Rosenkavalier aus Offenbach dankt den Helden des 7. Oktober

Herbst '89 Heute Abend gedenkt Plauen der ersten Großdemonstration vor 30Jahren. Einer, der das ganz regelmäßig tut, ist der gebürtige Plauener Peter Gemeinhardt.

Plauen.

Plauen ist in diesen Tagen, 30 Jahre nach dem bahnbrechenden Protestzug vom 7. Oktober 1989, ein Hotspot der Erinnerung an die jüngste deutsche Geschichte. Doch abseits der offiziellen Gedenkfeiern, Ausstellungen und Filmpremieren gibt es auch Geschichten wie die des 73-jährigen Peter Gemeinhardt. Und bekannt wird sie durch glückliche Umstände und eine Portion Zufall.

Am 21. September veröffentlichte die "Freie Presse" ein Foto vom Wendedenkmal, das vermeintlich Unbekannte mit einer roten Rose geschmückt hatten. Prompt meldete sich Peter Gemeinhardts Sohn Thomas: "Der ,Unbekannte' hat einen Namen", schrieb er an die Lokalredaktion. Die rote Rose sei auch keine einmalige Sache. Sein Vater, 1946 in Plauen geboren und 1983 per Ausreiseantrag in den Westen übergesiedelt, spendete für die von Peter Luban geschaffene und am 7. Oktober 2010 eingeweihte Stele. Und er nutzte seither jeden Besuch in der alten Heimat, um eine rote Rose ans Denkmal zu stecken: "Aus Achtung, Respekt und Dankbarkeit", wie Thomas Gemeinhardt betont.

Doch hinter der Liebeserklärung jenes Rosenkavaliers an die mutigen Menschen in Plauen steckt noch mehr. Bei einem Ortstermin im Stadtzentrum, kurz vor dem 7. Oktober, bekennt Peter Gemeinhardt: "Weil ich nicht mit dabei war, als Tausende auf die Straße gingen, habe ich die Wende leider nicht mit herbeigeführt." Er empfinde das tiefe Bedürfnis, allen zu danken, die das schier Unmögliche 1989 möglich gemacht haben. Der in Hessen lebende Vogtländer gibt ein Versprechen ab: Die Rosen-Tradition will er beibehalten, "so lange ich laufen kann", notfalls auch im Rollstuhl.

Wer ist dieser Mann mit den roten Rosen? Er selbst hätte sich wohl nicht bei der "Freien Presse" gemeldet. Das erledigte sein Sohn Thomas.

Gemeinhardt Senior kehrte dem dahinsiechenden Sozialismus 1983 den Rücken. Da hatte er seinen Job als Mathe- und Physiklehrer schon lange aufgegeben und gegen die Arbeit als Straßenbahnfahrer getauscht. Er verließ seine Heimat als Staatenloser in Richtung Österreich, weil dort sein Vater lebte, und landete in der hessischen Stadt Offenbach. In der neu erlangten Freiheit "infizierte" er sich mit dem Reisevirus. 67 Staaten und Straßenbahnen in aller Welt hat er gesehen. Das Straßenbahn-Hobby bildet auch den Kern einer 150.000 Dias, 250 Modelle in H0-Größe und rund 1000 Fachbücher umfassenden Sammlung.

Als "Straßenbahn-Professor" und als bescheidenen Menschen bezeichnet ein Überraschungsgast Peter Gemeinhard: Roland Albert, 75. Er trat am Wendedenkmal plötzlich aus dem Gebüsch, mit Schlapphut, Gitarre und einem Lied auf den Lippen. Eine Umarmung, Tränen der Freude. Kennengelernt haben sich die Männer vor 50 Jahren: als NVA-Soldaten im Wehrdienst beim Kloputzen. Um sich in den Jahren der Trennung 1983 bis 1989 nicht aus den Augen zu verlieren, gab's heimliche Treffen in Tschechien. Mit dabei auch Gemeinhardt Junior. "Roland war, ist und bleibt mein bester Freund", sagt Peter Gemeinhardt. Roland Alberts Blick verrät: Das ist keine Einbahnstraße. "Wir waren keine Bürgerrechtler", sagt er zurückblickend. Doch die Leistung der Menschen 1989 in Plauen mache auch ihn stolz und glücklich.

Einen Überblick über die Veranstaltungen, die am heutigen Montag an die Ereignisse vor genau 30 Jahren erinnern werden, finden Sie auf der Wohin-Seite der heutigen Ausgabe (Seite 12).


Wie friedlich war die Friedliche Revolution?

Warum gingen die Menschen damals auf die Straße und wofür?

Das vom Plauener Sigmar Wolf in der ersten Demonstration mitgeführte Spruchband bringt auf den Punkt, worum es ging: "Für Reformen und Reisefreiheit, gegen Massenflucht - vor allem Frieden". Zu Forderungen der ersten Stunde gehörten die nach freien Wahlen und Zulassung neuer Parteien sowie Presse-, Meinungs- und Reisefreiheit.

Warum ausgerechnet in Plauen?

Plauen war aufgrund der Grenzlage eine vernachlässigte Provinzstadt in der zentralisiert funktionierenden DDR. Gebäude und Betriebe waren bis auf einige Vorzeige-Ausnahmen erschreckend marode. Es herrschte Mangelwirtschaft. Durch ständige Zunahme sogenannter Ausreisen - unter anderem über die von DDR-Bürgern besetzten Botschaften - drohte ohne Reformen weiteres Ausbluten. Dass die DDR-Staatsführung Züge mit Botschaftsflüchtlingen durch Plauen fahren ließ, verstärkte das ohnehin vorhandene Frustpotenzial.

Warum spricht man heute von der Friedlichen Revolution?

"Keine Gewalt" und "Wir sind das Volk" gehörten zu den ersten Sprechchören der Demonstranten. Die Menge reagierte besonnen, wollte keinen Anlass zum Einschreiten geben. Mitgeführte Kerzen symbolisierten den Willen, friedlich zu bleiben.

Ging wirklich alles so friedlich ab?

In Augenzeugenberichten heißt es, dass es von Seiten einzelner sowohl zu Würfen von Flaschen und Steinen kam, als auch von Seiten der Staatsmacht Knüppel und ein Feuerwehrfahrzeug als Wasserwerfer eingesetzt wurden. Später am Abend wurden mutmaßliche Demonstranten in der JVA Plauen festgesetzt. Als die Demonstranten auf der Straße waren, hatten viele noch die blutige Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking vom Juni 1989 vor Augen. Deshalb gehörte damals Mut dazu. Deshalb war die Friedliche Revolution kein Spaziergang. us

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