Bei zehn Grad im Jungbrunnen

Die Freibäder der Region haben noch geschlossen. Bis auf Netzschkau, für das der 15. Mai ungeschriebenes Gesetz ist - wie für Armin Strobel.

Netzschkau.

Sechs Grad Celsius Lufttemperatur, das Thermometer im Wasser zeigt knapp unter zehn Grad. Armin Strobel hält sich mit solchen Daten nicht lange auf. Der 80-Jährige lässt sein winterliche Montur in der Umkleidekabine zurück und steigt in Badehose ins kühle Nass - ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken oder tief Luft zu holen. Eisern zieht der Mann aus Lambzig seit Jahrzehnten zur Saisoneröffnung am 15. Mai seine Bahnen. Vor Jahren waren es noch an die 1000 Meter. Am gestrigen Mittwoch ist nach zwei Bahnen und 100 Meter Schluss. Armin Strobel steigt aus dem Wasser, lächelt und sagt: "Drinnen ist es wärmer als draußen. Jetzt fühle ich mich erleichtert."

Günter Claus ist froh, bei dieser Kälte nicht ins Wasser zu müssen. "Obwohl das nicht so schlecht wäre. Unser Bad ist gerade für unsere älteren Badegäste ein Jungbrunnen. So wie Armin kommen viele bereits in den ersten Tagen, kaufen ihre Jahreskarte und halten uns die gesamte Saison über die Treue", erzählt der Schwimmmeister. Armin Strobel läuft sogar jeden Tag von Lambzig aus über Feld und Flur ins Bad. Und das bei 38 Grad wie bei Glühwein-Wetter. "Das Anbaden ist Pflicht", sagt der Unentwegte. Seit 1987 ist er praktisch jeden Saisontag im Bad, davor war er lange Jahre Stammgast in Mylau. "Ich war nie eine Sportskanone, bis aufs Schwimmen, da war ich schon in der Schule gut."


Für Günter Claus sind die Alten das Salz in der Badesuppe. "Das sind die Treuesten. Deshalb öffnen wir auch stets am 15. Mai. Würde ich jetzt aufs Wetter schauen und noch eine Woche warten, wären viele enttäuscht. Der 15. Mai, das ist bei uns ein ungeschriebenes Gesetz", erzählt der Schwimmmeister von einem Anruf am Dienstagabend. Da wollte sich ein Stammgast vergewissern, ob Netzschkau angesichts von Nachtfrost und eisigem Wind auch wirklich öffnet.

Der Netzschkauer Bürgermeister hofft indes nicht nur im Hinblick auf das traditionelle Anbaden der Wasserballer am Freitag auf steigende Temperaturen. "Ich schaue mal, wie die Wassertemperatur dann ist", sagt Mike Purfürst (Gewerbeverein) augenzwinkernd. Denn schönes Wetter beschert der städtischen Einrichtung viele Gäste und damit auch mehr Einnahmen. Im Vorjahr kamen 15.000 Gäste. Rekord für ein reparaturanfälliges Bad, das augenscheinlich in die Jahre gekommen ist. Der Ortschef sähe das 1924 eröffnete und 1974 umgebaute Bad lieber heute als morgen saniert und modernisiert. Geschätzte 4,5 Millionen Euro würde das kosten. "Die Fördergeldsuche läuft. Bis wir Erfolg haben, sichern wir den Bestand, tun alles für den Erhalt des Bades."

Immerhin ist das Netzschkauer Bad mit einer Wasserfläche von 3640 Quadratmetern (bei 90 Metern Länge) das größte im ganzen Vogtland. Weit auch vor Reichenbach, Mylau, Lengenfeld und Neumark - diese Bäder öffnen am Samstag beziehungsweise am 25. Mai.

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