Unser Dorf hat Sorgen

Wie tickt ein Ort, der die geringste Kriminalitätsbelastung der Region hat - und gleichzeitig das höchste Ergebnis für die AfD zur Europawahl im Vogtland einfährt? Ein Besuch.

Theuma.

Die Mittagssonne brennt an jenem Junitag in Theuma. Lothar Schwenkbier wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er zimmert an einem Zaun für das Außengelände seiner Hühner. Die hat der Theumaer seit sechs Wochen. Schön sollen sie es haben. Die Arbeit mit den Tieren, sie entspannt ihn, sagt der 62-Jährige. Vor knapp zwei Jahren trat Schwenkbier nach drei Jahren als Ortschef zurück, aus gesundheitlichen Gründen. "Als Bürgermeister brauchst du hier ein dickes Fell", sagt er. "So viel man auch erklärt, Zeit aufbringt für Beratungen in Gemeinderatssitzungen. Am Ende hat immer irgendeiner was zu meckern. Das hat mich aufgerieben."

Theuma liegt in zentraler Lage des Vogtlands. Etwas mehr als 1000 Einwohner leben im Ort. Mehr als die Hälfte ist 50 Jahre und älter, nur 50 sind zwischen 18 und 29 Jahre alt. Ausländer gibt es im Dorf nicht. In der Agrargenossenschaft soll demnächst ein Flüchtling anfangen. Es wäre der erste.


Zur Europawahl erreichte die AfD in Theuma mit 35 Prozent vogtlandweit ihr Spitzenergebnis. Zur Kreistagswahl setzte jeder vierte Wähler im Ort bei den Rechtspopulisten sein Kreuz. Es ist die Kommune, in der laut Daten des Statistischen Landesamtes die höchsten Pro-Kopf-Einkünfte des Vogtlands erreicht werden, durchschnittlich fast 36.900 Euro. Theuma ist aktuell auch die Gemeinde mit der geringsten Kriminalitätsbelastung im Zuständigkeitsbereich der Polizei Zwickau. Krimitage gibt es im Dorf nur im Küchenstudio - als Lesung. Graffiti waren vor Jahren ein Problem. Es soll auch mal ein Fahrrad weggekommen sein. Ob es wirklich geklaut wurde, kann der amtierende Bürgermeister Ulrich Sörgel gar nicht sagen. "Theuma hat als Dorf den Wandel nach der Wende erfolgreich bewältigt. Die Infrastruktur ist gut, wir sind topp versorgt", sagt der 64-Jährige. Hausarzt, Zahnarzt, Kindergarten, Grundschule, Einkaufsmarkt - alles ist vorhanden. Seit die Sparkasse ihre Filiale schloss, rollt der Zasterlaster ins Dorf. Ein Wermutstropfen, aber für die meisten kein Problem. "Das Wahlergebnis lässt sich nicht nachvollziehen, es überrascht mich aber auch nicht." Viele sehen es als eine Protestwahl, meint der Bürgermeister, der mal Lehrer war. Zu viele würden vergessen, was in den vergangenen 30 Jahren geschaffen wurde - auch in Theuma. Sörgel ist langjähriges SPD-Mitglied, tritt im Dorf aber ohne Parteibuch auf. Beim Mitgliedervotum stimmte er voriges Jahr für die Neuauflage der großen Koalition. "Mir geht es darum, dass wir konstruktiv voran kommen", erklärt er. Das wünscht er sich auch für sein Heimatdorf. Sörgel ist guter Dinge. Dabei ist er gerade erst gescheitert.

Als Enklave, als gallisches Dorf wird Theuma gern bezeichnet. Auch, weil sich der Ort kurz vorm Vertragsabschluss doch gegen den Zusammenschluss mit der Nachbargemeinde Tirpersdorf entschied. Deimisch und frei. Sörgel war angetreten, den Übergang zu begleiten. Ein Jahr hatte er sich dafür Zeit gegeben. Jetzt ist ein neuer Gemeinderat gewählt, mit Feuerwehr und der "Initiative für Theuma" als stärksten Kräften. Sörgel bleibt Ortschef. Initiativen Richtung Nachbarn, sie sind vom Tisch. Doch am Gemeindeamt bröckelt die Fassade. Das Dorf hat Schulden. Pro Einwohner gerechnet liegt die Last bei etwa 600 Euro. Tirpersdorf ist beinahe schuldenfrei. "Politisch wird uns das Land nicht zum Zusammenschluss zwingen", sagt Sörgel. Dieses Signal erhielt er bei einem Gespräch mit Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Ob er das für gut oder schlecht hält, lässt Ulrich Sörgel offen. In ein paar Jahren will Theuma einen neuen Kindergarten bauen. Der Sportplatz wartet seit der Wende auf eine Sanierung. "Es wird sich zeigen, ob das Geld dafür irgendwann doch noch reicht."

Der Ortskern schmiegt sich um einen Park mit Kriegerdenkmal. Am Maibaum wehen bunte Bänder. ARD-Kameras filmten vorigen Sommer die Dorfidylle vor der 750-Jahr-Feier. "Unser Dorf hat Wochenende" hieß die Sendung. Einwohner bezeichnen ihre Siedlung liebevoll als "unnor Deime". Fassaden vieler Privathäuser sind saniert, Rasen gestutzt. Im zum schönsten historischen Haus gekürten Gebäude wohnt der Ortschronist. Zu- und Wegzüge hielten sich vor zwei Jahren die Waage. Heute erhält das Dorf Anfragen von jungen Familien auf der Suche nach Alternativen zu den steigenden Grundstückspreisen in der nahen Stadt Plauen. Vier Einfamilienhäuser entstehen an der Stelle, wo vor einem Jahr noch das Landhotel "Zum Anker" stand. Vor fünf Jahren hatte sich die rechtsextreme NPD dort eingemietet. Der Protest war groß. Die Theumaer wehrten sich. Inzwischen ist das Gebäude abgerissen. Es war ihr Tanzlokal, ihr Herz. Es tat weh. Nun wächst an der Stelle ein Baum.

Das Herz des Ortes schlägt heute direkt neben dem Gemeindeamt, im Dorfladen "Bauernmarkt", den die Agrargenossenschaft betreibt, mit Fleisch und Wurst von eigenen Tieren. Handwerker aus Plauen und Oelsnitz parken vor der Tür. Drinnen gibt es ein breites Sortiment, von Putzmitteln über Zuckertüten bis zur Schokolade mit D-Mark-Aufdruck. Über der Fleischtheke hängen Zertifikate für saftigen Schinken. 60 Portionen Gulasch gingen an jenem Dienstag raus. Zur Mittagsstunde gibt es nur noch Soljanka und Gemüseeintopf.

Auch Altbürgermeister Lothar Schwenkbier macht an seinem Hühnerzaun eine Pause. Dass es keine Kriminalität im Ort gibt, heißt noch lange nicht, dass alles in Ordnung ist, sagt er und stützt sich an einen Baum im Schatten. So viele Versprechungen habe es nach der Wende gegeben. So viel sei kaputt gegangen. Firmen, Arbeitsplätze, Lebensläufe. "Was wirklich kaputt gegangen ist, ist der Zusammenhalt", sagt Schwenkbier. "Der war hier im Dorf echt." Heute sei das anders.

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