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Während Plauen zerbombt wird, bleiben Nachbarstädte verschont

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Am 26. März 1945 erlebte Plauen einen weiteren schweren Bombenangriff. Der Tag steht aber auch für die Wiedergeburt der vogtländischen Teppichstadt Oelsnitz. Sie war nur knapp einer Katastrophe entgangen.

Plauen/Oelsnitz.

Die Operationsplanung der 8. USAAF wies die Stadt Oelsnitz im Rahmen ihrer Mission 915 als Gelegenheitsziel aus, das unter bestimmten Voraussetzungen von 12 B-17 "Flying Fortress" Bombern mit 36 Tonnen Sprengbomben angegriffen werden sollte. Der Zufall wollte es, dass am 26. März 1945 über Plauen im wahrsten Sinne des Wortes "Bombenwetter" herrschte. Hervorragende Bodensicht erlaubte den Piloten erfolgversprechend zu bombardieren. Der allergrößte Teil der mitgeführten Bomben gelangte deshalb über dem primären Zielgebiet - vor allem über den Werksanlagen der Vogtländischen Maschinenfabrik AG - zum Abwurf.

Die zum zweiten Angriffsverband gehörende 12. Staffel griff zwei andere Ziele versehentlich an, da sie diese für Plauen, das Primärziel, hielt. Obwohl der Fehler vor den ersten Abwürfen erkannt wurde, wurden Bomben am Ende des zweiten Sichtanflugs auf eine Stadt geworfen, die - hinterher - als Oelsnitz identifiziert wurde. Die bis heute nicht sicher lokalisierbaren Abwürfe von bis zu 72 Sprengbomben gelten als Versuch, ein Gelegenheitsziel wenigstens symbolisch mit Bomben zu bedenken. Größere Schäden sind indes nicht bekannt.

Über die genauen Gründe für die Wahl der Kleinstadt als Gelegenheitsziel kann bis heute nur spekuliert werden. In einem Dokument der alliierten Aufklärung vom 8. Januar 1945 ist lediglich von vermuteter, nicht näher bezeichneter Teilefertigung für die metallurgische Industrie in Plauen die Rede. Es belegt außerdem die Verwechslung der Teppichstadt mit der Bergbaustadt Oelsnitz im Erzgebirge. Allein die Tatsache der Existenz mehrerer aus der Luft gut sichtbarer, größerer Fabrikkomplexe machte die Stadt jedoch per se zumindest zum Gelegenheitsziel für Bomber. Trotz den von Zeitzeugen belegten Aktivitäten mutmaßlicher Agenten war es der alliierten Aufklärung offensichtlich verborgen geblieben, dass in zahlreichen Hallen der Fabrik von Koch & te Kock auch bei der Tefzet AG keine Teppiche mehr gewebt, sondern militärische Güter und seit Ende 1943 zusätzlich Tragflächensätze für verschiedene Flugzeugmuster, darunter auch für den bis zuletzt gefürchteten Strahljäger Me 262 gefertigt wurden. Eine Kenntnis insbesondere dessen und die allgemein hohe Zielpriorität von Fertigungsstätten besonders sensibler Teile für den militärischen Flugzeugbau hätten gegebenenfalls massive Attacken nach sich ziehen können, die geeignet gewesen wären, auch die Vogtlandstadt Oelsnitz in Trümmer zu legen. Eger musste - wie andere bekannte Endmontage-Standorte - aus den genannten Gründen genau dieses Schicksal erfahren.

Im Zusammenhang mit der durch die Bombenangriffe der Alliierten erzwungenen Dezentralisierung der deutschen Luftfahrtindustrie hatte sich Oelsnitz seit 1943 zu einem wichtigen Verlagerungsstandort entwickelt. Die Ernst Heinkel Flugzeugwerke Rostock errichteten in angemieteten Räumen der Firma Koch & te Kock ein Zweigwerk zur Fertigung von Flugzeug-Großkomponenten, das bis in den April 1945 hinein betrieben wurde. Die Ernst Heinkel Flugzeugwerke AG Rostock ließ in ihrem Zweigwerk Oelsnitz auch Berufsnachwuchs heranbilden. Noch Ostern 1945 wurden dort Lehrlinge eingestellt. Am 21. Dezember 1943 nahm die seit längerem militärische Güter fertigende Firma Koch & te Kock zusätzlich die Instandsetzung beschädigter Tragflächenmittelstücke des Bombers He 111 auf und wurde deshalb in die Wirtschaftsgruppe "Metallwaren und verwandte Industriezweige" eingegliedert. 1943 zählte das Unternehmen insgesamt 883 Beschäftigte. Davon arbeiteten 303 im Bereich der Tragflächeninstandsetzung, der sogenannten "Abteilung Leichtmetall", die aus Geheimhaltungsgründen ab Juni 1944 als "Abteilung II" bezeichnet wurde.

Auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für Lagerungszwecke wurde auch die Luftfahrtbedarf AG Berlin 1943 im vogtländischen Oelsnitz fündig. Sie schloss am 15. September 1943 mit der Firma Koch & te Kock einen Vertrag und mietete "für die Dauer des Krieges" den ersten Stock des Gebäudes R.

Anfang Juni 1943 sprachen die Herren Sander, Direktor der Flugzeugwerk Eger, und Schön, Umstellungsbeauftragter für Sachsen und Beauftragter vom selbstständigen Sonderring Textilien beim Reichsministerium für Bewaffnung und Munition, bei der Betriebsführung der Firma Koch & te Kock vor. Ihr Anliegen: die zeitnahe Verlagerung von Instandsetzungs- und Fertigungskapazitäten der Flugzeugwerke Eger nach Oelsnitz. Die noch im Juni 1943 erzielte Einigung zwischen Direktor Sander und Direktor Hans Koch, die höchstwahrscheinlich in ein Joint Venture mündete, sah zunächst Bauarbeiten im Juli und August 1943 in der Halle Q in einem Wertumfang von rund 60.000 bis 65.000 Reichsmark vor, bevor Fachpersonal und Maschinen aus Eger nach Oelsnitz verlagert würden. Zum 1. September 1943 war die Aufnahme der Umschulung von zunächst 50 Beschäftigten der Firma Koch & te Kock in Eger geplant. Die Verlagerung der kompletten Teilefertigung von Eger nach Oelsnitz zog sich aber wohl bis in den Herbst hin.


Als am 26. März 1945 Bomben fielen - Plauen erlebt den neunten Angriff

Wetter: Der 26. März 1945, ein Montag, ist ein sonniger Tag mit wechselnder Bewölkung. Die Temperaturen steigen auf 18,5 Grad Celsius.

Bomber: 281 B-17 "Flying Fortress" der 1. und 3. Division der 8. US-Army-Air-Force attackieren in drei Überflügen ihr Ziel: 14.07 bis 14.14 Uhr, 14.28 Uhr und 15 Uhr. Sie lösen eine Bombenlast von 734,2 Tonnen mit Spreng-, Stab- und Flüssigkeitsbrandbomben aus.

Ziele: Plauen ist Primär- und Sekundärziel. Abwürfe gelten der Vomag AG (inklusive Panzerfertigung) und der Zellwolle-Fabrik. Zum Einsatz kommt das Norden-Bombenzielgerät.

Schadensgebiete: Die Vomag und ihr Panzerwerk werden total zerstört; zudem Industrieanlagen in Elsternähe. Weitere Bomben schlagen im Altstadtbereich bis zur Elster ein; am Unteren Bahnhof bis Südvorstadt; Brückenvorstadt bis Ostvorstadt; Neundorfer Vorstadt bis westlich der Bahnlinie Plauen-Oelsnitz. Treffer gibt es an Unterer und Oberer Endestraße, Johanniskirche, Topfmarkt, Pforten-, Bleichstraße, Neustadtplatz, Syrastraße, Schloßberg, Amtsgericht; Berg-, Untere Fürsten-; Dürer- und Ludwig-Richter-Straße; Schröderplatz; Stadtpark und Kauschwitz.

Todesopfer in Plauen: 45 (22 männlich, 23 weiblich). (gern)

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