Bürgerbus macht Senioren mobil

Das Projekt hat sich in Lengenfeld zum Erfolg entwickelt. Es gibt genügend Fahrgäste und Fahrer. Für Ältere bietet es Erlebnisse, auf die sie nicht mehr zu hoffen wagten.

Lengenfeld.

Renate Lauckner aus Lengenfeld, 80 Jahre alt, hatte den Umzug in die Erzgebirgsstadt Aue schon fest ins Auge gefasst. Betreut wollte sie zukünftig wohnen, um ihr Leben im Alter besser meistern zu können. Doch dann kam der Bürgerbus nach Lengenfeld und mit ihm eine bis dahin neue Mobilität. Plötzlich konnte die ältere Dame und mit ihr viele andere ältere Herrschaften wieder ohne fremde Hilfe die alltäglichen Dinge des Lebens selbst in die Hand nehmen: zum Arzt fahren, Bankgeschäfte erledigen, einkaufen gehen.

"Der Bürgerbus hat sich definitiv bewährt", bestätigte gestern Thorsten Müller, Geschäftsführer des Zweckverbands ÖPNV Vogtland. "Vor allem Senioren gewinnen dadurch ein großes Stück Lebensqualität." Warum hat in Lengenfeld, Adorf und Bad Elster geklappt, was andernorts im Vogtland nie über erste Ideen hinauskam? Müller antwortet: "Wir haben dort genug ehrenamtliche Fahrer gefunden." Und: "Außerdem standen Stadträte, Bürgermeister und Verwaltung dahinter. Sonst klappt das Ganze nicht." Davon profitiert auch Renate Lauckner: "Zu Hause kann ich alles selbst machen, aber in die Stadt laufen, Taschen tragen, das geht nicht mehr." Seit es den Bürgerbus gibt, ist Renate Lauckner zweimal pro Woche in der Stadt unterwegs. Ihre Arzttermine legt sie so, dass sie mit dem Bus hin- und herkommt. Donnerstags steht Einkaufen auf dem Programm und Freundinnen treffen. Auch dafür ist der Bürgerbus nützlich, denn seit die 80-Jährige zu den regelmäßigen Fahrgästen zählt, hat sie viele neue Bekanntschaften geschlossen: "Ich habe früher in Auerbach gearbeitet und kannte nicht so viele Leute aus Lengenfeld." Das sei jetzt aber anders geworden: "Ich habe Frauen kennengelernt, die am anderen Ende der Stadt wohnen. Wir duzen uns und rufen uns auch gegenseitig an, wenn eine mal nicht mit dem Bus mitfährt." Allein in ihrem Wohnhaus an der Mozartstraße fahren sechs ältere Leute regelmäßig mit dem Bürgerbus in die Stadt.

Im Bus trifft Regina Lauckner meist Annemarie Weber. Die 80-Jährige wohnt an der Hauptstraße, am anderen Ende der Stadt. "Der Bürgerbus ist eine ganz tolle Sache. Donnerstags kaufe ich immer ein. Zum Markt laufe ich. Nach Hause mit den vollen Taschen nehme ich dann den Bus", berichtet die Seniorin. Die Busfahrer seien sehr nett und hilfsbereit.

Auch Annemarie Weber freut sich über neue Bekanntschaften: "Es fahren auch immer Leute von der Siedlung, draußen an der Schulstraße mit. Früher hatten wir nichts miteinander zu tun. Jetzt sehen wir uns regelmäßig und reden miteinander." Auch Wege zum Friedhof seien dank des Bürgerbusses zu bewältigen. Der Bus mit seinen acht Sitzplätzen sei stets gut besetzt.

An einem ganz andern Ende der Stadt, an der Auerbacher Straße steigt Heide Schöller zu. Auch sie legt alle Besorgungen so, dass sie mit dem Bus fahren kann, ob Friedhof, Arzt oder Einkaufen. "Man kommt mit dem Bürgerbus überall hin", sagt die 75-Jährige. Donnerstags trifft sie die anderen Frauen von der Mozartstraße, von der Hauptstraße oder der Siedlung: "Wir haben immer viel Spaß miteinander." Noch einen positiven Effekt begrüßen die Seniorinnen: "Man sieht durch das Busfahren Teile der Stadt, in die man sonst nie kommen würde. Ich bin schon bis raus zur Ochsenwiese an der Schulstraße mitgefahren und war auch schon in Plohn und Abhorn. Das ist dann gleich wie eine kleine Ausfahrt", erzählt Heide Schöller.

Wie wichtig der Bürgerbus gerade für die ältere Generation ist, weiß auch Bürgermeister Volker Bachmann (Pro Lengenfeld). Er hat alles daran gesetzt, das Projekt in der Stadt zu etablieren. In Waldkirchen, Irfersgrün und Pechtelsgrün hat es nicht so gut geklappt. Zu wenige Fahrgäste seien eingestiegen. Innerhalb von Lengenfeld sowie die Touren nach Abhorn und Plohn laufen mittlerweile sehr gut.

Zurzeit fahren acht Ehrenamtliche den Lengenfelder Bürgerbus an drei Tagen pro Woche. Ausreichend Fahrer zu finden, war eine Hürde. Eine Zeit waren fünf Fahrer im Einsatz. Daraus ergaben sich für jeden Fahrer fünf Schichten pro Monat. Inzwischen habe sich die Situation entspannt. "Die Fahrten verteilen sich auf mehrere Schultern", so Bachmann. Ist damit zu rechnen, dass das Lengenfelder Angebot noch ausgebaut wird oder Bürgerbusse in anderen Orten des Vogtlands unterwegs sein werden? ÖPNV-Geschäftsführer Müller hält den Ball eher flach. "Prinzipiell kann so etwas schnell gehen", so Müller. "Aber aus jetziger Sicht gibt es keinen heißen Kandidaten." (mit nie)

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2Kommentare
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  • 1
    1
    Zeitungss
    06.01.2019

    Die Freude über den Bürgerbus ist beachtlich, wer unter diesen Umständen das Ding steuert und zu welchen Bedingungen, ist dabei vollkommen gleich, es betrifft die Fahrgäste nicht. Wenn das Verfahren zur Lohndückerei erst einmal Fuß gefasst hat, wird der eine ohne andere Zeitgenosse doch einmal wach, einen gestandenen Vogtländer dürfte es allerdings nicht anheben. Wer die Medien verfolgt, wird erstaunt feststellen, EHRENAMTLICH macht sich immer mehr breit, staatliche Aufgaben haben schon einen beachtlichen Anteil. Leider gibt es genügend Leute, welche sich mit einem feuchten Händedruck entlohnt fühlen, für Aufgaben der Daseinsführsorge ist das schon ein starkes Stück, dort werden die Erfinder dekoriert, weil doch alles so gut und preiswert funktioniert.

  • 4
    0
    Zeitungss
    04.01.2019

    BÜRGERBUS, eine feine Sache für die Nutzer, wie dem FP-Beitrag zu entnehmen ist. Hier werden aktiv Lohndrücker von Leuten herangezogen, welche selbst in ihrer Funktion überbezahlt sind und selbst nie auf solch die Idee kommen würden, einen Bürgerbus ehrenamtlich zu steuern. Der ÖPNV-Boss Müller und Bürgermeister Bachmann haben wohl vergessen, dass der ÖPNV zur öffentlichen Daseinsvorsorge gehört und nicht ein Modell zur Vermeidung von Lohnkosten ist. Hier ist der Gedanke schon strafbar und zeigt eigentlich wieder einmal, wie ordentliche Entlohnung in Sachsen gemeint ist. Für das eingesparte Geld (falls nicht anders verprasst) kann gelegentlich wieder ein Sonderzug gesponsert werden, um Leute anzuwerben.
    Der sozialen Frau Zimmermann ist bisher zu diesem Thema auch noch nichts eigefallen, was mich durchaus stutzig macht.
    Nichts gegen einen Bürgerbus, welcher in den ÖPNV integriert ist, allerdings nicht unter den derzeitigen Voraussetzungen, wo einige Unbezahlte die Arbeit verrichten und die Erfinder sich feiern lassen, nicht zuletzt in der FP.
    Zum Schluss noch die Frage, wieviel Runden haben denn die Erfinder schon ehrenamtlich gedreht, oder wäre besser gefragt, was ist an dieser Erfindung privat hängen geblieben ??? Ich fürchte, man wird es nicht beantworten wollen. Den beteiligten Ehrenamtlichen kann man nur bestätigen, der Begriff Marktwirtschaft ging voll und ganz an ihnen vorbei. Wer unbedingt Beschäftigung braucht, dem sei noch gesagt, es gibt sogar bezahlte und nicht einmal wenig.



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