Befreiungsversuch aus der Sprachlosigkeit

Aphasiker können ihre Gedanken oft nicht klar ausdrücken. Ein Projekt der Berufsakademie in Plauen zeigt Wege aus der Isolation und gibt den Betroffenen Hoffnung.

Plauen.

Es war ein Sonntag im Mai 1997, das richtige Wetter für Motorradfahrer. Der damals 31-jährige Thomas Barthold fuhr mit seiner 250er Yamaha über den Sachsenring, als es ausgangs der Queckenbergkurve plötzlich geschah. Kollision, Rettungshubschrauber, schweres Schädel-Hirn-Trauma, Todeskampf, monatelang ohne Bewusstsein, Spezialklinik, mehr als vier Jahre schleppende Verbesserungen und jede Menge Selbstzweifel. Schließlich eine schicksalhafte Fügung: "In der Zeitung las ich von einem Aphasiker-Verein", blickt Thomas Barthold zurück. Er nahm Kontakt auf, fand Gleichgesinnte und begann endlich entscheidende Fortschritte zu machen. Heute ist der 55-Jährige Vereinsvorsitzender im Aphasiker-Zentrum Südwestsachsen und hilft anderen auf ihrem beschwerlichen Weg zurück ins Leben.

Aphasie ist eine Sprachstörung, ausgelöst durch Schlaganfall, Unfall, Hirntumor oder anderweitige Hirnschädigung. Aphasiker bewegen sich nicht selten am Rande der Verzweiflung. Sich bei klarem Verstand nicht artikulieren zu können, führt zu Fehleinschätzungen beim Gegenüber. Gesunde reagieren mitunter, als stünden sie Schwachsinnigen gegenüber. Das verunsichert ungemein und verletzt bis tief ins Mark hinein, sagt Thomas Barthold.

Ortswechsel: Die Berufsakademie in Plauen hat 2015 mit dem dort kreierten Physician Assistant einen Bachelor-Studiengang zum Arztassistenten und zugleich den Einstieg in den Gesundheitssektor erreicht und arbeitet weiter an neuen Studiengängen - problemnah und bedarfsgerecht. BA-Direktor Lutz Neumann und Hans-Jürgen Stüber von der Plauener Firma Pitcom stießen dabei auf das Dilemma der Aphasiker: Einerseits brauchen Betroffene höchst individualisierte Therapien. Andererseits: Wie viel Aufwand je Patient ist denn realistisch? Rasch war klar: Eine Trainings-App würde allen Beteiligten helfen, die Therapie bestmöglich und ortsunabhängig zu unterstützen.

Diese App soll kontinuierliches Training gewährleisten, patientenbezogene Daten erfassen, speichern und auswerten. Der behandelnde Arzt kann so Verlauf und Fortschritte über längere Zeit beurteilen und die Therapie anpassen. Die Verläufe insgesamt ermöglichen den Medizinern wiederum, weitere Hirntrainingsmodule zu entwickeln und die Erkenntnisse für andere Fälle zu nutzen. Dazu ist eine enge Vernetzung zwischen den Beteiligten nötig. Das alles einzelfallbezogen und mit Auswertung in elektronischen Fallakten. Im Zusammenwirken von Patienten, Angehörigen, Medizinern und Therapeuten steht als Ziel der intensivere und beschleunigte Genesungsprozess. "Wichtig ist die Regelmäßigkeit beim Training kognitiver Fähigkeiten", betont BA-Direktor Neumann. Ambulant ist das im ländlichen Raum kaum machbar, per Telemedizin könnten Patienten indes auch fernab der Spezialkliniken stets am Ball bleiben.

Unter dem Projektnamen "Impuls Sachsen 2.0" ist jetzt eine auf drei Jahre angelegte Kooperation zwischen Berufsakademie Plauen, Aphasiker-Zentrum Südwestsachsen, Zwickauer Heinrich-Braun-Klinikum und der Plauener Firma Pitcom, die als Projektinitiator und technischer Partner mit im Boot sitzt, gestartet worden. Vier völlig verschiedene Träger - privat, kommunal, Land und Verein - stellen abseits der üblichen Forschungswege "ein kleines Leuchtturm-Projekt" auf die Beine, wie es Neumann formuliert. Der BA-Direktor will damit auch auf die Innovationskraft der Berufsakademie aufmerksam machen, die - anders als Hochschulen - über keine Forschungsmittel verfügt. Die Sparkassenstiftung sprang ein, wie schon beim Physician Assistant, und übernahm den Anschub für die BA. Das Projekt insgesamt wird vom Freistaat über ein SAB-Förderprogramm unterstützt.

So ganz zufällig haben sich die Projektpartner übrigens nicht gefunden. Die Kirchberger Klinik für Neurorehabilitation im Heinrich-Braun-Klinikum (HBK) arbeitet seit Jahren mit dem Aphasiker-Zentrum zusammen. Neben dem wissenschaftlichen Gewinn setzt das HBK auf praktischen Nutzen für die Patienten - und das bereits gleich nach der Entlassung aus der Klinik. Bei entsprechender Nachfrage von Betroffenen, Kliniken und Praxen könnte man gemeinsam "ein gutes und modernes Therapieverfahren auf den Markt bringen", hofft HBK-Sprecherin Laura Kruckenmayer, "auch über Sachsen hinaus".

Sachsens Sozialministerium hat mehrfach Projekte des Aphasiker-Zentrums unterstützt und hebt den Ansatz hervor, Neuerkrankten Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten. Doch welches Nischendasein Aphasiker fristen, zeigt auch das: Der Freistaat hat keine gesicherten Erkenntnisse, wie viele Betroffene es überhaupt gibt. Ministeriumssprecherin Kirstin Wappler verweist auf deutschlandweite Schätzungen zwischen einem und zwei Promille der Bevölkerung. Das entspricht 83.000 bis 166.000 Aphasikern, davon 4000 bis 8000 in Sachsen.

Fast 24 Jahre liegt Thomas Bartholds Unfall zurück. "Im Verein bin ich wieder aufgeblüht", sagt der Chef des Aphasiker-Zentrums und fügt voller Überzeugung hinzu: "Wer bei uns ist, kommt besser wieder auf die Beine." Seit neun Jahren fährt er wieder Auto, inzwischen sogar Quad. Fortschritte brauchen viel Zeit und Geduld, da ist jede Abkürzung willkommen. Auch wenn der Weg noch ein weiter ist: Als das Projektangebot kam, zögerte Thomas Barthold keine Minute.

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