Solo für bescheidenen Meister

Er hat als Maurer und Bildhauer in der Heimatstadt Spuren hinterlassen. "Jetzt ist Feierabend", sagt der 80-Jährige. Kaum zu glauben.

Plauen.

Offiziell heißt er Johannes, aber keiner nennt ihn so, Hannes ist geläufiger, klingt flotter, passt zu ihm. Hannes Schulze ist gemeint. Bildhauer aus Berufung, Mauerer von Beruf. Als er heute vor 80 Jahren in der Ostvorstadt geboren wurde, gab es dort neben dem Elternhaus eine Kies- und Lehmgrube. Dieser Lehm, den er sich als Kind durch die Finger quetschte, damit herum matschte und Männle formte, war im übertragenen Sinn der Stoff für seinen Lebenslauf.

Der Vater hat es wohlwollend gesehen, er spürte das künstlerische Talent seines Sohnes, wusste aber auch, dass handwerkliche Fähigkeiten nützlich sind und empfahl eine Maurer-Lehre. "Ich habe geholfen, Plauen in den 1950er Jahren wieder mit aufzubauen", sagt Hannes und nennt Neubauten in der Südvorstadt und an der Jößnitzer Straße.


Ein Studium an der Fachschule für Angewandte Kunst in Leipzig 1957 förderte nachhaltig seine Begabung. Das Philosophische im Inhalt und das Handwerkliche bei der Gestaltung sind seine Prinzipien geworden. "Wer viel kah, muss viel tah", heißt eine alte vogtländische Redewendung. Hannes Schulze bekam als freischaffender Bildhauer nicht nur viel zu tun, er leitete nebenbei auch Keramik- und Schnitzzirkel für Kinder und Erwachsene im damaligen Glühlampenwerk.

Es gab aber auch zwei Jahre, in denen er künstlerisch alles ruhen ließ. Den Tod seines ältesten Sohnes überwand der Familienmensch nur mit körperlicher Arbeit bei Ausbau eines Hauses für seine Tochter.

Sein Werkverzeichnis geht weit über die Hundert, es sind metergroße Arbeiten und zentimeterkleine Plastiken. Holz, Stein, Beton, Metall waren vorwiegend seine Materialien, aus denen unter seinen Händen diese sanftgeformte auf das Wesentliche bezogene Schulze-Kunst entstanden ist. Sie steckt voller Ideen, ist schnörkellos und verständlich, sofern der Betrachter das Nachdenken nicht scheut. Dekoratives meidet er grundsätzlich.

Nicht nur im Vogtland ist man auf den vogtländischen Bildhauer aufmerksam geworden. In Zwickau gestaltete er in jahrelanger Arbeit die Bergbau-Ehrung, für Chemnitz formte er nach der Wende die metergroßen Figuren für das Glockenspiel am Rathausturm. Dass er auch Schriften in Stein setzte und manch bröckelndes Bauwerk fachgerecht restaurierte, wird angesichts seines Gesamtwerkes fast vergessen.

"Nun ist Feierabend", sagt er. Kaum zu glauben. Nur noch für die Familie will er aktiv sein und für den Garten ums Haus. Seine Frau Gudrun, die auch in künstlerischen Angelegenheiten seine ständige aktive Begleiterin war, sei nun für die Rosen zuständig und er für die Gänseblümchen. Klassische Musik und ein Glas Rotwein mögen beide. Auch das Laufen in der Natur, wenn nun auch mit Stecken.

Am Freitag 18 Uhr wird anlässlich seines Jubiläums in den Räumen des Bundes Bildender Künstler an der Bärenstraße 4 eine kleine Ausstellung eröffnet. Seine große Ausstellung sind ja die Plätze in der Stadt Plauen selbst, allein zehn Groß- und Kleinplastiken fügen sich im öffentlichen Raum harmonisch in die Umgebung. Am Bekanntesten ist wohl der schreitende Mann am Albertplatz mit den großen Händen, die symbolisch beim Wiederaufbau wichtig waren. An der Karl-Marx-Schule turnen grazil zwei Knaben, in Chrieschwitz steht aus Holz eine Stele und am Nonnenturm schnitt Hannes Schulze aus Chromstahl futuristisch ein junges Paar. Die "Neideiteln" und den "Blumme-August" gestaltete er sehr volksverbunden "Auf alle meine Arbeiten bin ich stolz, egal, was andere dazu sagen. Mein Hauptwerk ist und bleibt die Stele im Rathaus vor dem Sitzungssaal", bekennt er. Gemeint ist seine Auslegung auf Bert Brechts Gedicht: "Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen."

Eines seiner Erstlingswerke sind die musizierenden Kinder an der Engelstraße. Seit 50 Jahren sitzt dort ein anmutig geformtes Mädchen aus Bronze auf einem Sockel und flötet einem Buben ein Lied. Heute zum Achtzigsten sei es ein Solo für ihren bescheidenen Meister.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...