Auffälligkeiten an der Burgstraße

Seit dem Zuzug von Roma-Familien monieren Nachbarn katastrophale Zustände. Die Stadt hat eine AG Rumänien gegründet. Und das Oberhaupt der Vermieterfamilie sagt: Es prallen Kulturen aufeinander, wir bemühen uns.

Reichenbach.

Thomas Keller sieht die Lage eher entspannt, obwohl auch er auf den Tisch hauen könnte. "Die Kinder sind öfter hier, sie nehmen sich auch mal Süßigkeiten, ohne die zu bezahlen. Wenn ich sie erwische, haben sie ein schlechtes Gewissen. Aber ich sehe auch ihren Zusammenhalt, wie sie alles teilen und draußen spielen, so wie wir das damals gemacht haben", sagt der Chef des Reichenbacher Szenelokals "Curry Nr. 3" und berichtet, wie er in seiner Kneipe mit diesen Kindern auf Schmierzetteln deutsche Buchstaben übt. "Die haben Interesse und sind alles andere als dumm."

Gleich um die Ecke, an der Burgstraße, herrscht seit dem Zuzug rumänischer Roma-Familien vor ein paar Monaten in ein lange leer stehendes Haus eher der Ausnahmezustand. Zumindest für die Alteingesessenen, wie Rosmarie Meyer im Namen von Nachbarn berichtet. "Katastrophal, ein Albtraum. Es graut einen, nach Hause zu kommen. Unsere Häuser sind entwertet, wir haben Angst um unsere Sicherheit", sagt sie und zählt auf.


Lärmbelästigung bis in die Nacht, Müllablagerungen in einem benachbarten, ebenfalls von Rumänen gekauften Haus und hinter den Häusern. "Schreien, laute Musik, das Verprügeln von Kindern, Kinder, die nicht in die Schule gehen, Betteln, eine Frau, die vor mir ausgespuckt hat, das Durchwühlen Gelber Säcke vor den Häusern, bei Hitze Gestank wegen fehlenden Anschlusses an die Kanalisation. Dazu kommt, dass die Schornsteine des Hauses marode sind, die Leute mit Propangas kochen", sagt Rosmarie Meyer und berichtet über zwei Feuerwehreinsätze wegen aus Fahrzeugen auf die Straße gelaufenen Öls und einem Hexenfeuer Ende April im Hinterhof, als Müll und alte Matratzen angezündet worden waren.

"Die Liste ist lang, wir fühlen uns damit alleingelassen", sagt Rosmarie Meyer und meint damit auch die Parkerei an der Straße: "Wir hatten früher sofort ein Knöllchen. Hier parkt jetzt alles kreuz und quer, aber es lässt sich keiner blicken." Diesen Lagebericht hat sie in einem sarkastisch gehaltenen Brief mit der Überschrift "Balkanfeeling in der Altstadt" an alle Stadträte verschickt. Mit einer Ausnahme ohne Reaktion.

Doch die Stadt Reichenbach ist nach den ersten "Auffälligkeiten" aktiv geworden, wie Fachbereichsleiterin Aline Reus als Leiterin einer im Rathaus ins Leben gerufenen AG Rumänien in einer Pressemitteilung schreibt. In der AG arbeiten "aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit ineinandergreifender Problembereiche" städtische Ämter in Abstimmung etwa mit dem Jugendamt und der Polizei zusammen. Denn es gehe eben nicht nur um Lärmbelästigung, sondern etwa auch um Kindeswohlgefährdung oder Vermögensdelikte. Ziel der AG sei es auch, eine "zielführende Strategie zu entwickeln, um zunehmende Ordnungswidrigkeiten und Straftaten einzudämmen oder gar zu verhindern". Auf Nachfrage betont Aline Reus, es sei keinesfalls so, dass die Stadt wegsehe. "Wir gehen jeder Anzeige nach, strafen Falschparker ab und verhängen wegen Lärmbelästigung Bußgelder."

Mit weitergehenden Informationen zu konkreten Sachverhalten hält sich die Stadt eher bedeckt. Immerhin: Bei der Thematik Kindeswohl sei das Jugendamt aktiv geworden. "So weit ich weiß, ist dort an sich alles in Ordnung." Und selbstverständlich sähen Stadt und zuständige Behörden auf das Einhalten der Schulpflicht - wie auf die Sicherheit der Nachbarn. So sei bei einer Brandverhütungsschau festgelegt worden, dass in einem der Häuser lagernde Autoreifen zu beseitigen sind. Nach mehreren Aufforderungen ist dies jetzt geschehen. Einsätze wegen Müllablagerungen wie dieser bestätigt die Polizei. Sprecher Christian Schünemann: "Sonst waren wir dort nicht aktiv." Es gäbe in diesem Zusammenhang keine Straftaten, wegen derer ermittelt würde.

Diese Auskunft freut Stanco Pampi. Der Rumäne lebt seit Jahrzehnten in Deutschland, seit vier Jahren in Reichenbach. Er und seine Familie haben die Häuser an der Burgstraße und weitere Immobilien in der Nähe gekauft. "Vier, fünf Roma-Familien auf Arbeitssuche" habe man das Haus überlassen, um ihnen zu helfen. "Da prallen jetzt Kulturen aufeinander", sagt der 55-Jährige. "Aber die Ängste der Nachbarn sind unbegründet. Was die Leute wirklich stört, ist das Laute, das wollen sie nicht. Ich bemühe mich aber, die Roma zu sensibilisieren. In letzter Zeit ist es besser geworden. Das liegt auch am Wegzug einer Familie, die nicht zu uns gehört hat."

Überdies sei es nicht so, wie geredet wird. "Die Männer gehen arbeiten", sagt Stanco Pampi und zeigt Lohnzettel einer Leiharbeitsfirma. Zudem werde das Haus Schritt für Schritt und gesetzeskonform ausgebaut. "Wir können auch nachweisen, dass wir den Müll bei Glitzner entsorgt haben und nicht irgendwo." Außerdem werde die Fäkaliengrube wie andernorts üblich abgepumpt. "Und die Kinder werden ganz normal an den Schulen angemeldet." Und das laute, von Nachbarn als Schlagen gedeutete Klatschen am Abend? "Das sind gläubige Menschen, die zu ihren rituellen Gesängen in die Hände klatschen."

Für den Fall andauernder Konflikte kündigt Stanco Pampi jedoch ein Ende seiner Gastfreundschaft an. "Dann müssen die Familien leider weg. Wir sind nicht hergekommen, um Probleme zu machen."

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