl Unikate als auch Möbel- und Einrichtungsserien in größeren Stückzahlen fertigt und montiert - für Geschäfte und Gaststätten, aber auch im Auftrag von Elektronikmarktketten wie Medimax und Media-Markt sowie beim Innenausbau von Kreuzfahrt- und Flussschiffen. Zuletzt stattete ihre Firma teilweise auch das neue Verwaltungsgebäude von Goldbeck in Treuen aus.

Den Sitz ihres Unternehmens im früheren Gebäude des VEB Plauener Spitze an der Dürerstraße 30 haben Fuhrmann und Ketzel vor zehn Jahren gekauft, nachdem ihre Tischlerei 1996 als Mieter eingezogen war. Vor vier Jahren sanierten sie die Fassaden - auch die des Ziegelfabrikgebäudes, das querstehend an den Parkplatz des Media-Marktes angrenzt. Den Innenausbau haben sie in diesem Jahr größtenteils abgeschlossen - mit Ausnahme der ehemaligen Kantine für die einstige Betriebsleitung im Obergeschoss. Sie ist und wird in der originalen DDR-Möblierung erhalten. Heute dient sie einem Tangoklub als Treffpunkt. Im Objekt stehen noch mehr Flächen zur Verfügung, sagt Geschäftsführer Roland Fuhrmann. Er kann sich die Nutzung durch weitere Vereine und auch die Vermietung beheizter Lagerflächen und -räume vorstellen.

Inzwischen hat sich das Unternehmen allerdings noch an ein anderes Vorhaben gewagt, das die bisherigen Dimensionen sprengt: Mit der Lagerfläche auf einem Nachbargrundstück erwarben die Unternehmer vor fünf Jahren auch ein unter Denkmalschutz stehendes pavillonartiges Gebäude, dessen Sicherung und Sanierung die Unternehmer jetzt anstreben.

Das imposante Gebäude mit dem Pagodendach ist früher ein Technikhaus zur Stromerzeugung gewesen. Soweit hat das der Eigentümer recherchiert: Mit der Begradigung des früheren Flussverlaufs der Weißen Elster um die Jahrhundertwende herum entstand in der heutigen Elsteraue Platz für neue Betriebe. Das Technikgebäude wurde vermutlich 1904/05 errichtet - für den Betriebsteil II der Hempelschen Fabrik.

Fuhrmann bedauert deshalb, dass das derzeitige Fördergebiet der Stadt zur Restrukturierung der Elsteraue nicht auch bis zu diesen Grundstücken reicht. Um wie vieles leichter würde es das machen, auch dieses Stück Industriegeschichte zu bewahren, sagt Fuhrmann, der seit Kindheitstagen eng mit der Elsteraue verbunden ist. Die Kindheit hat der 52-Jährige als Sohn des langjährigen Theatersängers Martin Fuhrmann in einer der Villen an der Hofwiesenstraße verbracht.

Fuhrmann schließt aus, was mitunter gemutmaßt wurde, seit das Gebäude nach dem Entfernen von Wildwuchs von der Dürerstraße aus wieder gut sichtbar ist: dass der Betrieb Plauener Spitze dort einen Ausstellungsraum betrieb. Auch Bernd Stubenrauch, dessen Vater viele Jahre Betriebsleiter war, kann sich daran nicht erinnern. Zu DDR-Zeiten befand sich jedenfalls eine Tischlerei in dem Objekt.

Fuhrmann ist bekannt, dass im Pavillon eine der ersten stromerzeugenden Dampfmaschinen Plauens stand. Im Inneren ist ihr Platz noch zu erkennen. Ein in den Keller reichender Schacht bot dem Schwungrad Platz. Unterirdisch führten Versorgungsleitungen zu den Maschinen der Hempelschen Fabrik. Darauf deuten Mauerreste hin, auf die man beim Freilegen des Fundamentes stieß. "Verrückt und mit ein bisschen Größenwahn" wurde das Kraftwerk errichtet, meint Fuhrmann ehrfürchtig: "Die haben es an Hülle und Front krachen lassen." Auch ein Zweckbau wie dieser musste damals wohl repräsentieren.

Im Inneren erinnert der Bau an ein Pantheon: Die 19 mal 19 Meter große Halle ist freitragend, ohne Zwischenstützen, in damals neuartiger Stahlbetonweise errichtet. Auch deshalb steht sie unter Denkmalschutz. Von der zehn Meter hohen Lichtkuppel im Dach fällt Licht ein, das reichlich auch von den hohen Seitenfenstern kommt.

Über die bauliche Sicherung des Pavillons hinaus gibt es für dessen Zukunft noch keine konkreten Pläne. Fuhrmann: "Ich könnte mir eine multifunktionale Nutzung vorstellen. Das Ambiente gibt es her", sagt er. Zum Rand hin befindet sich ein bühnenähnlicher Aufbau, der früher eine Art Kontrollzentrum oder Schaltstand war. Die Kellerräume sind dreieinhalb Meter hoch. Auch sie vermitteln mit ihrem Kappengewölbe einen großzügigen Eindruck - laut Fuhrmann geeignet für Gesellschaften, Events, Tanzabende, Kunst oder auch Probenräume.

Fuhrmann kann sich vieles dort vorstellen, will aber den zweiten Schritt nicht vor dem ersten gehen: Erst einmal gilt es, Dach, Decken und Fenster sowie die äußere Gebäudehülle zu sichern. Allein das erfordert bereits sechsstellige Summen. Um das Objekt nutzen zu können, müsste nach der denkmalgerechten Sanierung ein technischer Ausbau erfolgen, der wohl nur mit Fördermitteln zu realisieren ist. Die Unternehmer hoffen, dass sich Kommune, Bund oder Land beteiligen.

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