Rettungsleitstelle wimmelt Mutter ab

Zweimal hat sie die 112 wählen müssen, bevor Hilfe für ihr Kind kam, sagt eine Plauenerin. Aus der Leitstelle heißt es: Es war kein lebensbedrohlicher Notfall. Die Retter beobachten eine Zunahme dramatisierter Hilferufe.

Plauen.

Am späten Samstagabend hatte eine Mutter in Plauen nur einen Gedanken: ihrem Sohn in einer seelischen Krise schnell zu helfen. Doch als sie die Notrufnummer 112 anrief, hieß es: Das ist kein Notfall. So schildert es die 42-Jährige (Name der Redaktion bekannt). Erst nach erneutem Anruf und Drängen bekam sie Hilfe aus der Integrierten Rettungsleitstelle in Zwickau, sagt sie. Das macht sie noch immer wütend, sagt sie der "Freien Presse".

Ihr 16-jähriger Sohn habe am Samstagabend "nur noch geschrien" und sei nahe an einem Kreislaufkollaps gewesen. Kurz zuvor hatten sie Mitteilung von einem tragischen Todesfall innerhalb ihrer Familie erhalten. Die Mutter: "Ich habe mein Kind noch nie so gesehen."


Doch der Mitarbeiter am anderen Ende der Strippe habe keinen Notfall gesehen, weil ihr Sohn weder bewusstlos gewesen sei noch Suizidabsichten gehabt habe. Sie wurde an den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116117 verwiesen: "Es war beschämend, wie er das nicht als Notfall aufnehmen wollte", sagt die Mutter.

Unter der Nummer des Bereitschaftsdienstes wiederum erhielt die 42-Jährige die Auskunft, dass es bis zum Eintreffen von Hilfe bis zu einer Stunde dauern könnte. So lange wollte sie nicht warten und wählte erneut die 112: "Derselbe, sehr unfreundliche Mitarbeiter hat dann doch noch jemanden geschickt", erklärt sie. Ein Notarzt und drei weitere Einsatzkräfte seien innerhalb weniger Minuten eingetroffen und hätten sich um den 16-Jährigen gekümmert. Sie hätten ihr bestätigt, dass sie das Richtige getan habe, so die Plauenerin.

Für die Rettungsleitstelle stellt sich der Fall anders dar. Abteilungsleiter Steffen Kühnert sagt: "Die Mutter hat eingefordert, dass die Situation wie ein lebensbedrohlicher Notfall behandelt wird - obwohl der aus Sicht der Leitstelle nicht vorlag." Das Kind sei weder bewusstlos gewesen noch schwer verletzt. Demzufolge habe der Disponent die Frau an den ärztlichen Bereitschaftsdienst verwiesen.

"Den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst hatten wir bis Ende November in der Leitstelle mit vermittelt", erläutert Kühnert. Anrufer, die 116117 wählten, kamen ebenso in der Leitstelle heraus. Doch inzwischen hat er eine eigene Zentrale für Sachsen in Leipzig aufgebaut. "Wir können also nur noch die Telefonnummer herausgeben", sagt Abteilungsleiter Kühnert. Sehe die Zentrale der Bereitschaftsärzte einen lebensbedrohlichen Notfall, gebe sie den Fall zurück an die Leitstelle, so Kühnert. Anrufer müssen dann also ein drittes Mal wählen - und erneut bei 112 durchklingeln.

Die Mutter sei fordernd gewesen, sagt Kühnert - der Mitarbeiter habe deshalb Entsprechendes erwidert. "Er konnte ihre Forderung nicht erfüllen", so Kühnert. Der ärztliche Leiter der Leitstelle sehe es ebenso. Doch als der zweite Anruf der Plauenerin eintraf, habe man "klein beigegeben" und einen Notarzt geschickt.

Der Vorfall ist offenbar keine Ausnahme: "Anrufer machen zunehmend mehr Druck und dramatisieren, damit der Notarzt kommt", sagt Kühnert. Das sei immer öfter im Nachhinein nicht gerechtfertigt, da die Situation vor Ort gar nicht so schlimm sei. 2017 registrierte die Leitstelle laut Kühnert gut 100.000 Anrufe pro Jahr. Inzwischen seien es etwa 120.000, um die sich 70 Mitarbeiter kümmern.

Träger der Leitstelle ist der Rettungszweckverband Südwestsachsen. Die Leitstelle in Zwickau ist für den Vogtlandkreis und den Kreis Zwickau mit 558.000 Menschen auf einer Fläche von 2360 Quadratkilometern zuständig. Im Februar 2019 hatte Kühnert im Kreistag erklärt, die Leitstelle Zwickau stoße durch Zunahme von Einsätzen, Veränderungen in der Organisation und Einführung neuer Technik an Grenzen ihrer räumlichen Kapazität. Die Rettungsleitstelle für das Vogtland in Plauen war im Sommer 2015 geschlossen und ein Neubau in Zwickau in Betrieb genommen worden.

Bewertung des Artikels: Ø 2.9 Sterne bei 10 Bewertungen
4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 9
    6
    CPärchen
    13.07.2019

    @Kastenfrosch: Hab ich gemacht und ich bleibe dabei: Der Notruf war übertrieben.

    Das Jugendamt kann bspw. über die Familienhilfe unterstützen, inklusive Sozialbetreuer. Die Nummer gegen Kummer kann ebenso angerufen werden.
    Dann gibt es noch den psychosozialen Dienst.

    Ja, das sind alles keine 24/7-Angebote, aber das war hierbei auch nicht notwendig.

  • 12
    8
    Kastenfrosch
    13.07.2019

    "Ein Jugendlicher, der zu Hause durchdreht."

    Vielleicht lesen Sie die betreffende Stelle des Artikels noch einmal. Welche Art von Hilfe ist in einer psychischen Ausnahmesituation an einem Samstagabend vom Jugendamt (?!) und einem Psychologen, der erst noch zu finden wäre, zu erwarten?

  • 37
    6
    CPärchen
    13.07.2019

    Der Titel passt nicht zum Geschehen.

    Ein Jugendlicher, der zu Hause durchdreht. Da ist kein Notarzt von Nöten, sondern eher das Jugendamt oder ein Psychologe.
    Auch dass die 116117 den Fall nicht an die 112 weiter leitete, bestätigt die Nicht-Dringlichkeit

  • 31
    3
    AndreasNickisch
    13.07.2019

    Weshalb so ein reißerischer Titel der dann nichtmal zur Aussage im Text passt?
    Ihr solltest Eich nicht wundern wenn Euch die Abonnenten weg rennen. Wenn ich sowas lesen wollen würde dann würde ich doch eher die Bild abonnieren. Die hat dickere Überschriften.



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