An Pogromnacht erinnert

OB Kürzinger (CDU) und Reichenbacher begaben sich auf die Spuren früherer jüdischer Einwohner. Dabei wurden auch falsche Daten korrigiert.

Reichenbach.

Neue Fakten zu den einst in Reichenbach ansässigen Juden konnten am Samstag die Teilnehmer der Stolperstein-Tour durch die Innenstadt erfahren. Mehr als 30 Menschen hatten sich aus Anlass des 81. Jahrestages der Reichspogromnacht von 1938 dazu getroffen.

Reichenbachs Oberbürgermeister Raphael Kürzinger (CDU) machte deutlich, dass es Antisemitismus und Gewalt auch in Reichenbach gab. 1933 lebten 28 Juden in der Stadt, die als Händler, Vertreter oder Unternehmer tätig waren. Der OB: "Sie waren vollkommen integrierte Mitglieder der Gesellschaft." Sie wurden trotzdem nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten verfolgt. In der Pogromnacht mussten sie auf die Polizeiwache im Rathaus, wurden bedroht und misshandelt.

An den neun Stolpersteinen erfuhren die Teilnehmer etwas über die Menschen hinter den Namen. Fünf der neun Steine tragen den Namen der Familie Beutler, die in Reichenbach ein Textilunternehmen betrieb. Emotional bewegend war die Station an der Weststraße 24, wo die Steine für Elisabeth, Flora und Isidor Beutler liegen. Nachdem bekannt wurde, dass der Stein für Elisabeth falsch ist, sie nicht 1944 in Plötzensee hingerichtet wurde, bekam sie 2018 einen neuen Stein. Dort steht jetzt: "Flucht in die USA 1936". Mittlerweile wurde bekannt, dass Elisabeth Beutler nach Reichenbach zurückkehrte, erst 1941 in die USA emigrierte und dort 1954 starb. Zusammen mit Reichenbacher Forschern hat Sabine Hildebrandt aus Boston, die Kontakte zu den Nachfahren der Familie Beutler hat, ein Stück Familiengeschichte in ihrem Buch über Käthe Beutler aufgearbeitet. Die Ärztin an der Charité war die Schwiegertochter von Elisabeth Beutler. Das Buch erschien im Verlag Hentrich und Hentrich auf Deutsch. Einen Beitrag zur Familie Beutler gibt es im Heimatkalender für Reichenbach und Umgebung, der am 28. November im Alten Wasserwerk präsentiert wird. An allen Stationen wurden Kerzen entzündet und Rosen niedergelegt. Die Blumen hatten die Paten der Steine und Bürger mitgebracht. Um die drei Steine auf der Weststraße wurden Rosen in Form eines Davidsterns platziert. Zum Schluss mahnte der OB: "Mögen die heute gehörten Schicksale uns ins Gewissen rufen, dass Frieden und Freiheit nicht selbstverständlich sind. Zu schnell kann es gehen, dass sich Menschen voneinander abgrenzen. Wir müssen aufpassen, dass wir uns von scheinbar einfachen Antworten nicht verleiten lassen."

Am Abend machte die Patin des Steins für Elisabeth Beutler darauf aufmerksam, dass Blumen und Kerzen auf der Weststraße weg sind. "Es ist traurig, dass die Kerzen und Blumen entfernt wurden, allerdings können wir nur spekulieren, wer es war", so Kürzinger, als er damit konfrontiert wurde. An anderen Stellen wurden Menschen beobachtet, die vom Wind ausgeblasene Kerzen wieder anzündeten. Da die Aktion am Vormittag stattfand, hatten viele Menschen in der Stadt davon Notiz genommen und sich über den Anlass informiert, auch in angrenzenden Geschäften. Die Stadtverwaltung wird die abgebrannten Kerzen und verwelkten Rosen wieder wegräumen.

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