Wohnwagen-Trend lässt Maschinen surren

Die vogtländische Textilnäherei Tinatex erwirtschaftet den Löwenanteil des Umsatzes mit Raffrollos für Wohnwagen. Naturfarben sind in Mode.

Plauen/Oelsnitz.

Jürgen Schuster schaut Wohnmobil-Besitzern zuerst auf die Fenster, wenn er auf einem Campingplatz unterwegs ist. Von Berufs wegen. Oft sieht er Schlimmes. Zurecht geschnippelte Gardinenreste, eingeklemmte Tücher, letzte Lappen - an funkelnden Wohnmobilschiffen. "Dabei gibt eine Inneneinrichtung doch erst mit Textilien ein rundes Bild ab", meint Schuster. Hochwertige Raffrollos für Caravans sind mehr als nur ein Faible für den 69-Jährigen. Sie sind sein Geschäft.

Produzierte die Firma vor der Wende unter dem Namen Tina- Decken in Kottengrün noch mehr als drei Millionen Tischdecken pro Jahr - 100.000 gingen damals stets an die sowjetischen Streitkräfte -, erwirtschaftet die Industrienäherei heute unter dem Namen Tinatex mit Hauptsitz im Oelsnitzer Industriegebiet Johannisberg und weiteren Standorten in Plauen und Kottengrün mehr als die Hälfte ihres Umsatzes mit der Fertigung von Raffrollos für die Caravan-Industrie.


1996 stieg Schuster in das Geschäftsfeld ein, als Tischwäsche langsam aber sicher aus der Mode kam. Aktuell profitiert das Unternehmen vom Wohnmobil-Reisetrend. "Wir spüren den Boom der Branche in den letzten vier Jahren, unsere Auftragsbücher sind voll", sagt Schuster. Eins zu eins seien die Zuwachsraten der Wohnmobilhersteller aber nicht auf den Zulieferbetrieb übertragbar. Zahlen will der Inhaber der Näherei nicht nennen. Doch die Lage sei gut. "Wir können uns unsere Aufträge aussuchen", sagt Schuster.

Hauptauftraggeber der Näherei ist die Hymer-Gruppe, etwa für ihre Caravan-Marke Bürstner, die mit "harmonischem Interieur" wirbt. Ein Detail sind die Rollos, die bei Tinatex über die Maschinen laufen.

Den Stoff liefert der Kunde dem Nähservice zu. Die Rollos aus der aktuellen Kollektion sind zum Teil transparent, Naturfarben dominieren. Knallfarben sind für Caravan-Ausstatter weniger gefragt. "Der Raum in einem Wohnmobil ist ja sehr klein, man hat einen Betrachtungsabstand von nur anderthalb Metern. Da müssen Stoffe her, die etwas hergeben, aber nicht dominieren", erklärt der Firmeninhaber. Dank eines Kniffs bleiben die Falten des neuesten Modells der Raffrollos beim Hochziehen fast völlig verdeckt. "Die Technik dafür haben wir entwickelt", sagt Schuster.

Mit langjähriger Erfahrung punktet die vogtländische Näherei immer wieder gegen Mitbewerber, auch gegen günstigere Anbieter aus dem Ausland. Ein Pfund des Betriebs ist eine selbst entwickelte Maschine, auf die ein Patent angemeldet ist. Der Apparat schneidet dreidimensionale synthetische Textilien bis zu einer Dicke von 20 Millimetern und verschweißt gleichzeitig die Kanten. Ultratrennschweißen heißt das Verfahren. Mikrofaser-Reinigungstücher, die ohne Chemie auskommen, spuckt die Maschine passend zugeschnitten aus - aber auch dreidimensionale Textilien, die für den Flugzeugbau oder im Automobilbereich Verwendung finden. Fotos sind in diesem Teil der Produktion nicht erlaubt. Architekten und Raumausstatter aus ganz Deutschland greifen auf das Know-how der Näherei zurück, wenn sie Räume textil gestalten.

16 Frauen beschäftigt Tinatex am Standort in Oelsnitz. Im Werk in Kottengrün stellen Mitarbeiter silikonisierte Hohlfaserkugeln her, die in Oelsnitz dann zur Füllung von Kissen in verschiedensten Größen werden. In ein handelsübliches Sofakissen passen 300 bis 500 Gramm. Die Füllmenge für 10.000 Kissen wird in Kottengrün pro Jahr produziert. "Der Vorteil des Materials ist, dass er auch nach mehrmaligem Waschen nicht verklumpt", erklärt Schuster. Aktuell bearbeitet die Firma einen Großauftrag für einen Hundebetten-Anbieter. Doch selbst die Fensterdekoration eines großen Modehauses lief über Tinatex.

Gerade baut das Unternehmen einen neuen Standort im Plauener Westend auf, investierte in eine neue Näherei in einer ehemaligen Tüllfabrik knapp 200.000 Euro. Bio-Schlafsäcke für die Marke Schlummersack sollen dort genäht werden.

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