Anstehen fürs letzte Rudert-Brot

Am Dienstag schließt Netzschkaus letzte Bäckerei. Die Kunden nehmen Abschied von alteingesessener Herzlichkeit und einem Brot, das fenstert wie's im Buch steht.

Netzschkau.

Matthias Rudert hatte sich verrechnet. Oder besser gesagt: Der Bäckermeister hatte nicht mit diesem Ansturm gerechnet. So musste er jetzt noch mal in die Lengenfelder Klopfermühle und Mehl holen. "Vor allem das Brot geht wie verrückt", sagt die Frau des Meisters und nimmt im Laden die nächste Bestellung auf. "Von früh weg kommen die Kunden. Viele frieren sich Semmeln und vor allem Brot ein", erzählt Ulrike Rudert.

Am Dienstag, 10 Uhr ist Schluss. Mit der Bäckerei Rudert schließt dann die letzte Netzschkauer Bäckerei. Damit endet nach 110 Jahren in dem Eckhaus an der Schützenstraße eine Familientradition, die drei Bäckergenerationen hervorgebracht hat. Viele Kunden, die mit Beuteln in der Hand anstehen, kaufen dort selbst in dritter Generation ein. Und so gibt es neben Brot, Semmeln und dem begehrten Kartoffelkuchen in diesen Tagen Worte des Bedauerns und der guten Wünsche für den Ruhestand des Bäckerpaars. Einige verdrücken sogar eine Träne.

Auch Christa Berndt wischt mit dem Handrücken über ihr Gesicht. "Das geht mir so nahe. Wir waren alle Bäcker, das ist das elterliche Geschäft", sagt die Schwester von Matthias Rudert und verstaut wie die meisten ordentlich Backware im Beutel. Seit vielen Jahren kauft die Bäckerin im Ruhestand bei Bruder und Schwägerin ein. Bis 2001 hatten Christa und Manfred Berndt die Bäckerei am Reichenbacher Busbahnhof. Im Gewühl an der Verkaufstheke frotzelt Manfred Berndt. "Na, Matthias, in vier Wochen weißt du, was das jetzt bedeutet." Damit meint der Bäckermeister a. D.: "Meine Frau und ich träumen heute noch davon, das Mehl würde nicht reichen und der Laden voller Kunden stehen."

Matthias Rudert lächelt dazu. Auch der 64-Jährige ist wie Schwester und Schwager sowie sein vor ein paar Jahren in den Ruhestand gegangener und ebenfalls in der Bäckerei großgewordener Bruder Klaus Bäcker mit Leib und Seele. Matthias Rudert hat das Handwerk der Großeltern Max und Elsa und der Eltern Rudolf und Klara mit dem Bruder fortgeführt und schließt nun ein Geschäft, das einen ausgezeichneten Ruf genießt. "Ich war mit Freude Bäcker. Aber jetzt ist die Zeit reif, um aufzuhören. Ab Dienstag zehn Uhr weiß ich, was das für mich bedeutet." Vielleicht hätte der Meister sogar noch ein paar Jahre rangehängt. Doch die Nachtarbeit hat gesundheitlich Spuren hinterlassen.

Um schwere Arbeit, wenig Freizeit, viel Bürokram und wenig Interesse der Jugend daran weiß auch Karin Schubert. "Es ist traurig, aber einmal muss halt Schluss sein. Es war ein herrliche Zeit hier. Ich kenne alle Kunden beim Namen, und im Laden ging's immer familiär zu", erzählt die letzte Verkäuferin der Bäckerei. Zuletzt kam Karin Schubert noch stundenweise - acht Jahre lang nach dem Ruhestand: "Und das sagt doch alles aus, wie's hier war."

Das sehen auch die Kunden so. Lieselotte und Helmut Strobel zum Beispiel. "Dann nehmen wir letztmalig ein Stück vom Erdäppel-Kuhng", bestellt Helmut Strobel bei Ulrike Rudert und sagt: "Wir bedauern das sehr. Jetzt müssen wir unser Brot woanders kaufen." Ein Brot wie das von Matthias Rudert werden die Netzschkauer suchen müssen. "Sehen Sie", sagt Manfred Berndt, "wie das fenstert. Das ist das höchste Qualitätsmerkmal", erklärt der einstige Innungs-Obermeister die feinen, tatsächlich an Fenster erinnernden Risse auf der Kruste des Mischbrots.


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