Autor berichtet aus dem Doppelleben seines Vorfahren

Der Enkelsohn des aus Lengenfeld stammenden Künstlers Siegfried Stöckigt gibt in einem Buch Details aus dem Leben des Großvaters preis. Das war Thema einer Lesung im örtlichen Kulturbund.

Lengenfeld.

Das Buch "Rapsodie Ost", das Maxim Stöckigt, der Enkelsohn des Lengenfelder Pianisten und Komponisten Siegfried Stöckigt geschrieben hat, ist ein sehr persönliches: Es beleuchtet die familiäre Situation des berühmten Großvaters der väterlichen Seite, gibt aber genau so Einblicke in das Leben des unbekannten Großvaters mütterlicherseits, Hans Gärtner, ein Mann aus einfachen Verhältnissen. Dieses Buch stellte Maxim Stöckigt, ein 36-jährige Lehrer aus Würzburg, am Dienstag zum Kulturbundgespräch im Rahmen einer Lesung vor.

Der Enkelsohn des berühmten Vogtländers wandelte zum ersten Mal auf den Spuren seiner Vorfahren: "Für das Buch habe ich ein halbes Jahr lang Material gesammelt, mit Familienmitgliedern gesprochen, Zeitzeugen befragt, Zeitungsdokumente gelesen, aber in Lengenfeld bin ich noch nicht gewesen." Sein erster Gang führte den Bayer durch die Geburtsstadt seines Großvaters und Vaters bis hin zum Geburtshaus an der Ecke Badergasse/Hauptstraße. Für sachkundige Erklärungen sorgten dabei Ortschronist Friedrich Machold und weitere Kulturbundmitglieder.

In seinem Buch wechselt Stöckigt mit fließenden Übergängen die Perspektive, vom Ich-Erzähler, zum Personal-Erzähler. So ergeben sich für den Leser unterschiedliche Eindrücke - einmal die Sicht der Hauptpersonen oder die Sicht der Mitmenschen auf die Hauptfiguren. "Ich habe viele Fakten gesammelt, aber auch fiktive Elemente eingefügt", erklärt der Autor. Den Entschluss, dieses Buch zu schreiben fasste Maxim Stöckigt schon vor zehn Jahren. Es dauerte dann aber noch bis 2016, bevor er das Projekt in Angriff nahm. Siegfried Stöckigt erlebte die Buchveröffentlichung nicht mehr. Er verstarb 2012.

Der Enkelsohn beschreibt seine Intentionen: "Für Geschichte und insbesondere die Geschichte meiner Familie habe ich mich schon immer interessiert." Das Aufeinandertreffen zweier Welten, die des Künstlers und die des einfachen Arbeiters, der noch dazu einen Unfall mit Todesfolge verschuldete, verlieh der Recherche und dem Buch eine besondere Spannung. Der Autor: "Obwohl meine Großväter, auch von ihrem Bekanntheitsgrad her, sehr unterschiedlich waren, konnte ich aus beiden Familien etwa gleichviel Material zusammentragen."

Die Lesung selbst brachte auch für den Schreibenden neue Erkenntnisse. So lernte er einen Schulkameraden seines Großvaters kennen, den 90-jährigen Wilhelm Billhardt, der mit Siegfried Stöckigt in eine Schulklasse gegangen war. Auch einige andere der etwa 80 Besucher der Veranstaltung trugen zum Teil selbst erlebte oder erzählte Begebenheiten, die mit der Familie Stöckigt in Zusammenhang stehen, bei. Bekannte Nachkommen der Familie gibt es heute allerdings keine mehr in Lengenfeld.

Siegfried Stöckigt hatte seine Heimat verlassen, um in Leipzig an der Hochschule für Musik Klavier zu studieren. Eine weitere Station führte ihn nach Berlin. Er unternahm Gastspielreisen durch Europa und nach Amerika. Aus seinem Privatleben erfuhren die Gäste durch die Lesung, dass der berühmte Künstler ein Doppelleben führte und neben seiner Ehefrau noch mit einer anderen Frau liiert war. Das passierte, obwohl er den Erzählungen nach als junger Mann eher schüchtern und ängstlich wirkte und nicht so recht wusste, wie er sich dem weiblichen Geschlecht nähern sollte. Auch aus dem beruflichen Leben des Künstlers war Einiges zu erfahren. So spielte Siegfried Stöckigt unter dem Künstlernamen Rainer Carell in einer Combo Tanzmusik, um Geld zu verdienen, obwohl er eigentlich die klassische Musik liebte.


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