Von Äpfeln und Birnen und der Strombörse

Keine Halbierung, aber eine Senkung der Energiekosten hat der Vogtlandkreis erreicht. Lieferanten sahen sich nach einer Veröffentlichung einem Verdacht ausgesetzt.

Plauen.

Der Energiebeauftragte des Vogtlandkreises steht momentan sozusagen ständig unter Strom. Uwe Hergert muss die Strombörse im Blick haben und in den nächsten Wochen einen Tag mit möglichst niedrigem Strompreis finden, dann rasch seinen Vorgesetzten eine Empfehlung geben und - wenn er grünes Licht bekommt - letztlich an der Strombörse zuschlagen. Theoretisch kann Hergert bis Jahresende warten, praktisch ist das Strompreis-Tief an der Börse Ende August oder Anfang September zu erwarten. "Das ist schon eine gewisse Anspannung", sagt der Energiefachmann aus der Kreisbehörde.

Das Landratsamt mit all seinen Einrichtungen, das kreiseigene Klinikum Rodewisch und der Zweckverband Talsperre Pöhl haben für 2020/21 erstmals gemeinsam ausgeschrieben. 2018 hatten sie zusammen 5,4 Millionen Kilowattstunden Strom verbraucht und 1,24 Millionen Euro bezahlt. Der Kreistag vergab nach europaweiter Ausschreibung den Auftrag für eine gleichgroße Energielieferung an Eins Energie in Sachsen für 567.000 Euro. Nach den im Kreistagsbeschluss vorgelegten Zahlen klang es nach einer enormen Einsparung, praktisch einer Halbierung des Preises.

"Schön wär's", sagt Uwe Hergert, "doch so ist es nicht." Die ausgeschriebene Leistung beinhaltet die reine Stromlieferung ohne all die Aufschläge, die in Deutschland den Strompreis belasten und unübersichtlich machen: EEG-Umlage, Stromsteuer, Konzessionsabgabe, Offshore-Umlage und die sogenannte Paragraf 19-Umlage. Zusätzlich muss der Kreis noch zum bestmöglichen Zeitraum den Preis an der Börse festmachen. Ein kompliziertes Prozedere, die Höhe der Einsparungen ist daher vorerst ungewiss.

In den Kreistagsunterlagen wurden indes Äpfel mit Birnen verglichen. Sie enthielten die bisherigen Gesamtkosten für Strom. Im Anhang zur Ausschreibung wurden indes nur Teilsummen des Strom-Gesamtpakets 2020/21 dargestellt. Die Lieferanten gerieten, als durch einen Beitrag der "Freien Presse" die vermeintliche Halbierung des Preises öffentlich wurde, in Verdacht, dem Landkreis Sonderkonditionen einzuräumen und Kosten an andere abzudrücken. Hergert: "Das ist nicht der Fall. Der Landkreis arbeitet mit den gleichen Bedingungen wie alle anderen Kunden."

Ende gut - alles gut? Nicht ganz. Hergerts Vorgesetzte haben eine "Richtigstellung" an die "Freie Presse" nachgereicht. Die enthält im Wesentlichen die gleichen Aussagen: Im Kreistag seien nur Börsenstrompreis und Versorger ausgeschrieben worden, nicht die anderen Preisbestandteile, die 80 Prozent der Summe ausmachen und nicht beeinflussbar seien. "Dies wurde so auch in der Kreistagssitzung kommuniziert", heißt es fettgedruckt in der "Richtigstellung" von Uwe Heinl, Pressesprecher des Landratsamtes.

Die bisher vom Klinikum und vom Kreis gezahlten Preise seien auch deshalb nicht vergleichbar, weil Rodewisch als Großabnehmer Sonderkonditionen erhalten habe, der Kreis mit seinen 165 Lieferstellen hingegen nicht. Näher begründet wird das nicht. Was Heinl ebenfalls nicht erwähnt: Nach Ausfall der April-Sitzung des Kreistages wurde die fünfstündige Tagung im Juni überfrachtet. Komplexe Themen wie die Stromausschreibung wurden nur knapp behandelt. Text-Vorlage und Vergabeempfehlung eines Fachbüros allein vermittelten unterm Strich ein schiefes Bild.

Erfolge gibt es dennoch: "Wir haben bereits von 2017 auf 2018 die Kosten für Wasser, Gas und Strom um 88.000 Euro gesenkt", berichtet der Energiebeauftragte. Er bleibe ständig am Ball. Hausmeister werden geschult, Zählerstände ausgewertet, kostspielige Schwachstellen ausgemerzt. Im Behördenneubau funktioniere das dank moderner Prozessüberwachung bereits sehr gut. Künftig will der Kreis weniger Energie kaufen und mehr auf Wärmepumpen und Fotovoltaik setzen.

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