Suppenhuhn ebnet Weg zur Hochzeit

Kamilla und Werner Richter aus Kleingera feiern am Dienstag ihre Gnadenhochzeit. Die Heirat vor 70 Jahren war keine Selbstverständlichkeit.

Kleingera.

Zum Kirmestanz 1948 hatten sie sich in Liddy Bauers Gasthof in Brockau kennen gelernt und sofort ineinander verliebt. Am 3. Dezember 1949 heirateten sie. Kamilla, damals noch minderjährig, brauchte nicht nur die Genehmigung ihrer Eltern, sondern eine amtliche, um heiraten zu dürfen.

Wenn sich Werner Richter heute daran erinnert, wie er vor sieben Jahrzehnten in einer Plauener Amtsstube stand, in der Aktentasche ein gerupftes Huhn, muss er immer wieder schmunzeln. Sein Schwiegervater hatte ihm als überzeugendes Argument in den von Hunger geprägten Nachkriegsjahren ein Huhn für den Beamten mitgegeben, um dessen Wohlwollen sicher zu stellen. "Jung und unerfahren wie ich war, wusste ich absolut nicht, wohin mit dem toten Vogel", sagt Werner Richter. "Der Beamte hat mein Unbehagen wohl bemerkt, stillschweigend einen Schreibtischkasten aufgezogen, in den ich dann - verstohlen und zutiefst verschämt - das Huhn habe gleiten lassen." Kamilla und Werner Richter durften heiraten.

Im Februar 1950 wurde Sohn Joachim geboren, Tochter Gabriele zwei Jahre später. Mittlerweile freut sich das Paar nicht nur an den Kindern und drei Enkelkindern, sondern auch an den sechs Urenkeln, die die Richters auf Trab und damit auch jung erhalten haben. "Ich bete jeden Tag dafür, dass wir unser erstes Ururenkel noch kennen lernen dürfen, das im Februar geboren werden soll", sagt Kamilla Richter.

Genau wie der 90. Geburtstag von Werner Richter vor wenigen Monaten soll auch die Gnadenhochzeit im Familienkreis groß gefeiert werden - allerdings erst am Freitag im Gasthof Buchwald.

Jahrzehnte lang lebte das Paar mit seinen Kindern im einstigen Herrenhaus des Rittergutes Kleingera. "Wir haben immer sehr bedauert, dass die Stadt Elsterberg nach der Eingemeindung 1994 im Gegensatz zur Gemeinde Kleingera nichts in die Erhaltung der Bausubstanz investierte", sagt Werner Richter. Ihm und seiner Frau blutet das Herz angesichts des heruntergekommenen Eindrucks, den das weitestgehend leer stehende Haus heute vermittelt. 1954 hatte das Herrenhaus abgerissen werden sollen, da dieses Zeugnis bourgeoisen Lebens unter der SED-Diktatur nicht geduldet werden sollte. "Damals intervenierten der Kleingeraer Bürgermeister, unterstützt von den Einwohnern, dass im Ort Wohnungen fehlten. Zwölf wurden im einstigen Herrenhaus geschaffen. Wir hatten das Glück, eine davon zu bekommen und dort unsere Kinder groß ziehen zu dürfen. Es war eine schöne Zeit." (ela)

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