Sie hatten auch schöne Brotbüchsen

30 Jahre Einheit Uta Böddiker ist Hausfrau mit Archäologie-Studium, Herbert Posner ist Anwalt. Beide stammen aus dem Ruhrpott und zogen ins Vogtland. Zwei Westdeutsche erzählen, wie sie Ostdeutsche wahrnehmen.

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1818 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 21
    1
    BuboBubo
    02.10.2020

    Ein kleiner Beitrag zu der in diesem Forum aufgeworfenen Frage, wie „Wessis“ und „Ossis“ nach der Wende einander wahrnahmen:

    Wie an vielen Orten im Osten wurde auch mein volkseigener Betrieb von eingeflogenem westdeutschen Management übernommen und zum Arbeitgeber gewandelt, der leider keine Arbeit mehr geben konnte oder wollte. 90% der Belegschaft wurden schubweise entlassen, was von den meisten in einer Art fatalistischer Apathie hingenommen wurde.
    Persönlich kann ich zu den neuen Herren in den Chefetagen (es waren keine Frauen dabei) wenig sagen, weil ich nicht zur Nomenklatura gehörte.
    Mittlerweile ist die Firma in kleine, teils recht erfolgreich agierende Unternehmen zerschlagen worden.

    Mit der neugewonnenen Freizeit machte ich mich im Sommer 1993 auf Tour zur ersten richtigen Westreise; 1800 km mit dem Rad durch den Südwesten Deutschlands. Die Übernachtung erfolgte bei Mitgliedern des ADFC-Dachgeber-Netzwerkes. Ich musste dazu also nicht viel Geld in die Hand nehmen, denn die Beherbergung erfolgte kostenfrei auf Gegenseitigkeit, umfasste per Regelwerk jedoch lediglich einen Schlafplatz für die mitzubringende Luftmatratze.

    Die Wirklichkeit sah anders aus. Ich traf ohne Ausnahme auf selbstlose Gastfreundschaft, bekam in den meisten Fällen ein frischbezogenes Bett angeboten und wurde bewirtet, als wäre ich einer der Könige aus dem Morgenland. Frappierend war das große Vertrauen, welches mir entgegengebracht wurde – das Dachgeberverzeichnis war der einzige Ausweis, den ich benötigte. Manchmal wurde ich auch ohne viel Gewese in das Familienleben einbezogen, durfte mich am Abendessen mit Kartoffelschälen beteiligen oder wurde mit einem Lastenrad ins Nachbardorf geschickt, eine Kanne Milch zu holen.
    Die Reise war auch deswegen anstrengend, weil die Abende fast nie vor Mitternacht endeten. In geselliger Runde, meist beim Wein, wurde ich über den Osten ausgefragt. Freundliche Neugier war gepaart mit teils abenteuerlichen Vorstellungen über das reale Leben in der DDR. Was ich jedoch nie - wirklich nie - erlebt habe, war irgendeine Form von Überheblichkeit oder Besserwisserei.
    Diese knapp drei Wochen waren für mich der denkbar beste Einstieg in die deutsche Einheit. Weil es so schön war, habe ich ein Jahr später nochmal solch eine Tour unternommen, mit Übernachtung bei anderen Gastgebern – aber letztlich demselben Ergebnis.
    Natürlich kann ich nicht behaupten, damit das Wesen der westdeutschen Bevölkerung insgesamt kennengelernt zu haben, dafür war die Auswahl der „Stichprobe“ zu speziell. Aber zumindest für mich hatte sich damit die Legende vom arroganten Besserwessi erledigt.

    Nebenbei: Schon auf den ersten Kilometern nach dem „Grenzübertritt“ fiel die außergewöhnlich rücksichtsvolle Fahrweise der westdeutschen Autofahrer auf. Trotz breiterer Straßen wurde bei Gegenverkehr lieber mal gebremst, als sich mit Karacho am Radfahrer vorbei zu drängeln. Das war nach Rückkehr in die Heimat mit ihren löchrigen, schmalen Straßen schlagartig wieder anders.

    Diese Schilderung mag bitte niemand hier als Belehrung wahrnehmen; selbstverständlich gibt es auch gegenteilige Erfahrungen, die nicht nur vom Hörensagen stammen. Für mich jedoch sind meine Erlebnisse auch meine persönliche Wahrheit.

  • 4
    2
    kürbitzerin
    02.10.2020

    Für mops0106 Vielen Dank für die Richtigstellung. Und : "Wir müssen reden";-))))

  • 9
    1
    mops0106
    02.10.2020

    Frau Böddiker: Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Allerdings kommen Sie in der Darstellung durch den Artikel für mich so rüber wie gesagt. Ich korrigiere "wie sie sich darstellt" in "wie sie dargestellt wird".

  • 14
    1
    klali
    02.10.2020

    Für Kürbitzerin, Sie machen mir Mut. Ich habe viel zu oft das Gefühl, dass ich die Menschen durch Worte nicht mehr erreiche, da jeder sich nur noch um seine Befindlichkeiten kümmert. Demokratie passierte noch nie aus sich heraus, sondern ist das Ergebnis unserer Bemühungen. Das ist anstrengend, mühsam, aber auch lohnend. Welche Rolle spielt es in welchem Teil der Republik wir geboren wurden?
    Wenn wir uns zuhören würden, dann bemerkten wir, wie oft sich unsere Biografien gleichen.

  • 5
    8
    Tauchsieder
    02.10.2020

    Zitat: "Vielleicht zieht sie irgendwann nach Griechenland" Zitat Ende.
    Da würde ein wichtiges Korrektiv gegenüber dem Weischlitzer Amtsschimmel fehlen, jemand der den Finger in die Wunde legt.

  • 17
    3
    kürbitzerin
    02.10.2020

    Für Klali Vielen Dank für die netten Worte. Ich denke auch oft darüber nach und komme immer wieder wie Frau Illner zu dem Schluss: "Wir müssen reden!" Nach der Wende war dafür keine Zeit. Klar. Wenn einem mal eben die Existenz um die Ohren fliegt und nichts mehr sicher ist. Aber es ist doch nie zu spät! Lassen Sie uns Wessis und Ossis miteinander reden!

  • 13
    4
    kürbitzerin
    02.10.2020

    Für Kisa13, es tut mir sehr leid für Sie, Ihren Mann und dessen Kollegen. Das hat aber doch mit der ursprünglichen Diskussion nichts zu tun. Mein Nachbar verfügte eben nicht Ihre Kenntnisse und den Respekt vor seinen Tieren. Die Enten und Hühner hatten es wirklich schwer. Ein Erpel und ein Hahn mussten nach Kämpfen sogar geschlachtet werden. Jetzt geht es ihnen gut1 Und das "Geld-in-die-Hand-nehmen" meinte ich in Bezug auf das Rittergut Kürbitz. Der Kauf wurde nicht gewagt. Es steckten zum Schluss rund 500.000 Euro Fördergelder und Spenden sowie Hunderte von Arbeitsstunden in dem Haus, als es für maximal 20.000 Euro verkauft wurde. Und der nächste positive Fördermittelbescheid war auch schon da! Die Gemeinde hat uns damals allerdings auch echt hängen lassen.

  • 7
    7
    Lisa13
    02.10.2020

    Antwort auf , kürbitzerin
    ich weiß wie Geflügel artgerecht gehalten wird ,auch weiß ich wie ein altes Haus saniert wird , habe selbst eins saniert ..und zwar musste ich dazu Geld in die Hand nehmen ...denn mein Mann ist seit 24 Jahren arbeitsunfähig ...nur weil er arbeiten wollte und nach der Wende zum Pendler wurde ... sein Kollege hat den Unfall leider nicht überlebt ...

  • 15
    13
    klali
    02.10.2020

    Liebe Kürbitzerin, sie sind eine engagierte und mutige Frau, denn sie tun das, was in einer couragierten Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Lange habe ich nach Gründen für den Hass und die Borniertheit meiner Landsleute gegenüber den Wessis gesucht, um zu verstehen und zu entschuldigen. Zu einem einleuchtenden, befriedigenden Ergebnis bin ich nicht gekommen. Vielleicht hat sich die Enge, die die DDR symbolisierte, zu tief in die Köpfe und Herzen von vielen Ostdeutschen eingegraben.
    Bleiben Sie mutig, geben Sie nicht auf. Wir können Missstände nur gemeinsam verändern und dazu müssen wir respektvoll miteinander reden und handeln.

  • 14
    3
    kürbitzerin
    02.10.2020

    Für mops0106. Und Sie so???? Aber nein, jetzt mal ernst. Zum Beispiel ist es meiner Hartnäckigkeit zu verdanken, dass es den Film "Codename Brisling" gibt. Der übrige Vorstand des Museumsvereins wollte die Finanzierung nicht wagen. Das Risiko war ihnen zu groß. Und Herr Naumann, der sich jetzt gerne mit diesem Film schmückt, hat damals alles getan um die Produktion zu verhindern. Die Einnahmen waren enorm. Der Verein kann damit heute noch Projekte finanzieren. Und den Enten vom Nachbarn geht es jetzt wundervoll;-))))

  • 14
    6
    kürbitzerin
    02.10.2020

    Für Interessierte. Genau darum geht es in dieser Diskussion doch. Schreiben Sie doch, wie Sie die Wessis wahrgenommen haben und noch wahrnehmen. Ich würde mich sehr gerne mit Ihnen darüber unterhalten. Und ich halte es auch für sehr wichtig, dass die Sicht der Wessis auf den Osten und die "Ossis" auch mal gehört wird. Ich denke, man spricht uns dieses Recht oft ab. Ach ja, Sie werden es sich schon gedacht haben, "kürbitzerin" ist Uta Böddiker.

  • 14
    2
    Alcapone
    02.10.2020

    Die Hauptfigur des Artikels ist doch wohl der ungenannte Anrufer; einer von der Sorte macht mir mehr Sorgen als 10 überhebliche Wessis. „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt ...“

  • 16
    10
    mops0106
    02.10.2020

    "Interessanter" Beitrag. Was soll der mir sagen? Die Frau ist so , wie sie sich darstellt, unsympathisch, ich-bezogen, überheblich. Was hat sie für die Gesellschaft geleistet?

  • 18
    8
    kürbitzerin
    02.10.2020

    Für Lisa 13. Wenn sie sähen, dass die Enten im Entenhof des Nachbarn blutige Hintern haben, würden sie dann wegschauen? Geht mich nichts an? Ich möchte ja noch in dieser Dorfgemeinschaft leben. Sind doch nicht meine Enten? Und wenn die Scheune einsturzgefährdet ist und der Eigentümer sie nicht ordentlich sichert. Nur niemanden anschwärzen. Hatten wir auch lange genug!

  • 9
    11
    Interessierte
    02.10.2020

    Wenn ich mal erzählen würde , wie ich die Westler wahrgenommen haben und immer noch wahrnehme ...

  • 17
    7
    Lisa13
    02.10.2020

    mm, die Dame aus dem Westen , sie haben Angst Geld in die Hand zu nehmen ... wo kein Geld ist kann man keins in die Hand nehmen. Solange hier im Osten , die Löhne im Durchschnitt, Mindestlohn haben ...der reicht doch gerade zum Leben , nein besser , nur zum überleben und das mit einem ordentlichen Schulabschluss und einem ausgelernten Beruf , im Medizinischen in der Tasche.
    ja und dann die Nachbarn im Dorf anschwärzen ? das hatten wir lange genug ...wäre dafür das sie doch mach Griechenland auswandert ... und ihre Dorfbewohner in Ruhe lässt

  • 9
    2
    Pedaleur
    02.10.2020

    "Die Leute hier haben Angst davor, Geld in die Hand zu nehmen und Verantwortung zu tragen." Sie sagt, sie hätte das alte Kürbitzer Herrenhaus als Verein gekauft. Jetzt gehört es einem Privatmann, ebenfalls mit West-Wurzeln."

    War wohl privates Geld beim Verein oder eher Fördermittel? Scheint eine angenehme Frau zu sein, ganz unabhängig von der "Herkunft".

  • 26
    14
    Urlaub2020
    02.10.2020

    Diese Leute werden den Ossi nie verstehen.Kommen in den Osten weil sie im Westen nichts gebracht haben und wollen uns was Beibringen wie man sich zu verhalten hat.Nein Danke auch nach 30 Jahren nicht.Es wurde einfach zu viel Kaputt gemacht.Die Inlandnahme war zu groß und zu Einschneidend.