Eine Königsklasse im Ackerbau

In Markneukirchen kultiviert ein Landwirtschaftsbetrieb, was andere am liebsten vom Acker verbannen: Wildpflanzen. Geerntet werden die Samen für Saatgut- mischungen. Nur wenige Betriebe stellen sich dieser komplizierten Aufgabe.

Markneukirchen.

In Markneukirchen baut die Agro-Dienst-Marktfrucht GmbH Pflanzen auf ihrem Acker an, die andere Landwirte als unerwünschte Beikräuter bezeichnen würden: Wiesenflockenblume, Spitzwegerich, Wilde Möhre, Schafgarbe, Leimkraut, Margerite, Natternkopf. Wenn die Pflanzen blühen, gleichen die 13 Hektar Ackerland in Nähe des Oberen Berges einem Blütenmeer in rosa, lila, blau und weiß. Spitzwegerich und Schafgarbe zählen zudem zu den Arzneipflanzen. Ihre Inhaltsstoffe helfen bei verschiedenen körperlichen Beschwerden.

Doch Michael Kilian, dem Geschäftsführer des Unternehmens, geht es weder um die grünen heilenden Pflanzenbestandteile, noch will er sich am Blütenrausch erfreuen. Er wartet, bis das ganze farbenfrohe Spektakel vorbei ist, denn er möchte die Samen der Pflanzen ernten. Wildpflanzensaatgut-Vermehrung heißt dieser Geschäftszweig, der getrost als Königsklasse des Ackerbaus bezeichnet werden kann, denn: "Man fällt mehrmals auf die Nase. Wildpflanzen sind superkompliziert zu kultivieren. Ein Jahr vor der Ernte und auch nach der Ernte bei mehrjährigen Beständen muss man sie pflegen, das heißt, mehrmals mulchen und teils mit der Hand hacken. Größtes Problem ist das Unkraut, also andere Wildpflanzen, die in den Beständen wachsen. Sie sollten auf keinen Fall zur Blüte kommen", sagt Kilian. Es gebe keine Literatur über den Anbau solcher Pflanzen. "Wer davon etwas versteht, behält sein Wissen für sich", so der Geschäftsführer. Es sei leichter, 300 Hektar Weizen anzubauen, als drei Hektar Wildpflanzen.

Pflanzen, die sonst ohne menschliches Zutun auf Wiesen oder am Wegesrand wachsen, auf einem Acker zu kultivieren und zwar so, dass man sie anschließend mit dem Mähdrescher ernten kann, bedarf großen Fingerspitzengefühls, ständiger Überwachung, langjähriger Erfahrung und ausgefeilter, oft selbst entwickelter Ernte- und Bearbeitungstechnik. Die Samen liefern die Markneukirchner Landwirte an die Rieger-Hofmann GmbH mit Sitz in Blaufelden-Raboldshausen, etwa 100 Kilometer westlich von Nürnberg, Deutschlands Marktführer in der Wildpflanzenvermehrung.

Samen von Wildpflanzen werden zu Blühmischungen verarbeitet. Derer gibt es viele verschiedene: einjährige, zweijährige und mehrjährige. Hinzu kommt die Einteilung nach dem Verwendungszweck: Blühmischungen für Agrarumweltmaßnahmen, für land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen, für den Stadt- und Siedlungsbereich, für Wiesen und Säume oder für die freie Landschaft. Dazu zählen auch Straßenränder. Je nach Standort und Schwerpunkt gibt es Mischungen für Bienen und Schmetterlinge, salzverträgliche Mischungen, welche für trockene oder nasse Böden, für Magerwiesen, Fugenmischungen, Mischungen für Verkehrsinseln, Feldblumenmischungen, Kräuter- rasen - das Spektrum ist breit.

Samenmischungen für Renaturierungsmaßnahmen dürfen ab 2020 nur noch in dem Gebiet eingesetzt werden, aus dem sie stammen. Das regelt das Bundesnaturschutzgesetz. Deutschland ist in 22 Ursprungsgebiete mit ähnlichen Klima- und Bodenverhältnissen eingeteilt. "Damit möchte der Gesetzgeber sicherstellen, dass gebietsangepasste Samen zum Einsatz kommen", erklärt der Geschäftsführer.

Um solche Wildsamen überhaupt in den Handel bringen zu können, bedarf es einer Zertifizierung. Dafür ist der Verband deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten mit Sitz in Langgöns, in der Nähe von Frankfurt am Main, zuständig. "Wir sind dort Mitglied und es wird alle drei Jahre kontrolliert, ob wir uns an die Verbandsregeln halten. Die Rückverfolgbarkeit ist hier das A und O", so Kilian.

Entsprechend teuer sind diese Samen auch im Handel. Während ein Kilogramm einer gängigen Blühmischung aus Phacelia, Buchweizen, Sonnenblumen, Malven, Kornblumen und ein paar Getreidekörnern für etwa zwei bis vier Euro zu haben ist, muss der Käufer für ein Kilogramm Gänseblümchensamen rund 1200 Euro hinblättern. Von manchen Wildpflanzen ist es so gut wie unmöglich, überhaupt Samen zur Vermehrung zu bekommen.

"Da fängt man mit einer Wildsammlung an, für die man eine Genehmigung von der Naturschutzbehörde braucht. So ging es bei uns auch 2010 los, damals in Zusammenarbeit mit dem Landschaftspflegeverband Oberes Vogtland. Den ersten Samen von Margeriten, die wir gesät haben, mussten wir Getreideschrot als Füllstoff beimischen, um überhaupt mit einer Sämaschine arbeiten zu können", erinnert sich Kilian noch an den Beginn des Anbaus.

Der Geschäftsführer würde diesen Produktionszweig gern erweitern, aber es ist fast unmöglich, geschulte, ortskundige Botaniker zu finden, die sich an einer Wildsammlung beteiligen und die wissen, wo manche seltenen Arten zu finden sind. Denn dies sei aus Arbeitszeitgründen kaum in Eigenregie zu leisten, sagt Kilian.

Genau so schwierig sei es, geeignete Geräte zur Bearbeitung zu finden. "Zu kaufen gibt es kaum etwas. Am Anfang haben wir ein altes DDR-Gerät umgebaut. Der Einfülltrichter für das Saatgut ist ebenfalls Marke Eigenbau", berichtet er.

Seit einem Jahr ist eine Reihen- bodenfräse mit Ultraschallsensoren im Einsatz. Dieses Gerät erkennt die Reihen und kann sehr nah an den Pflanzen arbeiten. Während der Traktor für die Bodenbearbeitung bisher maximal 1,5 Kilometer pro Stunden fahren konnte, sind jetzt bis zu vier Kilometer pro Stunde möglich, was eine Verdopplung der Arbeitsgeschwindigkeit bedeutet. Trotzdem: "Nach drei Hektar Bodenbearbeitung sind die Fräsmesser verschlissen", so der Geschäftsführer.

Im Sommer muss der Wildpflanzenexperte fast täglich raus aufs Feld, um den richtigen Erntezeitpunkt zu bestimmen. Sind dann die Hänger voll beladen, geht es weiter: Kaltlufttrocknung und tägliches händisches Umschaufeln des Erntegutes auf dem Hänger. "Wir beginnen bei 40 bis 50 Prozent Feuchtigkeit im Erntegut und müssen es auf 14 Prozent runtertrocknen. Mit dem Belüften müssen wir sofort beginnen, sonst erhitzen sich die Pflanzen auf dem Hänger. Bei über 40 Grad geht aber die Keimfähigkeit des Samens verloren. Dann wäre die ganze Arbeit für umsonst gewesen". Und weiter: "Etwa 3000 Arbeitsstunden fallen pro Hektar an, bevor das Saatgut verkaufsfertig ist. Bei Getreide sind es etwa zehn Arbeitsstunden von der Aussaat über die Ernte mit Einlagerung und Aufbereitung bis zum Verkauf", rechnet der Pflanzenfachmann vor.

Der Anbau der Wildpflanzen ist somit alles andere als einfach. Warum also baut die Agro-Dienst-Marktfrucht GmbH nicht einfach Getreide, Raps und Mais an? "Am Anfang war das eine Spinnerei von mir. Ich wollte nicht machen, was jeder macht. Inzwischen ist es eine Leidenschaft und ein Standbein des Unternehmens", so der Geschäftsführer. Auch auf den anderen 2000 Hektar des Firmengeflechts, zu dem insgesamt acht Unternehmen gehören, zum Teil mit Bio-Produktion, wächst nicht nur Alltägliches. "Seit dem Frühjahr bauen wir Speisemohn an. Wir haben eine fünfgliedrige Fruchtfolge, Brauweizen und Braugerste gehören dazu, Raps, Silomais, Hafer sowie ein Mischanbau aus Wicken und Roggen", erläutert Kilian.

Als nächstes will der Markneukirchner Landwirtschaftsbetrieb Dinkel, eine alte Getreidesorte, in die Fruchtfolge eingliedern. Bevor Michael Kilian etwas Neues ausprobiert hält sich der promovierte Landwirt aber an einen Grundsatz: "Zuerst muss ich einen Abnehmer für mein Produkt finden und ich muss wissen, welchen Erlös ich erzielen kann, damit am Ende des Jahres unten rechts in der Ecke eine schwarze Zahl steht".

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