Vogtländer singt auf den Bühnen der Welt

Mauerfall 89: Bassbariton Martin Häßler aus Weischlitz gehört zu der Generation, die von der deutschen Teilung nicht mehr betroffen war. Hat das Thema sein Leben dennoch geprägt?

Plauen/Weischlitz.

Manchmal hieß es, einer war von "drüben" und der andere einer von "uns". Im Gartenhaus der Großeltern hingen einige Fotografien der Alpen. "Sehnsuchtsorte meines 1928 geborenen Großvaters", sagt Martin Häßler. Sonst spielten die Mauer und ihr Fall in seiner Kindheit keine große Rolle. "Für meinen Jahrgang" - er kam 1989 auf die Welt - "war es bereits zur Normalität geworden, dass wir nun fast jeden Sommerurlaub im Berchtesgadener Land oder noch weiter im Süden verbrachten."

Martin Häßler gehört zur Generation Mauerfall, wenn man sie so nennen will, junge Menschen um die 30, aufgewachsen in einer Zeit nach der Wiedervereinigung, die ebenso geprägt war von Hoffnungen und neuer Freiheit wie von Arbeitslosigkeit und industriellem Niedergang. Mit ihm hat es das Schicksal gut gemeint. "Immer wieder waren es Begegnungen mit Leuten, die an mein Talent und Können glaubten und mich zu fördern und zu fordern wussten. Beginnend bei meiner Musiklehrerin am Gymnasium, Dirigenten von Chören, ein Pianist, der mir den Weg zum Studium nach London ebnete", zählt er auf. Denn heute ist Martin Häßler auf den Bühnen der Welt zu Hause. Aufgewachsen in Weischlitz, besuchte er ein Gymnasium in Plauen, studierte in Leipzig und später in London Operngesang. "Nach zehn Jahren in Großbritannien lebe ich nun wieder in Leipzig." Dort gastiert er an der Oper, außerdem singt er diese Spielzeit in Mailand, Barcelona, London, Oxford, Lyon und Parma. Ab September 2020 wird er dem Ensemble der Wiener Staatsoper angehören - "zweifelsohne ein Kindheitstraum für jeden Opernsänger".

Ohne Mauerfall, sagt er, wäre er vielleicht auch Sänger geworden. "Ich hätte wahrscheinlich einen geregelten Arbeitsplatz in einem der zahlreichen Theater von Plauen bis Rostock gefunden. Die DDR-Kulturlandschaft war sicher eine der größten Errungenschaften staatlicher Subventionierung. Den kulturellen Horizont hingegen, ein Leben in London sowie regelmäßige Konzerte und Produktionen im europäischen Ausland hätte ich in der ehemaligen DDR wohl missen müssen."

Und so ist Reisefreiheit für ihn existenziell. Auch mental. "Toleranz und Verständnis für andere kann man nur in Kontakt mit dem Unbekannten und dem auch teilweise Überfordernden erlangen", sagt Martin Häßler. "Meine Lehr- und Wanderjahre in London waren dafür die beste Schule." Entsprechend gelte es, Freiheit auf allen Ebenen zu verteidigen. Große Errungenschaften würden schnell als gegeben hingenommen, ihre Existenz aufgrund ihrer Unvollkommenheit in Frage gestellt. "Das Ergebnis sind Bewegungen wie Brexit oder strategisches Protestwählen. Mit dieser Antipolitik werden die Gräben nur tiefer und Lösungen ein immer ferneres Gut." Die Wahlergebnisse der vergangenen Monate seien erschreckend. "Das einzig Gute daran: Dass wir wieder darüber nachdenken, wie wir noch besser zusammenwachsen können." Nun komme es auf seine Generation an. "Dann könnte Deutschland in 30 Jahren grüner, gerechter und frei von faschistischem und nationalistischem Gedankengut" sein. Er selbst hegt Pläne für ein eigenes Festival. "Ich würde damit gerne so viele Ohren wie möglich für die in Sachsen etwas zu kurz gerate Gattung des Kunstliedes öffnen." Auch dirigieren würde er gern. Häßler: "Peter Schreier hat das im Zenit seiner Karriere sehr gut vorgemacht, das reizt mich ungemein!"

Zum Special: 30 Jahre nach dem Mauerfall

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