Beethoven zwischen Classic und Cobain

"Kids meet Classic": Die Vogtland Philharmonie zeigt mit ihrem Erfolgsformat, wie sich Jugend für Klassik begeistern lässt. Dieser besondere Unterrichtsstoff hat das Zeug fürs Abendprogramm.

Reichenbach.

Klassik ist nicht das, was Mandy Mothes bevorzugt hört, wenn sie in ihrer Freizeit die Beine hochlegt. Am gestrigen Mittwoch hat die Löschmeisterin der Reichenbacher Feuerwehr als eine von zwei Brandsicherheitswachen von "Kids meet Classic" im Neuberinhaus jedoch Einblicke in diesen Musikstil erhalten, die ihr Interesse neu geweckt haben. "Super, tolles Programm, tolle Musik. Wichtig, dass die Kinder das mitbekommen", sagte Mandy Mothes, während an die 1000 Kinder und Jugendliche aus nordvogtländischen und Thüringer Schulen das Kids-Programm "Ludwig van Beethoven wird 250" besuchten - im letzten von zwei Durchgängen gab's nach dem gemeinsamen Singen der Schlusssatz-Hymne von Beethovens Neunter sogar kurze Standing Ovations.

Das junge Publikum hatte sich im Schlussakkord der von Generalmusikdirektor Stefan Fraas moderierten Veranstaltung nach kurzen Konzentrationsschwächen mit zu den Höhen von Beethovens Schaffen reißen lassen. "Das habt ihr heute nicht erwartet, dass ihr auch noch mitsingt, danke", sagte Stefan Fraas in den Schlussapplaus, in den hinein sich auch Wolfgang Wedel tief verbeugte. Der Berliner Musiker, der einst als gefragter Organist sogar an der Seite von René Kollo durch Europa tourte, hatte das Musikgenie passend gestylt gemimt und mit seinen Klavierstück-Interpretationen ebenso starken Zwischenapplaus bekommen wie die von Fraas dirigierte, musikalische Meilensteine Beethovens spielende Philharmonie.

Wedels barocke Erscheinung, die mit Humor und Anspielungen auf heutige Straßenfeger angelegten Dialoge mit Stefan Fraas (Beethoven hat die Leute vom Hocker gehauen wie heute Germany's Next Topmodel) und die ins Herz zielende Musik des Genies ergaben eine Mixtur, die selbst die wenigen Störenfriede im Saal immer wieder verstummen ließ. Stefan Fraas beschrieb dies nach dem letzten Ton als Balance-Akt, der das Interesse der Jugend "an unserer Sache" mit einer Mischung aus "Volksbelustigung und ernsthafter pädagogischer Arbeit" wecken soll. Mit diesem Ansatz hat die Philharmonie indes nicht nur die Jugend im Blick. Das aktuelle Kids-Format könnte im Beethoven-Jahr quasi noch ins Abendprogramm rücken, wie Stefan Fraas nach positiven Reaktionen auf die bisherigen Vorstellungen sagte: "Möglich, dass wir das als Sonderkonzert im Neuberinhaus anbieten."

Das Zeug dazu hat das mit Projektbetreuer Thomas Divossen entwickelte Programm allemal. Wenn Stefan Fraas und Wolfgang Wedel über das einzigartige Werk des vom Leben gebeutelten Genies parlieren, erschließt sich auch für den geneigten Erwachsenen bild-, ton- und erkenntnisreich der ungeheure Artenreichtum der musikalischen Gegenwart als Ergebnis auch des Wirkens von Giganten wie Bach, Mozart und Beethoven. So klingt - als ein Beispiel - in Beethovens letzter Klaviersonate ein jazziger Groove im "Boogie-Woogie-Stil" durch, den auch die Jugend im Neuberinhaus heraushört. Mit Kopfnicken und Getuschel geben die Konzertbesucher von morgen zudem zu erkennen, wenn sie längst von der Allgemeinheit vereinnahmte Melodien und Akkorde Beethovens wieder und nun im klassischen Kontext neu hören.

Ein Befund, der Mut macht und einige Nachfragen nach diesem besonderen Konzert aufkommen ließ. Etwa diese: Was würde ein Beethoven heute machen? Stefan Fraas: "Musik, ohne Frage. Musik eines Querdenkers, der sein Ding durchzieht und sich nicht schert, was andere darüber denken. Vielleicht so in der Art von Kurt Cobain." Wolfgang Wedel: "Leute wie Beethoven haben das Musik-Gen - so wie wir alle." Gilt das noch in 250 Jahren? Wolfgang Wedel: "Ja, gehen Sie mal zu Hertha ins Stadion, wie da gesungen wird." Stefan Fraas: "Oder zu Union Berlin zum Weihnachtssingen. So lange der Humanismus lebt, wird es Musik geben. Einiges, das wir schätzen, wird bleiben. Und es wird neue Mozarts und Beethovens geben."

Kids meet Classic Am heutigen Donnerstag ab 8.30 Uhr in der Vogtlandhalle Greiz; am 6. April ab 9 Uhr in der Stadthalle Markneukirchen; am 7. April ab 9.30 Uhr im Agricola-Gymnasium Glauchau; am 8. April ab 10.15 Uhr im Neuberinhaus.


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