Rollende Panzer und ahnungslose Soldaten

Vor 50 Jahren wurde der Prager Frühling niedergeschlagen. Die Arbeitsgemeinschaft Geschichte des Diesterweg-Gymnasiums ließ gestern Zeitzeugen zu Wort kommen.

Plauen.

Um Augusttage im Jahr 1968 aus eigenem Erleben schildern zu können, muss man heute schon wenigstens um die 60 Lenze zählen. Damit ist klar, dass jüngere Vogtländer nur aus den Schilderungen Dritter etwas über die Niederschlagung des Prager Frühlings und die Ereignisse im Vogtland zu jener Zeit erfahren können. Umso wichtiger sind Zeitzeugen. Genau die haben sich die 13 Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Geschichte des Diesterweg-Gymnasiums mit ihrer Leiterin Hannelore Schreyer und Clemens Uhlig vom Stadtarchiv herangeholt und gestern über diese Zeit befragt.

Christine Homrichhausen war damals Schülerin. "Wir haben Vorbereitungen miterlebt", berichtete die damals 12-Jährige. "In Neundorf haben sie militärische Fahrzeuge der Russen mit weißen Streifen versehen", erinnerte sich die heute in Leipzig lebende Frau. In Neundorf waren sowjetische Streitkräfte stationiert gewesen. Sie habe ihre Mutter damals gefragt, was das zu bedeuten habe, und die antwortete: "Die werden wohl was vorhaben."

Sie hatten was vor. Günter Hager ist vor 50 Jahren junger Familienvater gewesen. Er wohnte in Haselbrunn und sah die mit Panzern ausrückenden Sowjets auf der Pausaer Straße. Später kam auch die Nationale Volksarmee der DDR durch den Stadtteil und machte am Wartburgplatz Halt. "Ich habe die Soldaten gefragt, wohin sie fahren", schilderte er sein Erlebnis. Die Soldaten wussten es nicht - irgendwo in die Gegend bei Oelsnitz oder Adorf, bekam er noch zu hören. Aber wohin genau und zu welchem Zweck, sagten sie nicht.

Einen tieferen Einblick in die DDR-Streitkräfte hatte Siegfried Töllner. "Ich bin bei den Grenztruppen gewesen. Wir wurden damals in die Kompanie Eichigt verlegt", ließ er wissen. Der lange Flur der Kaserne stand am 20. August nach Dienstende voll mit Betten. Darin lagen Wehrpflichtige, die gerade mit ihrer Grundausbildung fertig waren - in voller Montur, die Maschinenpistole im Bett. Nur die Stiefel durften sie ausziehen. "Sie waren verängstigt und haben gewartet, was kommt", blickte er auf jene Zeit zurück.

Was kam, erlebte er wenig später: "Vom Elstertal herauf rollten russische Panzer." Die ließen sich punkt Mitternacht wenige Kilometer weiter an der Grenze zur ČSSR von nichts aufhalten - schon gar nicht von einem Schlagbaum.

Günter Zeidler war Lehrer und mit einer Klasse in der Jugendherberge am Aschberg: "Der Heimleiter hat uns gleich gefragt, ob wir Kofferradios mithaben", erinnerte er sich - damals das schnellste Medium, um Nachrichten zu hören. "Als wir zurück waren in Mehltheuer, durften wir nicht in die Wälder", sagte er. Dort lagerten Truppen, die bei Bedarf nachrücken sollten.

Die AG-Mitglieder wollen die Berichte dokumentieren. In vergangenen Jahren sind am Ende solcher Schülerprojekte Publikationen erschienen oder Ausstellungen gestaltet worden. Auch an Wettbewerben beteiligte sich die AG erfolgreich.

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