Stadt wirbt für Industrie-Pläne: Oberlosaer wittern Salamitaktik

OB Oberdorfer stellt sich am Samstag den Bürgern. Es knirscht gewaltig. Wie lassen sich alle Interessen unter einen Hut bringen?

Plauen.

Der Termin für die mit Spannung erwartete Einwohnerversammlung in Oberlosa steht. Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP) kommt am Samstag, 11 Uhr, ins Gemeindehaus und bringt vier seiner Fachleute aus dem Rathaus mit. Dort will er sich nicht nur zur Entwicklung des Industriestandortes äußern, der OB appelliert auch an die Kritiker in Oberlosa, Unterlosa und Stöckigt, ihre Skepsis an den Plänen der Stadt fallen zu lassen.

"Wir haben die Planungen zum Industriegebiet vor allem hinsichtlich der Verkehrsführung nach den ursprünglich geäußerten Wünschen und Bedenken der Oberlosaer verändert", betont Oberdorfer. Das Plangebiet sei um rund ein Drittel geschrumpft. Der OB hofft auf Kompromissbereitschaft, denn es gehe um nicht weniger als die Wahrung der Plauener Chancen zur wirtschaftlichen Entwicklung und um Voraussetzungen für neue Jobs.


Der Stadtrat, so ist es geplant, soll drei Tage später die Stellungnahmen zum überarbeiteten Bebauungsplan behandeln. Wer sich auf der Homepage der Stadt über das Bürgerinfoportal zum Punkt "Regionaler Vorsorgestandort ,Ind.- und Gewerbegebiet Plauen-Oberlosa Teil 1'" durchklickt, findet dort indes Antworten auf die Frage: Was treibt die Menschen in Plauens Süden um?

Auf 130 Seiten hat die Stadtverwaltung Einwände der Bürgerschaft tabellarisch aufgelistet und ihre eigenen Stellungnahmen hinzugefügt. In der letzten Spalte steht jeweils das Ergebnis aus Rathaus-Sicht: "Keine Abwägung erforderlich", Anregung teilweise oder insgesamt berücksichtigt. Dazu kommt eine 21-seitige Liste der Stellungnahmen von Behörden, Verbänden, Versorgern und Nachbarorten.

Worum geht es? Insbesondere die Oberlosaer befürchten massive Eingriffe in die Infrastruktur, stärkere Verkehrsbelastungen inklusive Lärm. Es geht um Regenentwässerung, Umweltschutz, Landschaftsbild und letztlich den Dorffrieden. Mancher Unternehmer sei durch die Pläne in seiner Existenz gefährdet.

In ihrer Argumentation wissen die Stadtteil-Bewohner ein fachliches Schwergewicht an ihrer Seite: Der langjährige Behördenleiter aus einer deutschen Metropole ist zugleich Grundeigentümer und Hobby-Landwirt in Unterlosa. In seiner Stellungnahme seziert er auf acht Seiten die Planung und schreibt unter anderem: "Es ist offenkundig, dass man hier einen extrem investorenfreundlichen B-Plan aufstellen möchte." Naturschutzrechtliche Mindeststandards seien nicht erfüllt, der massive Eingriff ins Landschaftsbild entwerte den Wohnstandort - und dabei gehe es um vergleichsweise wenige Arbeitsplätze. Statt die Planung zur Beseitigung städtebaulicher Missstände zu nutzen, attraktive Rad- und Fußwege zu entwickeln und die Busanbindung zu verbessern, drohe vielen Bürgern eine schlechtere Wohnsituation.

Und statt die Menschen einzubeziehen, halte sich die Stadt bedeckt, meint der Fachmann und beschreibt eine klassische Salamitaktik: Für Planungsabschnitt 2a bestehe Baurecht, was als 2b folgt, bleibe bisher unklar, da man sich "im Verfahren" befinde. Für den jetzt gegenständlichen Abschnitt 1 seien keine Aussagen zu Planungszielen für 1a getroffen. Bei der Größe und Bedeutung des Areals "muss aber immer der Gesamtzusammenhang gesehen und geplant und natürlich öffentlich kommuniziert werden", betont er.

Ein Kernproblem, das sich wie ein roter Faden durch die Stellungnahmen der Bürger zieht, ist der künftige Verkehrsfluss. Die Stadt bemüht sich um eine separate Zufahrt in das Industrieareal hinein, das im Zipfel zwischen der Bundesstraße 92 und der Autobahn 72 entstehen soll. Jene Zufahrt würde von der B 92 zwischen der Autobahnabfahrt Plauen-Süd und Oberlosa abzweigen, die dort Teil der Deutschen Alleenstraße ist. Um die Zustimmung vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) zu erhalten, werde die leistungsstarke Direktverbindung zwischen Ober- und Unterlosa (Oberlosaer Weg/Kulmgasse) gekappt, befürchten Betroffene und kündigen Widerstand an.

Die Stadt Plauen versucht das zu entkräften. Der Bereich liege außerhalb des Bebauungsplanes, eine "Abbindung" sei nicht mehr Bestandteil des Verfahrens und werde später in einem separaten Verfahren in Lasuv-Regie behandelt, heißt es aus dem Rathaus.

In einem am Dienstag von Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) unterzeichneten Schreiben an den Plauener Landtagsabgeordneten Frank Heidan (CDU) liest es sich jedoch, als sei alles schon entschieden und hätten die Skeptiker Recht. Für die Zustimmung zur neuen Zufahrt ins Industriegebiet dicht an der A 72-Anschlussstelle Plauen-Süd sei "die gleichzeitige Abbindung" des strittigen Knotens eine "wesentliche Voraussetzung". Dabei beruft sich Dulig auf eine Vereinbarung zwischen Stadt, Kreis, Lasuv und Ministerium vom Mai 2018.

Termin: Einwohnerversammlung zur Entwicklung des Industriegebietes Oberlosa am Samstag, 11 Uhr im Gemeindehaus.

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    1
    Zeitungss
    27.06.2019

    VORSCHLAG: Wer an einem Standort in einem Gewerbegebiet interessiert ist, sollte sich dort ansiedeln wo es vorhanden ist. Arbeitsplätze sind sicherlich in der Plauener Gegend mehr als genug vorhanden, sonst wäre man etwas aufgeschlossener. Erinnert mich etwas an die Energiewende, grünen Strom JA, aber bitte keine Windmühlen und Leitungen und wenn schon, dann NICHT bei mir. So ist er nun einmal, der Eingeborene. Immerhin das wasserwirtschaftliche Gutachten von Tauchsieder liegt bereits vor und damit wäre dieses Projekt eh zum Scheitern verurteilt.

  • 1
    0
    Tauchsieder
    27.06.2019

    Oberlosa wird die Hauptlast dieses Vorhabens tragen, dass steht außer Acht. Aber warum interessiert es scheinbar keine "Sau" aus Taltitz was hier vor geht. Die komplette Entwässerung dieses geplanten Gewerbegebiets erfolgt über den Eiditzlohbach. Dieser entspringt mitten im Gewerbegebiet und schlängelt sich das Tal neben der B 92 runter nach Taltitz. Für das Gewerbegebiet werden ca. 20 ha Fläche versiegelt und das Wasser muss bei Starkregen irgend wohin. Im Jahr 2010 stand Taltitz kurz vor einer Katastrophe, es drohte nach einem Starkregen der Damm des Mühlteichs zu brechen. Alle Unterlieger wären abgesoffen. 2010 gab es aber noch kein Gewerbegebiet, ein Großteil des Regens konnte damals versickern. Dies wird sich aber nach dem Errichten des Gewerbegebietes schlagartig ändern. Auch wird hier völlig ausgeblendet, dass die unterhalb von Taltitz querende A72 ein Abflusshindernis darstellt und somit eine Bundesautobahn betroffen wäre. Der Querschnitt des Durchlass zur Talsperre Pirk ist zu gering um solche Wassermassen zu entwässern. Da kommt auf die in der Nähe dieses Bachs Wohnenden eine in ihren gesamten Konsequenzen noch nicht überschaubare Gefahr zu. Hier möchte man dann nicht in der Haut der Verantwortlichen stecken.



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