Fußball vor besonderer Kulisse

Die A 72 ist jetzt 80 geworden. Wer an ihr wohnt, auf ihr fährt und auf ihr arbeitet, kann Geschichten erzählen. Heute: die Kicker der VSG Weißensand über die Eigenheiten ihres Sportplatzes.

Der Weißensander Platz ist etwas holprig und aktuell eher hellbraun als saftig grün. Die Lage aber ist einzigartig.

Für Sie berichtet: Monty Gräßler

Die mächtigen Bögen der 35 Meter hohen und 360 Meter langen Autobahnbrücke lassen das Fußballtor auf dem Sportplatz der VSG Weißensand von der Gegenseite wie ein Spielzeugmodell wirken. Die imposante Kulisse ist aber nicht die einzige Besonderheit. Denn wenn unterhalb der A 72 der Anpfiff ertönt, so wie es morgen, 15 Uhr, wieder der Fall sein wird, haben die Kicker mindestens schon 500 Meter in den Beinen. So weit liegen das Sportlerheim mit den Umkleidekabinen und der Fußballplatz auseinander. Das ist genauso einmalig im Vogtland wie die Tatsache, dass es rund um die Weißensander Sportstätte keine Toilette gibt.

Beides hat mit dem Platzbau 1951 zu tun, wobei zumindest das Problem mit dem stillen Örtchen bald der Vergangenheit angehören soll. "Es ist schon lange nicht mehr zeitgemäß, dass die Leute bei uns in den Wald gehen müssen", sagt Ortsvorsteherin Simone Hübschmann, die zugleich Vorstandsmitglied in der VSG Weißensand ist. Das Projekt schien auch für 2018 schon wieder gestrichen, bis Vereinschef Jens Hoppe im Herbst 2017 mit den Fußballern in kompletter Mannschaftsstärke zur entscheidenden Stadtratssitzung in Lengenfeld auftauchte. Plötzlich wurde doch noch ein Weg gefunden, den Toilettenbau in den Haushaltsplan aufzunehmen. Noch steht er aber nicht.

Da ging es mit dem Sportplatzbau einst schneller vorwärts. Als Weißensand 1951 der Status "Dorf des Friedens" zuerkannt wurde, war das die große Chance. In der viele Jahre von Rudi Grunewald und jetzt von Maria Reinhart geführten Dorfchronik ist ein Schreiben des Ortsausschusses der Nationalen Front aufbewahrt, in dem neben dem Wunsch nach einem Sportplatz auch gleich der Vorschlag für den Standort zu finden ist: das "gemeindeeigene Gelände an der Autobahnbrücke". Otto Lange, Siegfried Hopf, Kurt Irmisch, Otto Meisel und Albert Tröger rückten den Überlieferungen zufolge schon wenige Tage später an, um erste Arbeiten zu erledigen. Noch im gleichen Jahr wurde der Schlackeplatz eingeweiht. Die räumliche Entfernung zum bereits 1928 im Ortszentrum errichteten Sportlerheim sah damals offenbar keiner als Problem an.

War der mit Unterstützung der LPG kurz darauf sogar mit Rasen ausgestattete Platz zunächst Heimstätte für die Kicker der BSG Wismut Weißensand/Schneidenbach, so diente er nach der Auflösung der Mannschaft Ende der 1960er-Jahre zwischenzeitlich wieder als Weideland. Die Vereinschronisten Jürgen Rietsch und Bernd Hübschmann haben es recherchiert: Erst, als die Heinsdorfer Kicker eine Ausweichstätte suchten, weil ihr Platz gebaut wurde, gab es wieder Torschreie unter der Autobahnbrücke zwischen Reichenbach und Treuen.

Seit der Gründung der VSG Weißensand 1976 wird regelmäßig auf dem Platz Fußball gespielt. In der Saison 1987/88 gaben die Kicker dabei am Fuße der Brücke genauso viel Gas wie die Autofahrer, die in 35 Metern Höhe über sie hinwegdonnerten. Der Aufstieg in die Kreisliga, die damals die höchste Liga unter der Bezirksklasse war, gilt als größter Erfolg in der Vereinsgeschichte. Auch aktuell läuft es sportlich gut: Weißensand steht nach zwei Spieltagen verlustpunktfrei an der Spitze der 1. Fußball-Kreisklasse/Staffel 1.

Die VSG mit ihren 98 Mitgliedern ist aber mehr als nur die "Elf von der Autobahnbrücke". So gehören die Frauensportgruppe und die Volleyballer genauso dazu wie die Frauen und Familien der Fußballer, die sich bei den Spielen ums leibliche Wohl sorgen, und wie die VSG-Legenden, die am Spielfeldrand eine Extra-Sitzbank haben. Vor allem aber wäre in dem 234-Einwohner-Dorf nur halb so viel los, wenn es den Verein nicht gäbe. Während der kleine Weihnachtsmarkt mit zwei Buden fast schon Kultstatus besitzt, sind auch beim Osterbrunch, beim Sommerfest oder der Herbstwanderung bei Weitem nicht nur Vereinsmitglieder dabei.

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