Weberhaus-Hexe erfindet den Pranger neu

Der Unikatverein weist mit Name, Adresse und Foto auf einen mutmaßlichen Langfinger hin. Dürfen die Mitarbeiter der Kreativwerkstätten das?

Fotos und Schreiben hingen an den Weberhäusern aus. Hunderte sahen es bei der Klanggarten-Veranstaltung Ende Juli unverpixelt.

Von Sabine Schott

Erneut hat wohl ein Ganove an den Weberhäusern zugeschlagen. Er soll zwei Sofortbildkameras im Wert von 170 Euro entwendet haben. Um den mutmaßlichen Dieb zu schnappen, griff der Unikatverein, der die Weberhäuser betreibt, zu einem ungewöhnlichen Mittel: Er suchte öffentlich nach der Person. Nicht nur ein Foto von ihm, auch sein Name und die komplette Adresse waren an einer Anschlagtafel zu lesen, die sich gegenüber dem Eingang zu den Kreativwerkstätten an der Bleichgasse befindet. Mittlerweile musste alles auf Anweisung der Polizei abgenommen werden.

Das Schreiben im wasserfesten Umschlag stammte von Margitta Schier. Die "Oberhexe" in den Weberhäusern räumt ein, dass sie es nicht dort hätte anbringen dürfen. Ein Plauener Polizeibeamter habe auf Schiers Nachfrage davor gewarnt, die Daten öffentlich zu machen. Doch sie wisse sich nur noch so zu helfen. "Man wird skeptisch, richtig argwöhnisch", beschreibt Schier ihre Gefühle nach dem erneuten Beutezug. Immer wieder ist das frei zugängliche Gelände am Mühlgraben Ziel von Dieben.

Diesmal traf es Schier privat: Die entwendeten Kameras wollte sie ihren Enkeln zum Schulanfang schenken. Sie schätzt, dass sie in den vergangenen 15 Jahren an die 3000 Euro eingebüßt hat. Mobiltelefone seien ihr geklaut worden, Handtaschen mit Ausweisen und Kreditkarten. Heute ist sie meist nur noch mit Brustbeutel anzutreffen. "Wenn ich beim Töpfern oder am Brennofen bin, geht das aber gar nicht", sagt sie. Schier sagt, dass ihr und ihren Kolleginnen durch das ständige Auf-der-Hut-Sein die Leichtigkeit im Leben genommen werde. "Wir bemühen uns um eine nette Umwelt, und diese Schufte vermiesen alles", versucht sie zu erklären, warum sie zu der Prangermethode griff.

Sich ständig umschauen müssen, sich immer vergewissern, dass kein potenzieller Langfinger in der Nähe ist, bloß nicht das Absperren vergessen: Manchmal fühle sie sich wie gelähmt, erzählt die Trabant-Fahrerin. Auch ihr Auto parke sie mittlerweile an unmöglichen Orten, dass bloß niemand einbricht.

Der Mann, den sie auf dem Foto einer Videokamera zu erkennen glaubt, tue es jedenfalls immer wieder, "zusammen mit einer Frau mit bunten Haaren", so Schier. Beide seien Deutsche. Manchmal laufe ihr jemand Verdächtiges in die Arme, der habe dann Ausreden. Die Weberhäuser seien jedoch offene Häuser - eine Handhabe existiere in dem Moment also nicht für sie.

Schier ist klar, wofür die Diebe brauchen, was sie aus den Weberhäusern mitgehen lassen: "Zur Finanzierung ihrer Drogen." Mitleid hat sie nicht: "Warum gehen die Leute nicht in staatlich geförderte Entwöhnprogramme?" Die Jößnitzerin fragt sich, wann endlich ein Täter auf frischer Tat beim Stehlen erwischt werde, "am besten der Mann vom Schwarzen Brett". Mit ihrer Aktion habe sie vor allem die umliegende Bevölkerung sensibilisieren wollen.

Diese Art der Tätersuche ist jedoch verboten. Polizeisprecher Christian Schünemann sieht zum einen den Datenschutz verletzt. Zum anderen könne der Tatbestand der üblen Nachrede und Verleumdung erfüllt sein, wenn der Beschuldigte zu Unrecht verdächtigt wird, erklärt Schünemann.

Auch der Plauener Rechtsanwalt Reinhard Schübel sagt: Selbstjustiz wie über den Pranger sei nicht gestattet. Diese Art der Tätersuche sei gar strafrechtlich relevant. Und: Der mutmaßliche Dieb könne darauf bestehen, dass "diese Art der Denunziation sofort beendet wird und künftig nicht wiederholt werden darf", so der Rechtsanwalt. Doch wie das Problem lösen? Der Jurist hat einen Rat: "Eine einfache Strafanzeige wegen des Verdachts des Betruges würde die Ermittlungsbehörde veranlassen, den Hinweisen über die offensichtliche Hehlerei der gestohlenen Gegenstände zu folgen und entsprechende Ermittlungen einleiten."

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