Bildung und Textilindustrie eng verknüpft

Die Webschule in Reichenbach bezog vor 120 Jahren ein neues Gebäude. Ein steiler Aufstieg folgte dem Umzug.

Reichenbach.

Der Neubau der im Jahr 1848 gegründeten Webschule in Reichenbach wurde am 1. Oktober 1899 an der heutigen Fritz-Ebert-Straße eingeweiht. Als Vorstände und Lehrkräfte wirkten in der Zeit vor der Jahrhundertwende Reichenbacher Textilfabrikanten, die zugleich auch Stadträte waren. Auch Bürgermeister Hugo Klinkhardt (amtierte von 1875-1903), der zeitweise den Vorsitz im Webschulausschuss innehatte, engagierte sich in besonderer Weise für die Weiterentwicklung der Schule.

Durch den mit der Zeit größer werdenden Bedarf an ausgebildeten Fachkräften durch die sich stürmisch entwickelnde Textilindustrie, besonders in Sachsen, wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Schulneubau ins Auge gefasst. Klinkhardt bemühte sich bei der sächsischen Regierung um die Genehmigung für diesen Bau. Am 28. Juni 1898 war es soweit. Zum 50. Jubiläum der Webschule erfolgte die Grundsteinlegung für das neue Schulgebäude an der damaligen Johannstraße 25.

Der langjährige Direktor Carl Heinrich Müller schied um die Jahrhundertwende nach verdienstvollem Wirken aus. Am 5. Juli 1900 wurde der ehemalige Leiter der Posamentenschule Annaberg, Rudolf Winkler, zum neuen Chef berufen. Die sächsische Staatsregierung beschied das Gesuch aus Reichenbach positiv. Die neue Schule wurde 1901 zu einer Sächsischen Höheren Fachschule für Textilindustrie. Die mit zehn Handwebstühlen, acht mechanischen Webstühlen und mit vollständig neuer Einrichtung versehene Bildungseinrichtung konnte weiter ausgebaut werden. So wurde beispielsweise 1900 eine Vorbildersammlung eingerichtet, in der alle Neuerungen für Musterzeichner zur Einsichtnahme ausgelegt wurden. Ebenfalls konnte eine Bibliothek kunstgewerblicher Werke eröffnet werden. 1901 wurde dann eine Patentauslegestelle eingerichtet. Sponsoren aus der örtlichen Textilindustrie ermöglichten 1910 einen Erweiterungsbau.

Die Schülerzahlen stiegen. So waren es beispielsweise im Semester 1910/11 insgesamt 303, davon 266 Abendschüler. 1911 nahmen die ersten Ausländer die Ausbildung in Reichenbach auf. 1913 erhielt die Schule den Status einer Höheren Web- und Spinnschule. Der Erste Weltkrieg wirkte sich lähmend auf den Lehrbetrieb aus. Nach dem Kriege nahm die Schule wieder ihren vollen Lehrbetrieb auf. Zunehmend kamen Schüler aus dem Ausland nach Reichenbach, so aus Österreich, der Schweiz, Italien, Griechenland und Ungarn. Kriegsgeschädigten Schülern wurde das Schulgeld erlassen.

1920 bekam die Schule den Namen "Höhere Textilfachschule". Ab 1921 gab es dann eine spezielle Abteilung für die Ausbildung interessierter Frauen. Im Jubiläumsjahr der textilen Bildungseinrichtung 1923 waren 13 hauptamtliche und 6 nebenamtliche Lehrer tätig, über 500 Schüler, darunter 140 Schülerinnen, hatten sich eingeschrieben. Mitte der 1920er-Jahre erfolgte eine Erweiterung. Damit wurde den Erfordernissen der Industrie entsprochen: Spinnen, Weben und Ausrüsten.

Die erfolgreiche Entwicklung der Schule erforderte einen Neubau, der an der Klinkhardtstraße und am Obermylauer Weg mit Seminarräumen und Technikum geplant und vollzogen wurde. Nach der Einweihung 1927 wurde in der ehemaligen Webschule eine Berufsschule für Mädchen eingerichtet. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude zu einem Teillazarett in Verbindung mit der Albertschule (Friedensschule) umgewandelt, das im August 1945 aufgelöst wurde. Weiter genutzt wurde aber die Einrichtung zunächst als Hilfskrankenhaus und wurde 1952 Teil des Kreiskrankenhauses (Innere Abteilung). 1993 wurde das Hilfskrankenhaus aufgelöst. Bereits 1994 nutzte der neugegründete Verein "Reichenbacher Tafel" das Haus. Ab 2005 wurde das Gebäude komplett umgebaut zum "Haus der Vereine".

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