Streit um Blitzer-Foto: Wer ist der Mann, der am Handy spielt?

Eine Frau streitet ab, dass der Mann, der telefonierend in ihrem Auto geblitzt wurde, ihr Ehemann ist. Der Schwiegervater nimmt es auf seine Kappe. Doch der Schwindel fliegt auf und landet vor Gericht.

Plauen/Treuen.

Eine Familie aus Treuen soll wegen eines Blitzer- Fotos vor Gericht erscheinen. Eine junge Frau, ihr Ehemann und ihr Schwiegervater. Angeklagt ist die junge Frau, weil sie der Plauener Bußgeldstelle eine Lüge aufgetischt haben soll. Es ging um ein Blitzer- Foto, einen Punkt in Flensburg und 100 Euro Bußgeld.

Michael Rüsing, Strafrichter am Plauener Amtsgericht, zieht nach der Verhandlung seine schwarze Robe aus und sagt: "Bei Bußgeldsachen wird viel gemauschelt." Tatort in diesem Fall ist die Dresdener Straße in Plauen. Dort ist ein junger Mann geblitzt worden, mutmaßlich der Ehemann der jungen Frau. Er fuhr sieben km/h zu schnell und spielte am Handy. Das Telefon hielt er über dem Lenkrad, es klemmte zwischen seinen Händen. Die Blitzer-Säule macht scharfe Fotos und steht seit gut einem Jahr. Kurz nach Inbetriebnahme wurde das Foto geschossen.

Als Halterin des Autos ging der Anhörungsbogen an die Treuenerin. Sie gab an, der Fahrer sei ihr Schwiegervater. Die Bußgeldbehörde prüfte die Angaben und entdeckte Ungereimtheiten: Das Blitzer-Foto zeigt klar und deutlich einen jungen Mann mit Glatze, der Schwiegervater trägt volles Haar und ist deutlich älter als der Mann auf dem Foto. "Auf dem Bild ist gut zu erkennen, dass es nicht der Schwiegervater sein kann", sagt Michael Rüsing.

Die Bußgeldbehörde erstattete Anzeige gegen die Halterin wegen falscher Verdächtigung. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt davon, dass ihr Ehemann am Steuer saß. Dessen Vater soll als Sündenbock die Schuld auf seine Kappe genommen haben, weil er selbst keine Punkte in Flensburg hat - im Gegensatz zu seinem Sohn. Klar erscheint der Fall auch für das Gericht. Michael Rüsing erließ einen Strafbefehl, denn er bezweifelt den Vorwurf nicht. Falsche Verdächtigung gilt als Straftat. Die Frau sollte 2100 Euro zahlen. Das entspricht 70 Tagessätzen zu je 30 Euro. Das Motiv erklärt Rüsing so: "Man schiebt jemandem etwas rein, dem es nicht so weh tut."

Die Halterin legte Einspruch gegen den Strafbefehl ein und wurde zusammen mit Zeugen zur Hauptverhandlung eingeladen. Aber keines der Familienmitglieder erschien. Die Treuenerin schickte ein Attest, ausgestellt von einer Psychologin. Sie sei nicht in der Lage, an einer Hauptverhandlung teilzunehmen. Ihr Schwiegervater ließ dem Gericht die Information zukommen, dass er einen Arzttermin habe. Und der Ehemann, der mutmaßliche Fahrer, nahm den Einspruch gegen das Bußgeld zurück, das ihm inzwischen auferlegt wurde. Nur der Rechtsanwalt der Halterin saß im Saal 260 des Amtsgerichts auf einem der grünen Polsterstühle. Er habe sich mit seiner Mandantin treffen wollen, aber stattdessen habe ihn ein Bericht der Psychologin erreicht. "Ein verwirrendes Spiel", sagt Rüsing. "Psychologen sind mitfühlende Menschen." Das Verfahren stellte er vorläufig ein. Bis Mitte Oktober soll die Frau ihm mitteilen, wann sie wieder verhandlungsfähig sei.

Staatsanwältin Brigitte Gaida überlegt, die Amtsärztin einzuschalten, damit der Fall nicht verjährt.

Die Plauener Bußgeldstelle hat nach Angaben von Fachgebietsleiterin Alexandra Wölfel in diesem Jahr nur einen Fall zur Anzeige gebracht. Richter Michael Rüsing geht dennoch von einer hohen Dunkelziffer aus. Denn wer richtig schummelt, ist nicht zu fassen. Der Strohmann fasst die Punkte ab, die Strafe wird bezahlt, die Sache ist erledigt. Ein schlechtes Gewissen plagt die wenigsten, wenn es ihnen gelingt, dem Ordnungsamt ein Schnippchen zu schlagen.

Bewertung des Artikels: Ø 4.7 Sterne bei 9 Bewertungen
5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    2
    Bär53
    01.10.2019

    Eine Freisprechanlage sollte Standard sein und hätte bei Neuwagen vom Gesetzgeber auch schon vor Jahren gefordert werden müssen.

    Na ja, die Trickserei. Viele werden sicher auf die eine oder andere Masche versuchen, sich ihrer Strafe zu entziehen. Ist halt so. In diesem Fall war es wahrscheinlich doch etwas zu plump und der zuständige Bearbeiter im OA hatte ein gutes Auge.

  • 7
    8
    Zeitungss
    20.09.2019

    @Juri: Sie haben meinen Beitrag grundsätzlich nicht verstanden, dafür haben andere Leser es. Mit Technik, welche manche Vorgänge vereinfachen, wie Freisprecheinrichtungen oder auch Blinker, haben Sie nichts am Hut. Nun gut, auch diese Meinung muss man akzeptieren. Was den Autokauf betrifft, Deutschland kann bekanntlich nur Auto, ein Blick in die Wirtschaftsnachrichten lässt böses erahnen.
    Satire k a n n, muss man aber nicht verstehen, Bürokratendeutsch versteht auch nicht jeder.

  • 12
    13
    Juri
    20.09.2019

    Zeitungss, was ist denn das für eine Haltung oder hab ich Sie total falsch verstanden? Sollte es Satire sein, dann entschuldigen Sie, ist es nicht die meine.

    Niemand braucht eine Freisprecheinrichtung, wenn er einfach zum Telefonieren mal anhält.
    Keiner kauft ein Auto, weil er den Standort Deutschland erhalten will. Ein Auto kaufen die Bürger, weil sie eins brauchen oder eins haben möchten und wenn Sie meinen die Politik lügt, dann ist das noch lange kein Grund auch zu lügen.

  • 17
    7
    Zeitungss
    20.09.2019

    Eine Freisprecheinrichtung ist heute ein unerschwingliches Bauteil, wie es bei Blinkern auch schon der Fall ist. Auf diese Gegebenheiten sollte eine Behörde schon einmal Rücksicht nehmen. Kauft man schon ein teueres Fahrzeug, um den Standort Deutschland zu erhalten, sollte man sich hier erkenntlich zeigen und nicht noch zusätzliche Ausrüstungen verlangen.
    Wer auch immer gelogen hat, in der Politik ist es auch keine Seltenheit, wird dort allerdings nicht verfolgt.

  • 36
    5
    cn3boj00
    20.09.2019

    In anderen Ländern gäbe es für so etwas Gefängnis. Als die Frau die Behörden belogen hat hatte sie keine psychischen Skrupel. Und gegen Handys am Steuer muss endlich viel energischer vorgegangen werden.



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