Reise mit Herzklopfen ins aufgetauchte Pöhler "Atlantis"

Zwei ehemalige Bewohner des versunkenen Dorfes führen durch die freigelegten Fundamente. Sonst verbergen sich die Reste in 15 Metern Wassertiefe.

Pöhl.

Elmar Grubers Herz schlägt höher. Wenn er heute über Wege und an Anwesen vorbeigeht, die sonst 15 Meter tief unter Wasser liegen, lässt ihn das alles andere als kalt. Erinnerungen ans alte Dorf Pöhl, das er mit 17 Jahren verlassen musste, steigen auf. Zum Beispiel, wenn er an verwitterten Holzbalken, Stahlträgern und einem Stück Abwasserrohr steht, die einmal zu einem Dreiseithof gehörten (siehe Grafik). "Hier hat Bauer Heinz gewohnt", erklärt Gruber. "Wir haben ihm früher während der Kartoffelferien bei der Ernte geholfen."

1960 zog der heute 75-Jährige als einer von insgesamt 530 Bewohnern aus dem Dorf weg, das 1964 zugunsten der Talsperre unter Wassermassen versank. Seit Wochen lockt das aufgetauchte Oberdorf Besucherströme an. Menschen bleiben stehen und hören zu, sobald klar wird: Hier weiß jemand mehr. Auch Pöhl-Forscher Michael Hemp (64) interessiert sich brennend für das vogtländische Atlantis, das durch den niedrigen Wasserpegel zurzeit als seltenes Phänomen zu bestaunen ist. Zuletzt lag 2001 so viel vom Dorf frei, erinnert sich Ortschronist Steffen Fischer (55). Knapp 31 Millionen Kubikmeter Wasser hält der Stausee jetzt laut Landestalsperrenverwaltung, 53 Millionen sollten es eigentlich sein. Die Talsperre ist also nur zu rund 58 Prozent gefüllt.

Die Grundmauern von gut 70 Anwesen des mittelalterlichen Bauerndorfes existieren noch. Nicht alle sind derzeit schon zu sehen. Aber Michael Hemp weiß, was hinter den Grundrissen steckt, die jetzt wieder aufgetaucht sind. "Das hier war das Haus Winkler", sagt er und zeigt auf eine Betonplatte mit rundem Loch. "Hier war das Klosett." An drei markanten Baumstümpfen mitten auf dem Gelände bleibt der 64-Jährige erneut stehen. "Hier im Schlosspark standen Linden und Kastanien", erläutert er. "Die Dorfstraße führte an der Parkmauer entlang." Nun verschwindet sie im sogenannten vogtländischen Meer.

Dort unten liegen Kirche, Schule und Bäckerei Weller - wo Elmar Gruber gewohnt hat. Auch Steffen Fischers Geburtshaus ist noch unter Wasser. Die Umrisse des Gebäudes, in dem er als Kleinkind gelebt hat, sind aber zu sehen: lauter Steine, vom Wasser schon ganz abgeschliffen. Fischer nimmt einen Stein hoch: "Der hat mal zum Dach gehört." Das alte Dorf habe er aber nur vom Kinderwagen aus kennengelernt, sagt er schmunzelnd.

Das Häuschen schmiegte sich früher eng an die Schlossmauer. Die Reste des einst so herrschaftlichen Anwesens sind heute fast komplett zu sehen. Von dem Betonring, der mal ein Springbrunnen war, über einen Stein mit Schneckenmuster vom Giebel bis hin zu einer Ecke, die mit ihren Kratern an eine Mondlandschaft erinnert. "Dort sind Keller gesprengt worden", weiß Michael Hemp. Der letzte männliche Schlossherr hieß Rudolph Leberecht Kraft von Bodenhausen, berichtet Hemp weiter. 1964 wurde dessen ehemaliger Wohnsitz gesprengt.

Wellen lecken nun an den Überresten der Wirtschaftsgebäude und Ställe, die zum Anwesen gehört hatten und jetzt wie eine schmale Landzunge ins Wasser ragen. Pferde, Schweine und Kühe tummelten sich früher in den Ställen. "Zu DDR-Zeiten waren wir öfter im Schlosspark und haben Blumen gepflückt", erinnert sich Elmar Gruber. "Der ganze Park war voll davon." Statt Blüten bedeckt heute steinige Erde den Boden. Sie knirscht unter den Schuhen des früheren Pöhlers, als er langsam die alte Dorfstraße entlang zum Wasser runtergeht, Richtung Campingplatz Gunzenberg blickt und sagt: "Wenn das Wasser noch zwei bis drei Meter sinkt, gucken hier bald auch Schule und Kirche raus."

Einen Lageplan vom alten Dorf Pöhlgibt's unter diesem Link: www.dorf-poehl.de/ortsplan.htm

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