Vogtländerin spricht über den tragischen Tod ihres Sohnes

Wenn ein Mensch Suizid begangen hat, wird das oft moralisch verurteilt. Eine hinterbliebene Mutter wirbt jetzt für Verständnis.

Plauen.

Alle 52 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben - rund 10.000 Personen im Jahr. "Das sind drei Mal so viele wie Verkehrs- oder Drogentote zusammen", sagt die Vogtländerin Kathrin Blume. Ihr Sohn hat sich vor drei Jahren das Leben genommen.

Kathrin Blume hat im wahren Leben einen anderen Namen. In die Öffentlichkeit zu gehen und vom Schicksal Hinterbliebener zu berichten, fällt der Vogtländerin schwer. Dennoch will sie das Tabu brechen. Ihre Geschichte soll als Beispiel dienen. "Schon über das Thema Tod darf man kaum reden, aber Selbstmord ist absolut nicht gesellschaftsfähig", sagt die 48-Jährige, die in der Selbsthilfegruppe Angehörige um Suizid (Agus) aktiv ist. Sie will aufklären, auch über die Krankheit Depression, unter der ihr Sohn litt und die zu dem führte, was er getan hat.

Was der damals 19-jährige Schüler tat: Er sprang nachts von einer Brücke. Schuld und Ungewissheit lasteten nach dem Suizid auf der Mutter, sie begann zu recherchieren. "Ich wollte herausfinden, was mein Kind derart schrecklich umgetrieben hat", sagt Blume. Sie hatte die Depression und deren Auswirkungen unterschätzt. Die Krankheit und der daraus resultierende Suizid würden zu 70 Prozent Männer betreffen. Zwar seien die Taten aufgrund von Medikamenten und Öffentlichkeitsarbeit rückläufig, doch moralisch verurteilt werde dennoch, wer freiwillig aus dem Leben scheidet. "Das ist tief in unserer Kultur verwurzelt", hat Blume erfahren. Aber es beginne ein Umdenken, auch innerhalb der Kirche. "So hatten wir einen einfühlsamen Pfarrer, der für uns da war", erinnert sie.

Nichts sei so wichtig, wie Menschen, die in den dunklen Stunden zuhören oder miteinander schweigen, die einkaufen oder kochen. "Dazu wäre ich nicht fähig gewesen", sagt die Mutter. Denn wer nach einem Freitod zurückbleibt, ist vor allem psychisch am Ende, stellt sich bohrende Fragen: "Warum habe ich nichts gemerkt? Wieso konnte ich mich mit meinen Ängsten nicht so verständlich machen, dass das Schlimmste hätte verhindert werden können?" Mithilfe einer Psychologin findet Kathrin Blume manchmal Antworten. Oft jedoch helfe nichts. "Dann ist mein Schmerz so groß, dass ich denke, ich falle um."

Der Sohn sei ein fröhliches und intelligentes Kind gewesen. Er wollte Erfinder werden. Jedoch angepasst, das war er wohl nicht. Später, so schätzt die Mutter ein, habe er ein Autoritätsproblem gehabt - nicht untypisch in der Pubertät und trotzdem derart besonders bei ihm, dass er nicht mehr habe leben wollen. Vorausgegangen war eine Odyssee - gleichermaßen für den Jungen und für die Familie: Schulangst, Rückzug vom sozialen Leben, dauernder Kopfschmerz, Krankschreibungen, Fehleinschätzung von Ärzten, Flucht in PC-Spiele, Trennung der Eltern. "Wir haben ihn einfach nicht mehr erreicht", sagt Blume rückblickend. Allenfalls die Schwester hatte noch einen Draht zu dem jungen Mann. Sie sei immer für den Sohn da gewesen, sagt die Frau heute. "Aber ich habe ihn wohl zu oft gerettet", gibt sie selbstkritisch zu.

Zu viel gearbeitet, das habe sie ebenfalls - da ist es wieder, das Thema Schuld. In der Reichenbacher Selbsthilfegruppe, der Blume angehört, versucht man, es aufzuarbeiten. In den Gesprächen habe Blume erkannt: Die professionelle Hilfe, die ihr Sohn brauchte, hätte er zulassen müssen.

Wie geht es der Familie heute? "Das Weiterleben ist schwer, wir leben mit dem Bewusstsein, wir haben versagt", sagt Blume. Es mache nur wenig Freude. Sie möchte daran glauben, dass die Zeit alle Wunden heilt. Doch ihre Realität ist: "Die Traurigkeit geht nie weg."

Laut Statistik nehmen sich in Sachsen um die 600 Frauen und Männer jährlich das Leben, im Vogtland beläuft sich die Zahl auf etwa 40, darunter auch Kinder und Jugendliche. www.agus-selbsthilfe.de

Gedenken: Am Sonntag wird um 14 Uhr am Spielplatz im Stadtpark ein Baum der Erinnerung gepflanzt, eine Sommerlinde. Um 16 Uhr findet in den Räumen der Agentur Unico am Plauener Johanniskirchplatz ein Vortrag mit Mario Dieringer zum Umgang mit Suizid statt.

Hilfe Im Notfall: Für scheinbar ausweglose Situationen gibt es Hilfe, etwa bei der Telefonseelsorge. Die kostenlosen Notfallnummern der Telefonseelsorge lauten: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Zudem gibt es die Seelsorge-Hotline 116 123. www.telefonseelsorge.de

Bewertung des Artikels: Ø 4.4 Sterne bei 7 Bewertungen
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...