Bewegung als Balsam für die Psyche

Sandra Heumann aus Netzschkau ist die erste Reha-Übungsleiterin im Vogtland, die Kurse für psychisch kranke Patienten anbietet. Die heilende Komponente des Sports hat sie einst selbst aus einem Tal herausgeholt.

Netzschkau.

Als Sandra Heumann Anfang Zwanzig war, hatte sie einen schweren Unfall. "Im Prinzip war alles kaputt. Ein Arzt hat zu mir gesagt, ich würde nur noch als Bettentesterin taugen. Aber alles in mir hat dazu nein gesagt. Jetzt bin ich Anfang Vierzig und fit. Nicht eine einzige Behinderung ist geblieben. Das habe ich mit Willen und Sport geschafft. Der Sport hat mich da rausgeholt", erzählt die Netzschkauerin im Gesundheitszentrum an der Elsterberger Straße. In dem Gebäudekomplex lief zu DDR-Zeiten die Produktion von Maßbändern auf Hochtouren. Heute laufen dort Hunderte Kursteilnehmer bei verschiedenen Therapie- und Übungseinheiten zu Hochform auf. Sandra Heumann ist eine von mehreren Kursleiterinnen, für viele ist sie die Übungsleiterin. Seit 20 Jahren in dem Objekt, seit fast zehn Jahren im 2007 gegründeten Rehasportverein Netzschkau. Gelernt hatte sie einst EDV-Kauffrau. "Aber nach dem Unfall wusste ich, was ich machen werde."

Heute ist Sandra Heumann die einzige Reha-Übungsleiterin des Vogtlands, die Kurse für psychisch kranke Patienten anbietet. Seit August kommen dabei in vergleichsweise kleinen Gruppen bis zu acht Teilnehmer zusammen, um über die Bewegung positive Impulse für ihr Seelenleben zu setzen. "Es gibt auf der einen Seite die Psychotherapie, auf der anderen unsere Bewegungsangebote, die für die Therapie des Patienten genauso elementar sind. Bewegung ist Balsam für die Psyche, Bewegung baut die Stresshormone ab", erklärt die Übungsleiterin.

Zu ihr kommen Menschen, die von Ärzten und Psychologen weitervermittelt wurden. Menschen, die unter Depressionen, Burnout, Angststörungen und Antriebslosigkeit leiden. In der Bewegungs-Therapie geht es darum, Selbstbewusstsein und Freude zu vermitteln - was via Befund messbar ist. "Erst sind die Glückshormone nicht mehr nachweisbar. Geht's dem Patienten wieder besser, sind sie wieder nachweisbar." Auf dieses Ziel hin stimmt Sandra Heumann nach Erstgesprächen mit jedem Teilnehmer die Übungen und ihre Ansprache ab. Damit hat sie Erfolg, aber nicht immer.

"Die Hemmschwelle, hierher zu kommen, ist groß. Psychische Erkrankungen sind immer noch tabuisiert. In den Familien wird oft nicht darüber gesprochen. Die Betroffenen legen ihre Erkrankung als Schwäche aus, wollen sie nicht wahrhaben und schweigen. Ein Teufelskreis, wenn man an mögliche Folgen wie Selbstmord denkt." Dabei zählt in einer solch dunklen Lebensphase jede helfende Hand, jeder Kontakt zu anderen. Die auch mit Entspannungstechniken und die Gruppenbindung fördernden Übungen arbeitenden Kurse sind so auch Kurse gegen die Vereinzelung. "Ich habe hier Teilnehmer mit einer Angststörung. Die trauen sich im Prinzip nichts zu. Die haben Angst vor dem großen Raum und den vielen Leuten, die können Nächte vor dem Termin nicht schlafen. Erst langsam lernen sie, die Gegenwart anderer auszuhalten und auch mal alleine vor die Tür zu gehen." Wenn Sandra Heumann über diesen Teil ihrer Arbeit redet, redet sie sich fast schon in Rage. "Denn es sind viele Menschen von seelischen Störungen und Krankheiten betroffen. Alte genauso wie Kinder und Jugendliche oder Menschen, die mitten im Leben stehen. Da gibt es mittlerweile Leistungslücken. Das heißt, einen Termin beim Psychologen zu bekommen, ist schon ein Kunststück."

Und auch auf psychologische Erkrankungen abgestimmte Reha-Angebote sind rar. Die nächsten gibt es in Chemnitz und Leipzig. Sandra Heumann hat sich über eine vom Sächsischen Behindertensport-Verband angebotenes Seminar zum Übungsleiter Psychiatrie weitergebildet - mit Hospitation in einer psychiatrischen Einrichtung. Neben dem neuen Angebot gibt sie weiterhin verschiedene Orthopädie- und Herz-Kreislauf-Kurse. "Hier ist seit einigen Jahren die Zunahme von Mehrfacherkrankungen zu beobachten, also Herz-Kreislauf, Diabetes, Cholesterin und orthopädische Erkrankungen von Hüfte, Schulter, Knie", erzählt Sandra Heumann über Erfolge auf diesen Gebieten. "Es ist doch schön, wenn jemand mit Anfang Siebzig seine Herz-Kreislauf-Medikamente absetzen kann. Das hat der Mann mit gezieltem Sport geschafft. Ganz allein, weil er immer drangeblieben ist."


Rehasport Netzschkau - ein Verein mit 550 Mitgliedern

Der im Gesundheitszentrum Netzschkau ansässige Verein hat seit seiner Gründung 2007 einen steten Aufschwung erlebt. Derzeit zählt der Verein zehn Mitarbeiter bei 550 Mitgliedern. In Zusammenarbeit mit Ärzten und Krankenkassen bietet der Verein Rehabilitationssport mit Schwerpunkt Orthopädie, aber auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und seit August bei Erkrankungen der Psyche (Depression, Burnout und Antriebsminderung) an - ein Profil, das es sonst nirgends im Vogtland gibt.

Seit acht Jahren bietet der Verein als Kompetenzpartner der AOK Sekundärprävention auf Rezept an. Dazu zählen auf dem neuesten Stand der Wissenschaft stehende Programme, die ausschließlich AOK-Versicherten helfen sollen, Muskelschmerz und Rückenbeschwerden aktiv anzugehen, Herz-Kreislauf zu stabilisieren und ernährungsbedingte Krankheiten zurückzudrängen. Dabei arbeitet der Verein eng mit der Paracelsus-Klinik zusammen. Die Awo Reichenbach gehört genauso zu den Partnern wie die ebenfalls im Gesundheitszentrum praktizierende Allgemeinmedizinerin Andrea Cornelius und die dortige Physiotherapie von Oliver Dick. (gem)

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