Zwei blinde Vogtländer wollen in der Kommunalpolitik mitmischen

Wahlen 2019 Jan Mielcarski aus Plauen und Daniel Martin aus Reichenbach kandidieren auf der jeweiligen FDP-Liste bei den anstehenden Stadtratswahlen. Sie erleben Dinge anders als sehende Menschen. Was sie jetzt erreichen wollen.

Plauen.

Wenn Jan Mielcarski frühmorgens aufgestanden ist, dann lenken ihn seine Schritte oft zum Oberen Bahnhof. Dort trinkt er am Verkaufsstand von Wolfgang Schoberth seinen Kaffee. Er kann sich mit anderen Gästen unterhalten und sitzt nicht alleine zu Hause in der Wohnung. Auf seinem Weg zum Empfangsgebäude stellt der Plauener, der blind zur Welt kam, jedoch immer wieder so einige Hürden fest, über die er sich ärgert. Denn sie wären leicht zu beseitigen.

Würde ein Mensch mit gesundem Augenlicht versuchen, von der Bahnhofstraße in Höhe Kopfhaus zu Fuß mit geschlossenen Augen zu dem Empfangsgebäude zu gelangen, könnte das tödlich enden. Für den 38-Jährigen stellt diese Dunkelheit den Alltag dar. Er muss sich mit Blindenstock, Gehör und anderen Hilfsmitteln im Alltag zurechtfinden. "Ich zähle sieben Säulen ab, dann gehe ich über die Straße", beschreibt Jan Mielcarski seinen Weg von zu Hause aus bis zur Hauptstraße, bis zum Übergang.

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"Es wäre gut, wenn die Ampeln ständig klacken würden", sagt er. "Dann wüssten auch Leute, die sich hier nicht so gut auskennen, wo der Übergang ist." Denn meistens geben die Ampeln nur bei Grün einen Ton von sich ab. Und selbst das funktioniere oft nicht richtig. "Viele Kästen an den Ampeln piepsen dann nur leise", ergänzt der Plauener. Und wenn holprige Fußwege schon für Bürger mit gesunden Augen eine Stolperfalle sind, so sind sie sie es für Blinde und sehbehinderte Frauen und Männer erst recht, erinnert er.

Am Bahnhof angekommen, trifft der Plauener den ebenfalls blinden Daniel Martin aus Reichenbach. "Ich arbeite im Telefondienst des Landratsamtes und komme jeden Morgen mit dem Zug", berichtet der 34-Jährige.

Wie Jan Mielcarski, der eine Rente bekommt, hat sich der Vogtländer für eine Bewerbung als Stadtratskandidat entschlossen. Auf diese Weise könnten beide die Interessen von Sehbeeinträchtigten und Blinden in den städtischen Vertretungen besser als bislang zur Sprache bringen und deutlich machen, worum es geht - der eine im Stadtrat Reichenbach, der andere in Plauen.

Auch Daniel Martin hat ein Beispiel zur Hand. "Der Kreisverkehr beim Rewe-Markt in Reichenbach, da fehlen Leitlinien", sagt er. Diese Leitlinien sind für Blinde mithilfe ihres Blindenstockes zu ertasten. Die Leitlinien werden auch als Blindenleitsystem bezeichnet. Dieses System besteht aus Leitstreifen und Aufmerksamkeitsfeldern und es ermöglicht eine bessere Orientierung zu wichtigen Zielen, wie etwa Aus- und Eingängen, Treppen, Aufzügen und auf großen Plätzen - oder es dient dem Umgehen von Hindernissen. Für derart barrierefreies Bauen gebe es auch Fördermittel, weiß das Mitglied der Ortsgruppe Plauen des Blinden- und Sehbehindertenverbandes zu berichten. "Die werden in Reichenbach nicht ausgeschöpft", sagt er.

Sich für die ehrenamtliche Arbeit als Stadtrat zu bewerben, dazu haben sich die beiden Vogtländer nach einem Gespräch mit Wolfgang Schoberth entschlossen. Er kandidiert ebenfalls, und zwar in Plauen. Der Unternehmer betreibt das kleine Stehcafé in der Empfangshalle des Bahnhofs und steht ebenso bei der FDP auf der Wahlliste, ohne Mitglied zu sein. "Ich möchte, dass das Vogtland für alle Menschen lebenswert ist", gibt er seine Beweggründe wieder, die beiden anzusprechen. In Plauen engagiert sich Schoberth seit 2014 als Beratender Bürger für die Liberalen in städtischen Ausschüssen, zuvor saß er bereits im Stadtrat.

Jan Mielcarski und Daniel Martin könnten indes noch weitaus mehr Beispiele dafür aufzählen, wie man Sehbehinderten das Leben in der Region noch lebenswerter macht. Das würden sie am liebsten als Stadträte tun.

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