Aus der Traum: Die Valtins und ihre geplatzte Weltreise

Sie wollten die Welt sehen, solange sie das noch können. Einen Tag vor der Abfahrt ist der Urlaub ihres Lebens geplatzt, weil ihre Pässe weggekommen sind. Jetzt läuft ein Rechtsstreit mit dem Reiseveranstalter. Es geht ums Geld.

Plauen.

Letztes Weihnachten hatten sich Ludwig und Ursula Valtin E-Book-Reader gewünscht. Diese elektronischen Geräte, auf denen man Bücher liest. Die sind praktisch, wenn man um die Welt reist.

Ludwig Valtin erzählt diesen Teil der Geschichte lieber, wenn seine Frau nicht daneben sitzt. Wie sie sich Abendgarderobe fürs Kreuzfahrtschiff kauften, zum Impfen gingen, Wetterberichte anklickten. "Uns wühlt das alles auf", sagt Ludwig Valtin. Am 8. März wollte er mit seiner Frau auf Weltreise gehen. Am 7. März wussten sie, dass der Urlaub ihres Lebens platzt.


Das Geld, das sie dafür bezahlt hatten, ist weg, rund 15.400 Euro. Das Ehepaar lässt sich von einem Rechtsanwalt vertreten und fordert vom Reiseveranstalter Schadensersatz und die Rückzahlung des Reisepreises. Auf der Gegenseite: die Kaisers. Gunter Kaiser ist Geschäftsführer beim Zwickauer Familienbetrieb Kaiser Reisen, Giovanni Kaiser ist Prokurist. "Die Weltreise ist nicht gescheitert", antwortet der Senior auf die Frage, woran die Weltreise gescheitert sei.

Zweimal im Jahr nimmt Ursula Valtin ihren Ehemann mit in die Stadt, um Hosen für ihn zu kaufen. Als sie vergangenes Jahr im August wieder beim Einkleiden waren, sah Ludwig Valtin diese Werbeanzeige in einem Plauener Reisebüro. "Weltreise", "Jungfernfahrt auf der Costa Venezia", "Auf den Spuren von Marco Polo", "satte Rabatte". Ein paar Tage hat es gedauert, dann saßen sie im Reisebüro und buchten. In 53 Tagen sollte es mit dem Schiff von Triest nach Tokio gehen. Zwölf Länder, 38 Städte.

Ludwig Valtin sagt, er musste seine Frau überreden. Acht Wochen weg von daheim. Ihnen gehört das Landhotel in Zwoschwitz, und wenn sie Urlaub nehmen, dann meistens so, dass sie am Wochenende wieder zu Hause sind, weil in ihrem Hotel dann die meiste Arbeit ansteht. Vor ein paar Tagen hatten sie 40. Hochzeitstag. "Wir hatten keine Silberhochzeitsreise", sagt er. Und wer weiß, ob der Körper zur Goldenen in zehn Jahren solche Abenteuer noch mitmacht.

Es gab noch diesen Grund, acht Wochen abzutauchen. Die Zeit sollte für ihre Kinder die Generalprobe sein, nach der sie sich entscheiden, ob sie das Landhotel übernehmen. Sohn und Tochter arbeiten mit im Familienbetrieb. Die Valtins werden dieses Jahr 65 und möchten in Rente gehen. Das Loslassen, das ist nicht immer leicht. "Hier laufen die Speisen nicht vom Band. Hier kocht man noch mit Herz und Hand", steht über ihrer Hotelküche. Sie schrieben ihren Kindern Vollmachten für die Bank und den Steuerberater.

Im Januar schafften sie ihre Pässe ins Reisebüro, damit die Visa beantragt werden konnten. Für Indien legten sie die großen Passbilder dazu, die das Land verlangt. Im Februar überwiesen sie den Kaisers die letzte Weltreise-Rate. Insgesamt mehr als 15.000 Euro.

Die letzten Wochen vor dem Start wurden sie unruhig. Sie hatten noch nichts in der Hand. Keine Pässe, keine Unterlagen. Fünf Tage vorher hieß es, ihre Pässe seien immer noch nicht zurück. Ins Reisebüro nach Plauen fuhren sie jetzt täglich, sagen sie. Bis heute sind die Reisepässe von Ludwig und Ursula Valtin verschwunden.

Giovanni Kaiser sagt, die Pässe seien von seiner Kollegin per Einschreiben von Berlin nach Plauen geschickt worden. Dabei seien sie verloren gegangen. Man habe alles getan, um sie sicher zu transportieren: "Unsere Mitarbeiterin bringt die Pässe persönlich in die Botschaften, um die Visa zu beantragen. Sie holt sie auch persönlich wieder ab", sagt Giovanni Kaiser, ein junger Mann um die 20.

Die Weltreise der Valtins sei nicht gescheitert, weil man dem Ehepaar eine Alternative angeboten habe. Die Valtins hätten Expresspässe beantragen können. Bis die von der Bundesdruckerei ausgeliefert werden, dauert es nach Behördenangaben drei Tage. Macht mit dem Wochenende, das bei den Valtins dazwischen lag, fünf Tage. "Wir hätten sie nach Israel geflogen, sie wären am sechsten Tag in Haifa an Bord gegangen", sagt Giovanni Kaiser. Die beantragten Visa wären weiter gültig gewesen, betont er.

Das Auswärtige Amt widerlegt diese Aussage aber: "Visa werden nach internationaler Praxis von den jeweils dafür zuständigen Stellen in vorhandenen Reisepässen angebracht. Ein von deutschen Behörden ausgestellter Reisepass enthält folglich im Zeitpunkt der Ausstellung keine Visa zur Einreise in andere Länder", so Ruben Schwarz, Sprecher im Auswärtigen Amt in Berlin. In manchen Ländern ist es möglich, das Visum bei der Einreise zu beantragen. Doch in China hätten die Valtins alt ausgesehen. Personen ohne gültiges Visum verweigere das Land regelmäßig die Einreise, heißt es auf der Internetseite des Auswärtigen Amts.

Der Fall ist verfahren. Ihre Reiserücktrittsversicherung greift nicht, denn die Valtins sind weder krank geworden noch haben sie ihren Job verloren. Die Kaisers haben das meiste Geld der Valtins nicht mehr, sie bezahlten davon ihre Reisepartner. Für die Kabine auf dem Schiff, Essen, Flüge. Das Unternehmen habe seine Haftpflichtversicherung informiert: "Wir haben versucht, den Schaden zu beheben, indem wir sie nach Israel fliegen", sagt Giovanni Kaiser. Er spricht von Abhilfe, die man den Valtins angeboten habe. Sie hätten annehmen müssen. Ludwig Valtin sagt, er habe nie ein schriftliches Angebot dazu erhalten, er habe nichts mehr von den Kaisers gehört.

Die Verbraucherzentrale geht davon aus, dass die Suche nach dem Schuldigen zur Streitfrage wird. "Die Reise eine Woche verspätet anzutreten, halten wir für unzumutbar", so Stefanie Siegert aus der Landesgeschäftsstelle Sachsen der Verbraucherzentrale, die in Leipzig sitzt. Grundsätzlich sei nicht auszuschließen, dass Briefe oder Päckchen auf dem Postweg verloren gehen können. Doch Vertragspartner der Valtins waren die Kaisers.

Die Costa Venezia, auf der sie Urlaub machen wollten, kreuzt jetzt durch Asien. Kabine 6463 blieb bei der Jungfernfahrt leer.

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