Test-Anzug in Plauen lässt Menschen um 40 Jahre altern

"Gert" verwandelt einige Mittdreißiger mal eben in fast 80-Jährige. In der Simulations-Kluft spüren Pflegekräfte nach, was ihre Patienten fühlen. Die profitieren davon.

Plauen.

Bloß gut, dass die Kaffeetasse leer ist. Sie mit einer gut drei Kilo schweren Manschette ums Handgelenk an den Mund zu führen, ohne zu kleckern, gerät auf einmal zum Kunststück. Schuhe zubinden ebenso. Und dass der Treppenlift den plötzlich gut 30 Kilo schwereren Körper die Stufen hochfährt, ist eine echte Erleichterung. "Ich weiß jetzt, wieso alte Menschen oft beim Laufen nach dem nächsten Halt tasten: aus Angst, hinzufallen", staunt Conny Taut.

Gerade eben war sie Anfang 70. Nachdem sie den schweren Anzug namens "Gert" ausgezogen sowie getönte Brille und dicke Kopfhörer abgesetzt hat, steht wieder die 33-jährige und sehr bewegliche Inhaberin eines Pflegeunternehmens in der Servicestelle für alters- und pflegegerechtes Wohnen an der Plauener Forststraße 35. Im Nebenraum der Musterwohnung, die vom Seniorentelefon über einen Badewannenlifter bis hin zu motorbetriebenen Fensteröffnern alles bietet, was im Alter den Alltag erleichtert, deckt Susan Sorgalla (eigentlich 36) mit vorsichtigen Bewegungen als fast 80-Jährige den Tisch. "Ich hole mal den Grauen Star", sagt Pflegekollege Gary Kolnisko und tauscht ihre Brille aus. "Puh", macht Sorgalla und stößt beinahe mit der Nasenspitze an die Teetasse. "Damit muss man ja richtig nah rangehen."


So wie Sorgalla könnte es in gut zehn Jahren noch mehr Vogtländern als heute sowieso schon gehen: Knapp zwölf Prozent werden dann 80 Jahre und älter sein. Das hat das Statistische Landesamt in Kamenz vorausberechnet. Auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter kommen im Landkreis dann 77 Personen, die 65 Jahre und mehr auf dem Buckel haben. Heute sind es 57. Bereits jetzt steigt die Nachfrage nach "Gert"-Tests - und nach altersgerecht umgebautem Wohnraum, wie Silke Böhm vom Pflegenetzwerk erzählt. Die Servicestelle an der Forststraße hat vor einem Jahr eröffnet. "Mit so einer großen Resonanz haben wir aber nicht gerechnet", sagt Böhms Kollegin Silke Schwabe. Pflegefachkräfte, Schüler, Arbeitslose, Flüchtlinge: Fast jede Woche macht sich eine neue Gruppe aus dem Vogtlandkreis bei ihnen schlau. Am häufigsten, so Böhm, erkundigen sich Menschen bei ihnen nach dem Umbau von Badezimmern - wie es auch eines in der Beispielwohnung gibt.

Dort steigt inzwischen eine weitere Altenpflegefachkraft in voller "Gert"-Montur in die Badewanne. "Ich bin fix und fertig", gibt sie zu, als sie es mithilfe von Kolleginnen wieder hinausgeschafft hat. Haben die Tester zwischendurch auch gelacht und sich gegenseitig aufgezogen: Es ist ein Lachen, das mitunter im Hals stecken bleibt. Oder Beklemmungen verscheucht. Die meisten waren nur für gut zehn Minuten um die 80 Jahre alt. "Doch ein Senior hat 24 Stunden am Tag dieses Erleben", macht Böhm klar.

Conny Taut will nun darauf achten, dass die Menschen, die sie betreut, mehr Möglichkeiten zum Festhalten bekommen. Und Susan Sorgalla sagt: " "Man weiß aus Erzählungen von Einschränkungen. Aber jetzt habe ich es auch empfunden." Für sie hat "Gert" viel verändert.

Sprechzeiten der Servicestelle zum alters- und pflegegerechten Wohnen an der Plauener Forststraße 35: Dienstags von 9-12 und 13-16 Uhr, donnerstags 9-12 und 13-18 Uhr sowie nach Vereinbarung. www.pflegenetz-vogtland.de

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