Alles hing am seidenen Faden

In den 90er Jahren war es um das Wahrzeichen Reichenbachs aufgrund von Baumängeln fast schon geschehen. Das wurde jetzt bei einem Vortrag im Alten Wasserwerk deutlich.

Reichenbach.

Die meisten Reichenbacher werden nicht einmal ahnen, wie dünn der seidene Faden war, an dem die Existenz des Reichenbacher Wasserturms in den 90er Jahren hing. Beim Vortrag am Donnerstagabend im Alten Wasserwerk, zu dem neben Stammgästen viele Wasserwirtschaftler und Baufachleute gekommen waren, erläuterte Thomas Weber anhand von Bildern und Berechnungen, wie schlecht es um das Reichenbacher Wahrzeichen stand.

Der Wasserturm gehört dem Zweckverband Wasser/Abwasser Vogtland (Zwav). Weber war der Bauleiter für die Sanierung 1997/98. Die Voruntersuchungen hatten zuvor verheerende Schäden ans Licht gebracht. "Nach dem Gutachten von Dr. Hellmut Reuss hätte der Turm gar nicht mehr stehen dürfen", sagte der Bauingenieur. "Dr. Reuss kam zu mir in die Hammerstraße und sagte: Ich hab das Gutachten für den Wasserturm. Setz dich erst mal hin", flocht der frühere Zwav-Geschäftsführer Helmut Putz ein, der im Publikum saß. Und: "Wenn das Ding umgefallen wäre, wäre ich im Gefängnis gelandet." Der Abbruch wäre dem Verband deutlich billiger gekommen, zumal ein paar kleine technische Veränderungen die Funktion des Wasserturms hätten übernehmen können.

Heutzutage werde um solche Gebäude eine weiträumige Absperrung gezogen, bis irgendwann der Abrissbagger käme. 1996 habe es einen Hoffnungsschimmer gegeben - eine Fördermöglichkeit mit 85 Prozent. Deshalb wurden die Voruntersuchungen beauftragt. Letztlich sei die Sanierung sogar etwas preiswerter gewesen als ursprünglich geschätzt, was bei Bauten in der Gegenwart kaum vorkomme, weil Altbauten meist ein Fass ohne Boden sind. Rund 4,9 Millionen DM (rund 2,5 Millionen Euro) hat das Reichenbacher Schmuckstück gekostet.

Im Laufe des Vortrages wurde deutlich, dass für ein solches Projekt nicht nur Geld gebraucht wird. Es müssen sich Menschen finden, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und ausgetretene Pfade zu verlassen. Mit dem Zwav-Geschäftsführer, dem Bauleiter, den Baubehörden und den beteiligten Unternehmen, die allesamt aus dem Vogtland kamen, hatte der Wasserturm das für seinen Fortbestand notwendige Team. Angesichts dieser Heldentat traten die Bilder von baulichen Meisterleistungen fast schon in den Hintergrund. Dabei war es nicht ohne, die neuen Behälter mit dem größten in Deutschland verfügbaren Kran in die alten passgenau einzusetzen, ohne die vorhandenen Wasserbehälter zu beschädigen. Zudem waren praktikable Lösungen für denkmalrechtliche Anordnungen zu finden.

Anlass für den Vortrag des Vereins Aqua et Natura im Rahmen der Reihe "Live aus dem Wasserwerk" war das 90-jährige Jubiläum der Inbetriebnahme des Wasserturms. Das Reichenbacher Wahrzeichen ging am 1. Dezember 1926 ans Netz und verbesserte damit die Wasserversorgung von Reichenbach deutlich, vor allem auch für die in Bau befindliche Siedlung Erlicht/Ziegelweg. Heimatforscher Wolfgang Richter hatte zu Beginn des Vortrags noch einmal den Architekten Walter Ladewig gewürdigt, dem Reichenbach sein Wahrzeichen und weitere Bauwerke verdankt. Nach dem Vortrag wurden noch viele Erinnerungen an die abenteuerliche Rekonstruktion ausgetauscht.

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