Röders Vermächtnis: Plauen war's, nicht Leipzig

Plauen.

"Es waren die Vogtländer." Dieser Satz steht klein gedruckt auf dem Titel der von Jean-Curt Röder zum 30-jährigen Jubiläum der Friedlichen Revolution herausgegebenen Dokumentation "3 Stunden, die die Welt veränderten". Diese Worte stehen felsenfest für die Überzeugung des Verlegers und Querdenkers.

Schon als Röder 1991 "Die Wende" ins Programm des Vogtländischen Heimatverlages Neubert aufnahm, gab es für den Lokalpatrioten ein entscheidendes Motiv. "Damit wird Leipzig der zweite Platz in der friedlichen Revolution deutlich gemacht", betont Röder. Inzwischen fühlt er sich durch Aussagen etwa von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bestätigt, der sinngemäß sagte, niemand könne heute wissen, wie sich die Dinge am 9. Oktober in Leipzig ohne Plauens Bürgermut zwei Tage zuvor entwickelt hätten. "Plauen war der Auslöser für den Mauerfall", bekräftigt der Verleger.

Pünktlich zu den großen Jubiläen hat Jean-Curt Röder auf 608 Seiten eine beeindruckende Materialsammlung vorgelegt und in den Kontext der untergehenden DDR eingeordnet. Sie ist auf den 7. Oktober 1989 fokussiert und ganz speziell auf das Geschehen in Plauen von 15 bis 18 Uhr. "Es ist mein Vermächtnis", sagt der 74-Jährige und fügt an: "Das bedeutet nicht, dass ich jetzt aufhören will." Im Gegenteil.

Neben Aussagen zur Rolle Plauens stellt er weitere Thesen auf. "Dass es keine Toten und Verletzten gab, ist Egon Krenz zu verdanken." Dabei bezieht sich Röder hauptsächlich auf zwei Quellen. Am 5. Oktober erließ Stasi-Chef Erich Mielke den Befehl, "feindlich-negative Aktionen mit allen Mitteln entschlossen zu unterbinden". Krenz erklärte in einem Interview mit dem Journalisten Jakob Augstein, am 8. Oktober, also zwischen Plauen und Leipzig, habe er in Mielkes Büro angeordnet: "Es wird kein Blut fließen."

Wer solche Schätze in Röders Werk heben will, muss tief in die Materie eintauchen. Viele, viele Zeitzeugen bekamen Gelegenheit, sich zu den Ereignissen 1989 zu äußern. Und in der Tat könnte das Spektrum größer kaum sein: Da kommt die vierfache Mutter aus einem Dorf im Grenzgebiet zu Wort und der Vater eines 20-Jährigen, der scheinbar für immer im Flüchtlingszug davon fährt. Da berichten ein Plauener Gefängniswärter und der US-amerikanische Historiker John Connelly. Da erzählt eine Oma, wie sie mit ihrer Enkeltochter zum Kinderfest will und plötzlich einem Wasserwerfer gegenübersteht. Der schier allmächtige SED-Kreischef Werner Schweigler beklagt den Zusammenbruch seiner Welt, und der heutige Chemnitzer IHK-Geschäftsführer Hans-Joachim Wunderlich schildert, wie er sich der Stasi-Anwerbung widersetzte. Der letzte Speiseplan des VEB Vowetex ist enthalten und der Text des Vogtland-Demo-Liedes. Am häufigsten ist der Autorenname Emilie Neideitel zu lesen. Das Pseudonym muss für heikle Themen herhalten und Quellen schützen. Die "Plünderungsorgie der Treuhand" wird thematisiert. Westdeutsche bekommen von Röder für den auf Schmäh-Flugblättern formulierten Neid ihr Fett weg und die Ostdeutschen wegen ihrer Gier auf die D-Mark.

Das Buch "3 Stunden, die die Welt veränderten" ist in den "Freie Presse"-Shops zum Preis von 33 Euro erhältlich.

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