Schulbubenstreich oder Schurkenstück?

Ein Wirtschaftskrimi aus dem Vogtland ist vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Plauen verhandelt worden. Im Zentrum stand das abenteuerliche Handeln eines Geschäftsführers. War das aber auch strafbar?

Plauen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Wie sehr das im Geschäftsleben gültig ist, zeigt ein Strafprozess, den das Schöffengericht am Amtsgericht Plauen verhandelt. Wegen Untreue angeklagt ist dort der ehemalige Geschäftsführer eines Unternehmens, das inzwischen insolvent ist. Der heute 29-Jährige hielt zeitweise selbst Anteile daran.

Weil sich die weiteren Mitgesellschafter wenig ums Geschäft kümmern, wie sie als Zeugen einräumen werden, muss sich der Angeklagte irgendwann wie der alleinige Inhaber gefühlt haben. So schaltet und waltet er in der Firma, die in Spitzenzeiten mehr als ein Dutzend Mitarbeiter beschäftigt. In dem Prozess, der zwei mehrstündige Verhandlungstermine umfasst, kann nur ein Teil der Geschehnisse aufgearbeitet werden.

Die Anklage: Staatsanwältin Monika Opala legt dem gelernten Wirtschaftsassistenten zur Last, ein privat gekauftes Objekt im Plauener Stadtzentrum an das von ihm geführte Unternehmen vermietet zu haben, während er das zugleich Handwerkerrechnungen für den Ausbau der Räume begleichen ließ. Auch offenkundig private Rechnungen, darunter für Gaststättenbesuche, seien über die Firma abgerechnet worden. Insgesamt listet die Staatsanwältin 19Einzelfälle auf. Gesamtschaden: rund 29.000 Euro. Das sei als Untreue zu verurteilen.

Die Zeugen: Als Zeugen werden ehemalige Mitarbeiter, zwei der bis zu vier Mitgesellschafter, ein Ermittlungsbeamter der Polizei sowie der Insolvenzverwalter gehört. Sofern Gesellschafter und Mitarbeiter auf den Bewirtungsbelegen aufgeführt waren, die der Geschäftsführer unterzeichnete, bestreiten sie die Teilnahme an derartigen Geschäftsessen oder können sich nicht daran erinnern. Den emotionalsten Auftritt liefert ein Mann, der zunächst nur als Zuschauer im Saal sitzt. Richter Wilhelm Gerhards ruft ihn nach einer Sitzungspause überraschend in den Zeugenstand. Es ist der Käufer des Unternehmens, der im Glauben an ein gutes Geschäft die Firma im Februar 2017 nach Entlassung des Geschäftsführers für rund 50.000 Euro komplett übernahm. Wenige Wochen später muss er Insolvenz anmelden.

Die Gesellschafter: Als erster Gesellschafter kommt ein redegewandter Mitgründer zu Wort. Der 48-jährige Vogtländer räumt ein, "ein paar Jahre nicht in der Firma" gewesen zu sein. Die Geschäftsführung habe er in guten Händen geglaubt. Erst, als ihn Mitarbeiter auf Unregelmäßigkeiten aufmerksam machten, sei er den Hinweisen gemeinsam mit den anderen Gesellschaftern nachgegangen. Als der Geschäftsführer entlassen wurde, habe er für kurze Zeit selbst alle Anteile und das Zepter übernommen, "um das Unternehmen verkaufen zu können". Das sei nahezu "Hand in Hand" gelaufen. Auf Nachfrage des Richters räumt er ein, dass die Gesellschafter zum Beispiel vom Umzug der Firma in neue Räume - die des Geschäftsführers - überrascht waren. Dass das Unternehmen mehr Platz brauchte, sei indes unstrittig gewesen. Beim zweiten Termin schildert ein anderer Mitgesellschafter, wie der Geschäftsführer kritische Fragen abblockte und in Konfrontation ging.

Der Käufer: Am dritten Tag nach der Firmenübernahme sei er mit ersten alten Rechnungen konfrontiert gewesen, sagt der 52-jährige Käufer. Darunter befand sich eine Mahnung des Angeklagten zu zweimonatigen Mietrückständen. Mit dem Kenntnisstand von heute wirft sich der Erwerber Blauäugigkeit beim Kauf des Unternehmens vor: "Das war der größte Fehler meines Lebens, der die Existenz meiner Familie gefährdet hat", sagt er, um Fassung ringend. Zu keinem Zeitpunkt sei es ihm gelungen, mit dem Vermieter und ehemaligen Geschäftsführer persönlich über dessen Forderungen zu sprechen. Den Mietvertrag habe er nicht ausgehändigt bekommen. Stattdessen sprangen plötzlich Kunden ab, häuften sich Merkwürdigkeiten. Die vor Gericht verhandelten Vorwürfe nennt er im Vergleich dazu Bagatellen. Er sagt: "Ich kann nicht zuschauen, wie das alles als Schulbubenstreich abgetan wird." Eines Tages seien Schlösser ausgetauscht gewesen. Die offenen Rechnungen, die zum Teil bis Sommer 2016 zurückreichten, summierten sich auf mehr als 30.000 Euro.

Der Insolvenzverwalter: Mehr als 25 Gläubiger des Unternehmens machen inzwischen Forderungen in Höhe von 186.000 Euro auf. 49.000 Euro davon hat der Insolvenzverwalter gegenüber dem ehemaligen Geschäftsführer auf der Anklagebank geltend gemacht, sagt er im Zeugenstand. Beglichen sei davon noch nichts.

Der Angeklagte: Der 29-Jährige verfolgt die Verhandlung konzentriert, lässt sich wenig anmerken. Auf Fragen des Gerichts antwortet er - mal präzise, mal weniger erhellend. Der 29-Jährige ist weiter in der Branche tätig - als Inhaber eines von ihm vor zehn Jahren gegründeten Unternehmens. Als sein eigener Chef zahle er sich ein Gehalt von 1200 Euro netto, sagt er, als es um seine Vermögensverhältnisse geht.

Die Verteidigung: Rechtsanwalt Stefan Titz zieht einige Register, seinen Mandaten von den Vorwürfen zu entlasten. Er führt den von ihm mit sich selbst geschlossenen Mietvertrag ins Feld, in dem stehe, dass die Firma Kosten für den Ausbau der neuen Geschäftsräume übernimmt. Der habe bei der Bank vorliegen müssen, als sein Mandant Kredit für den Kauf der Räume aufnahm. Die privat erscheinenden Rechnungen seien Gefälligkeiten für Mitarbeiter gewesen oder von seinem Mandanten über die Firma bestellt, dann aber von ihm privat wieder ausgeglichen worden. Der Mandant sei durch die Insolvenz der Firma zudem selbst geschädigt, da nun Mieten für seine Geschäftsräume ausbleiben. Sie neu zu vermieten, sei nicht gelungen. Was die Bewirtungen angehe, könne man sich nach vier Jahren nicht mehr an alle Geschäftsessen erinnern. Der Anwalt fordert Freispruch.

Die Zuschauer: Die meisten der Zeugen bleiben nach ihrer Aussage als Zuschauer im Saal. Zudem kommt beim zweiten Termin deutlich mehr Publikum. Es tuschelt bei mancher Aussage, bis der Richter es zur Ordnung ruft. In Sitzungspausen ist immer wieder von weiteren Umständen die Rede, die den Verkauf der Firma begleitet haben - bis hin zu einer angeblichen Erpressung. Ehemalige Mitarbeiter hätten sich zudem überwacht und ausspioniert gefühlt, heißt es.

Das Urteil: Das Schöffengericht sieht den Tatbestand der Untreue erfüllt. Die einjährige Freiheitsstrafe, mit der es der Forderung der Staatsanwältin folgt, setzt es für drei Jahre zur Bewährung aus. Zudem soll der 29-jährige Angeklagte 5000 Euro Geldstrafe zahlen. Für die ihm laut Gericht nachgewiesenen Fälle hat er 29.000 Euro Wertersatz an den Insolvenzverwalter zu leisten. Für den Tatbestand der Untreue, argumentiert der Richter, komme es nicht darauf an, ob der jemandem zugefügte Nachteil zu einem persönlichen Vorteil geschehen sei. Der Angeklagte habe als Geschäftsführer Vermögenswerte vermischt, wo eine strikte Trennung geboten gewesen sei. Die Verteidigung kündigt Berufung an.

Die Zukunft: Der als Zeuge gehörte Polizeibeamte deutet an, dass weiter ermittelt wird. Gegen wen und warum, sagt er auch auf Nachfrage des Richters nicht. Der geprellte Käufer übergibt dem Strafrichter einen Ordner mit Vorgängen, mit denen er nach Geschäftsübernahme konfrontiert war. Der Richter wird das Konvolut an die Staatsanwaltschaft weiterreichen. Der Zeuge ist damit einverstanden.

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