Aufgeblüht

Vor zehn Jahren gab es in Reichenbach im Vogtland die 5. Sächsische Landesgartenschau. 2015 lud Oelsnitz im Erzgebirge zum blühenden Spektakel auf einen ehemaligen Güterbahnhof ein. Doch nicht nur einen Sommer lang, sondern nachhaltig sollten sich die beiden Städte damit verändern. Gingen diese Pläne auf?

Reichenbach/Oelsnitz/E..

Wenn Beate Werner von der Arbeit bei der Reichenbacher Tafel nach Hause läuft oder mit dem Rad fährt, wählt sie nie den kürzesten Weg. Sie nimmt immer den Umweg durch das Raumbachtal, an das sich das Angerviertel anschließt, in dem die 56-Jährige wohnt. Den letzten Kilometer bis zu ihrem Haus teilt sie sich zu jeder Jahreszeit mit unzähligen Spaziergängern, Wanderern, Radfahrern. In diesen Tagen beobachtet sie, wie hier der Frühling erwacht.

Bis vor reichlich zehn Jahren hatte keiner die Reichenbacherin um diese Wohnlage beneidet. Von ihrem mehr als 100 Jahre alten Haus fiel der Blick auf verlassene und verwahrloste Fabrikgebäude. In einem hatte die Vogtländerin 1982 ihren Facharbeiter für Textiltechnik mit Abitur gemacht. Auf großen Flächen zog sich der VEB Vogtlandstoffe damals mit mehreren Werken durch das Tal des zum Teil verbauten Raumbaches. Auch ihre Mutter arbeitete hier. Tochter Beate wurde 1987 Diplomingenieurin für Textilmaschinenbau. Doch drei Jahre später stand sie auf der Straße. Aus ihrem Haus konnte sie dem Verfall der Betriebe und symbolisch der ganzen Branche zusehen. Die Reichenbacher Altstadt wurde zum Schandfleck des einst blühenden Textilarbeiterzentrums. Wer mit dem Auto von der A 72 über die B 94 kam, tat gut daran, den Blick am Ortseingang nicht nach links zu richten.

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Heute beneiden viele Beate Werner. Sie kann von sich sagen, am größten Pool der Stadt zu leben. Es sind nur ein paar Schritte bis zu jenem Wasserbecken, das 2009 als Pink-Pool die Besucher der 5. sächsischen Landesgartenschau zum Verweilen und zum Sonnenbad einlud. Die pinkfarbenen Liegen und Sonnenschirme gibt es nicht mehr, wohl aber das etwa zehn mal zehn Meter große Becken - ein saniertes Überbleibsel der Textilindustrie.

Im Sommer blühen hier prächtige Seerosen. Zwischen Schilfhalmen schnattern Enten. Beate Werner beobachtet, wie sie ihre Jungen aufziehen. "Ich mache auch gern an dem kleinen Imbiss am Hauptweg halt und genieße einfach alles", erzählt die 56-Jährige.

Sie freut sich, dass es in diesem Sommer für eine Woche noch einmal eine kleine Landesgartenschau geben wird, wie schon vor fünf Jahren. Ob sie dann wieder als Gästeführerin in Aktion tritt, steht noch nicht fest. In jedem Fall seien die Reichenbacher von der Neuauflage begeistert: "Die Gartenschau hat ihr Bewusstsein verändert und hat sie ein Stück weit stolz gemacht."

2009 hatte Beate Werner sechs Monate lang Woche für Woche Besucher durch das 14 Hektar große Areal geführt. Eine willkommene Abwechslung nach langer Arbeitslosigkeit und zu ihrem Job bei der Reichenbacher Tafel. Auch sie hatte zu jenen Bürgern gehört, die der Stadtverwaltung ständig Druck machten, dass auf dem verwahrlosten Areal etwas passieren müsse. Bis schließlich die Idee und ein überzeugendes Konzept für die Landesgartenschau entstand. Mehrfach wurde nachgebessert - bis Reichenbach im zweiten Anlauf den Zuschlag erhielt. "Viele hatten zunächst Zweifel, was man aus diesem Stadtteil herausholen könnte", erinnert sich der damalige Oberbürgermeister Dieter Kießling, CDU-Fraktionschef im vogtländischen Kreistag. Heute wirbt ein großes touristisches Hinweisschild an der A 72 mit der Aufschrift "Park der Generationen" für genau jenes Areal. Kießling weiß nicht mehr, wer sich den Namen ausgedacht hat, in jedem Fall sei der Park tatsächlich ein Treffpunkt der Generationen geworden.

Je nach Wetter dreht er als Rentner zwei- bis dreimal pro Woche eine 35-Kilometer-Runde mit dem Rad und fährt dabei stets durch den Park der Generationen. Den nutzen aber auch Kindergarten- und Schulgruppen, denn nirgends haben sie so viel Platz und so viele Sport- und Spielgeräte. "Sie können auch mal toben, ohne dass sich jemand über den Lärm beschwert", sagt Beate Werner.

Kießling sieht es mit Freude, wenn Familien hier Picknickkörbe auspacken, Schulklassen sogar bis aus Greiz zu Projekttagen kommen und die nahegelegene Ausbildungsstätte für Physiotherapeuten Unterricht im Freien gibt. Aus den meisten Beeten von 2009 sind Wiesen geworden, die die Stadt pflegt. Am Seerosenteich haben die Stadtwerke einen Rosengarten in ihrer Obhut. Von den wenigen erhaltenen Fabrikgebäuden wird das sanierte Alte Wasserwerk vom Verein Aqua et Natura für Veranstaltungen genutzt. Den ausgedienten Unteren Bahnhof nutzt die Jesus-Gemeinde für kirchliche Arbeit. In einer Landesgartenschauhalle haben das Stadtarchiv Reichbach und das historische Archiv des eingemeindeten Ortes Mylau ihr Domizil. Eine zweite Halle ist Geschäftssitz der Vogtlandphilharmonie, und hier unterhalten auch die Sächsischen Israelfreunde ein Kultur- und Bildungszentrum.

Der langjährige Stadtchef spricht von einem "Quantensprung" und von einem "Befreiungsschlag" mit nachhaltigen Investitionen in Höhe von 21 Millionen Euro, wie sie ohne die Landesgartenschau so nicht möglich gewesen wären.

Ähnlich ist auch die Sicht von Bernd Birkigt (CDU) - bis 2015 einer der Geschäftsführer der Landesgartenschau in Oelsnitz im Erzgebirge. Seit deren Ende ist er Bürgermeister der einstigen Steinkohlestadt. Der heute 52-Jährige stand kurz vor der Einschulung, als im Lugau-Oelsnitzer Revier das Aus für die Steinkohle und damit für den großen Verladebahnhof in Oelsnitz kam, auf dem nicht nur die geförderte Kohle, sondern sämtliches Material für die Bergbauschächte umgeschlagen wurde. "Zwar nutzte die Bahn das Areal noch bis zum Ende der DDR als Güterumschlagplatz, doch da hatte es längst nicht mehr die Bedeutung wie während der Steinkohleförderung", erzählt Birkigt. Ein Gleis sei aber immer für den Bahnverkehr genutzt worden. Heute fahren und halten hier die Züge der Chemnitzer Citybahn.

Das übrige Güterbahnhofsgelände einschließlich eines großen Stellwerks, mit Weichen, Gleisen, Bäumen und Sträuchern, die alles immer mehr überwucherten, bot mehr als 30 Jahre lang einen immer trostloseren Anblick. Schließlich reifte die Idee, sich mit einem auf Nachhaltigkeit angelegten Konzept für die Ausrichtung einer Landesgartenschau zu bewerben. Im zweiten Anlauf erhielt Oelsnitz den Zuschlag. Auch weil man sich eine besondere Attraktion ausgedacht hatte.

Unter dem Gelände füllt salzhaltiges Wasser die einstigen Grubenräume. Untersuchungen bestätigten, dass es zur unterstützenden Behandlung vor allem von Erkrankungen der Atemwege geeignet ist. Daher wurde der Bau eines Gradierwerkes auf dem Landesgartenschaugelände beschlossen und umgesetzt. Ursprünglich waren Gradierwerke technische Anlagen zur Salzgewinnung. Erst viel später wurden sie in Kurorten zu Behandlungen genutzt. In Oelsnitz werden stündlich 5000 Liter Sole durch das elf Meter hohe und 42 Meter lange hölzerne Gradierwerk gepumpt, um die Luft damit anzureichern. Der Salzgehalt liegt bei acht Prozent, erläutert der Stadtchef. Schon während der Gartenschau vor vier Jahren sei die Anlage die absolute Attraktion auch für Nichtgartenfans gewesen.

"Bis heute vergeht kein Tag, an dem das Gradierwerk nicht genutzt wird. Manche Oelsnitzer gehen mehrmals am Tag dorthin", weiß Birkigt. Nur wenn die Temperaturen unter minus zehn Grad fallen, bleibt die Anlage geschlossen. Ansonsten hat jeder von morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit freien Zutritt. Schließlich sei ja alles aus Fördermitteln errichtet worden. "Wir geben so quasi dem Steuerzahler etwas zurück", sagt der Bürgermeister.

Nicht weit entfernt, gegenüber dem Haltepunkt der Citybahn, erstrahlt am ehemaligen großen Stellwerk die Aufschrift "Energiewerk". Das Energiewerk ist ein Fitness- und Gesundheitszentrum, das vor zwei Jahren hier eingezogen ist. Im Gebäude des Stellwerks befinden sich unten Umkleide- und Duschräume, oben eine Sauna mit kleiner Terrasse. In der angrenzenden ehemaligen Blumenhalle stehen diverse Sport- und Krafttrainingsgeräte. Ingo Pawlik ist Chef des "Energiewerkes" und mit 25 Mitarbeitern größter Nachnutzer auf dem Gartenschaugelände. Denn viele Kurse - von Pilates, über Nordic Walking bis hin zu Yoga - werden auch im Freien, also im Park gehalten, der sich seit Ende der Gartenschau als Bürger- und Familienpark profiliert. Ingo Pawlik schwärmt von den Bedingungen. "Trainieren und gradieren, das kann man hier alles verbinden", sagt der 44-Jährige. Dreimal im Jahr veranstaltet er zudem für jedermann öffentliche Veranstaltungen - vom Ostereiersuchen für die ganze Familie im Frühling über den Muttertag mit Frühstück am gedeckten Tisch bis zur Skaternacht vor allem für Kinder und Jugendliche.

Bis zu 500 Besucher kommen an schönen Tagen heute in den Bürger- und Familienpark, der im November 2015 den Sächsischen Staatspreises für Baukultur erhielt. Im Entree des Parks befindet sich auf dem Bahnhofsvorplatz der Brunnen "Schwarzes Gold", der an die Steinkohleförderung im Revier erinnert und auf die Solenutzung verweist. Auswärtige Gäste nutzen auch gern den Wohnmobilstellplatz, den die Stadt angrenzend an das Gelände angelegt hat und unterhält.

Um das Parkgelände selbst, das während der Gartenschau von 50 Angestellten in Schuss gehalten wurde, kümmert sich heute ein Gärtner. Knapp zehn Hektar, einschließlich Wiesen und Wege, sind zu pflegen. 100.000 Euro plant die Stadt pro Jahr dafür ein. "Es geht nicht darum, den Zustand wie zur Gartenschau zu bewahren. Das wäre gar nicht zu bewerkstelligen", sagt der Bürgermeister. "Aber der Park soll ein attraktives Ausflugsziel für die Oelsnitzer und für jeden aus der Region, für Jung und Alt, für sportlich Ambitionierte wie auch für Menschen mit Behinderung sein."

Dass dies gelungen ist, davon haben sich auch Mitglieder des Kuratoriums der Karl-Foerster-Stiftung überzeugt. Beim ersten Mal waren sie sogar inkognito da. Sie vergeben in unregelmäßigen Abständen einen Preis, der nach dem Potsdamer Gärtner, Staudenzüchter und Gartenanlagenbesitzer Karl Foerster (1874 bis 1970) benannt ist. Er geht an Städte oder Projekte von besonderer Nachhaltigkeit. Seit 1991 wird er verliehen, 2012 erhielt ihn die Stadt Kempen am Niederrhein, 2017 eine Firma in Baden-Württemberg: für die herausragende gärtnerische Gestaltung ihres Industrieareals.

"Für uns ist der Preis ein Ritterschlag", freut sich Stadtchef Birkigt, "zumal wir die erste Gartenschaustadt sind, die damit bedacht wird. Denn das bestätigt uns, dass unser Konzept eines Bürgerparks für Jung und Alt aufgeht." Künftigen Gastgeberorten rät er zu einem ähnlichen Herangehen. So eine Gartenschau sei ein irrsinniger Kraftakt für alle Beteiligten - von den Ausrichtern bis zu den Geldgebern, "aber ein lohnender". Nach Frankenberg in Mittelsachsen in diesem Jahr wird Torgau in Nordsachsen 2022 das begehrte Fest im Grünen ausrichten.


Landesgartenschau 2019: mit Pressekarte günstiger

Am 20. April beginnt die Landesgartenschau in Frankenberg. Alle Veranstaltungen auf dem Gartenschaugelände an zwei Bühnenstandorten sind im regulären Ticketpreis kostenfrei enthalten - so auch die Auftritte der Firebirds ( 22. April), von Rudy Giovannini (12. Mai), Frank Schöbel (4. August) und Gerhard Schöne (11. August). Einzige Ausnahme bildet die Sonderveranstaltung "Leuchtende Gärten" im Mühlbachtal vom 20. September bis 5. Oktober. Der Eintritt zur Landesgartenschau für Erwachsene kostet 16 Euro, mit Pressekarte der "Freien Presse" 15 Euro. Erwachsene können eine beliebige Anzahl eigener Kinder oder Enkel bis einschließlich 17 Jahre kostenfrei mitnehmen.

Tickets für die Landesgartenschau in Frankenberg sind in allen "Freie Presse"-Shops erhältlich. 

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