Warum Kritikern fast die Grenzöffnung entging

Viele der Plauener, die die Fälschungen der letzten DDR-Wahl aufdecken wollten, bewegten sich im Umfeld der Markuskirche in Haselbrunn. Darunter waren auch Atheisten.

Plauen.

Die Markuskirche in Haselbrunn ist neben dem Malzhaus Dreh- und Angelpunkt der politischen Opposition in den 1980er- Jahren gewesen. Welchen Bezug sie genau zu dem Gotteshaus, auch Beat-Kirche genannt, hatten, berichteten einige der Beobachter der Wahl vom 7. Mai 1989 jetzt in der Plauener Malzhaus-Galerie. Manche der Geschichten im Wende-Herbst und den Jahren danach waren neu:

Die Sprayer: Graffiti-Parolen sind heute keine Seltenheit, doch im Frühjahr '89 sorgten die Schriftzüge von Steffen Kollwitz und Thomas Salzmann für Aufregung. Sie riefen dazu auf, sich der Wahl zu verweigern. Die Idee zur Aktion sei aus einer Bierlaune heraus entstanden. Das Spray hatte Salzmann im Intershop gekauft. Er wollte damit sein Moped lackieren.

Die Schülerin: Ob es naiv war oder einfach unerschrocken, das kann Diana Zierold nicht mehr nachvollziehen. Als die damals 18-jährige Abiturientin im Sonderwahlbüro (vergleichbar mit der heutigen Briefwahl) im Rathaus bei der Stimmauszählung dabei sein wollte, rief das dort Irritationen hervor. Ihre Freunde wurden nicht reingelassen.

Die mutige Bürgerin: Einen DDR-Wahlzettel ungültig zu machen oder mit Nein statt dem üblichen Ja zu stimmen, das war gar nicht so leicht, erinnert sich Ingeborg Hahn. "Man musste jeden einzelnen Namen durchstreichen. Waagerecht." Genau das habe sie getan, so die frühere Kindergärtnerin.

Das CDU-Mitglied: Wolfgang Helbig, damals als Christ in der Blockpartei CDU engagiert, hat seine Parteifreunde ein halbes Jahr lang auf die Ungereimtheiten der Wahl hingewiesen. Am 9. November, dem Tag der Maueröffnung, hätte endlich ein Brief vor den Plauener Stadtverordneten verlesen werden dürfen. Es kam nicht dazu - angeblich aus Zeitgründen. Zudem hatte man fast die Ereignisse in Berlin verpasst.

Der Pfarrer: Helmut Henke kennt einige der Passagen in seiner Stasi-Akte genau, etwa diese: "Mann mit Spitzbart geht um die Kirche." Er wurde observiert, als er vor der zwei Mal nacheinander stattfindenden Friedensandacht am 5. Oktober nach dem Rechten schaut. Den engagierten jungen Leuten, die sich schon bald zur Gruppe "Umdenken durch Nachdenken" formierte, stellte er einen Raum zur Verfügung.

Der Flugblattschreiber: Jörg Schneider hat den Aufruf für die Demo am 7. Oktober in die Telefonzelle an der Markuskirche gelegt- wo sie ein Betrunkener fand und bei der Polizei anrief. Weil es regnete, hatten Spürhunde keine Chance.


Das schlechteste Wahlergebnis der DDR

Rund 70 Menschen werteten in 40 von 99 Plauener Wahllokalenaus, wie die Bürger stimmten. Offiziell hatte es "nur" 96,8 Prozent an Ja-Stimmen gegeben. Damit hätte die Stadt auch so schon das schlechteste Ergebnis der DDR eingefahren. "Doch nach unseren Hochrechnungen hatten etwa 10 Prozent mit Nein gestimmt", sagen die Wahlbeobachter heute. Die Bürgerrechtler unternahmen damals viel, um die Fälschungen öffentlich zu machen - zunächst ohne Erfolg. Anfang der 90er wurden die Verantwortlichen schließlich doch verurteilt. Es gab Haft- und Geldstrafen. (sasch)

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